PANIK IN NEW YORK
In einem Leuchtturm an einer einsamen Küstenstrasse sitzen zwei Leuchtturmwärter und schlagen sich die langen Nächte mit dem Erzählen von Geschichten um die Ohren. Eine dieser Geschichten handelt von einer Kreatur, welche auf dem Grund des Meeres zu schlafen versucht, jedoch aber vom traurigen Geräusch des Nebelhorns gestört und angezogen zu werden scheint. In einer nebligen Novembernacht wird aus der Geschichte plötzlich Realität: Die Kreatur erhebt sich aus den Fluten, macht den Leuchtturm dem Erdboden gleich und kehrt zurück auf den Grund des Meeres, wo sie bis heute in Frieden schläft!
So etwa könnte die Zusammenfassung von Ray Bradburys Kurzgeschichte „The Fog Horn“ lauten, welche im Jahre 1951 in der „Saturday Evening Post“ veröffentlicht wurde. Die eigentliche Entstehungsgeschichte von THE BEAST FROM 20,000 FATHOMS begann jedoch schon einige Jahre früher und lässt sich folgendermaßen erzählen…
Als Ray Harryhausen und Ray Bradbury zum ersten Mal Willis O’Briens Dino-Klassiker THE LOST WORLD (1925) sahen, hatten die beiden alten Freunde eine Vision: Bradbury würde ein Dino-Abenteuer schreiben und Harryhausen würde die Giganten der Vorzeit danach auf der Leinwand zum Leben erwecken. Während Harryhausen als Assistent seines Vorbildes Willis O’Brien „Stop-Motion“-Erfahrungen sammelte, verfasste und veröffentlichte Bradbury fleißig seine fantastischen Geschichten.
Im Jahre 1952 wurde Bradbury von Produzent Jack Dietz darum gebeten, ein Low Budget-Monsterfilm-Script von Lou Morheim und Fred Freiberger zu lesen und nach seinem eigenen Ermessen zu überarbeiten. Als Bradbury jedoch die Leuchtturmsequenz aus dem von ihm kurz zuvor verfassten „The Fog Horn“ wiedererkannte und den Rest des Scripts einfach nur als „fürchterlich“ erachtete, verkaufte er die Rechte an seiner Idee kurzerhand an Dietz und nahm Abstand von dem Projekt.
Obwohl die Leuchtturmsequenz im fertigen Film nicht mal eine Minute dauerte und das titelgebende Nebelhorn komplett unterschlagen wurde, gilt Bradburys Kurzgeschichte noch heute als Inspirationsquelle. Das Projekt selbst wurde zum Regiedebüt des 1991 verstorbenen Monsterfilmers Eugene Lourie und gleichzeitig zum ersten Film, bei dem sich die heutige „Stop-Motion“-Legende Harryhausen komplett eigenständig für die Animation eines Ungeheuers verantwortlich zeichnete.
So entstand aus einer Vision, Bradburys „The Fog Horn“, Harryhausens Rhedosaurus und einem Minimalbudget von 200.000 US$ ein Meilenstein des Dino-Films: THE BEAST FROM 20,000 FATHOMS (1953)!
Zu Testzwecken zünden US-Wissenschaftler eine Atombombe in der Antarktis. Kurz darauf kreuzt ein lebendiger Dinosaurier den Weg der Wissenschaftler Tom Nesbitt (Paul Christian) und George Ritchie (Ross Elliott). Während George unter einer Lawine aus Eis begraben wird, kommt Nesbitt gerade noch mit dem Leben davon.
Nesbitt vermutet, dass die Atomexplosion dazu führte, dass ein tiefgefrorener Dinosaurier im ewigen Eis aufgetaut und wieder zum Leben erweckt wurde. Zunächst will niemand seine fantastische Geschichte glauben, doch dann häufen sich Meldungen über Meeresungeheuer, die im offenen Meer „Schiffe versenken“ zu spielen scheinen.
Plötzlich hat Nesbitt die volle Aufmerksamkeit von Colonel Jack Evans (Kenneth Tobey), Professor Thurgood Elson (Cecil Kellaway) und dessen Assistentin Lee Hunter (Paula Raymond). Man ordnet den Dinosaurier der Gattung Rhedosaurus zu und vermutet, dass sich die Bestie auf dem direkten Weg nach New York City befindet, da seine Gattung in der Kreidezeit in diesen Gebiet angesiedelt gewesen ist.
Für Vorkehrungen ist es bereits zu spät: Urplötzlich geht der Rhedosaurus - eine fiktive Mischung aus T-Rex und Meeresungeheuer - im Hafen von New York an Land…
„Der Rhedosaurier und ich sind alte Freunde!“ sagt Professor Elson im Film und dieses Zitat ist in gewisser Weise auch auf mich zutreffend: Voller Faszination sah ich als kleiner Junge erstmals den hierzulande als PANIK IN NEW YORK veröffentlichten Dino-Klassiker!
Dabei wurde der Film eher „in kleinem Rahmen“ inszeniert und so dauert es eine gewisse Weile, bis der sorgfältig und mit technischer Perfektion animierte Titelheld in New Yorks Straßenschluchten zu wüten beginnt. Dort darf er dann Angst und Schrecken verbreiten, Autos und Häuser zertrümmern und sogar einen lebendigen Menschen fressen. Letzteres gehört heute fest zum Aufgabenbereich eines jeden Filmungeheuers, doch damals wurde die Szene kurzerhand wegzensiert und erst Jahre später wieder in den Film eingefügt.
Der Showdown im Vergnügungspark auf „Coney Island“ folgt schon kurze Zeit nach dem Besuch der Großstadt und lässt den Rhedosaurus ähnlich dramatisch und traurig sterben, wie schon King Kong einige Jahre zuvor ums Leben gekommen war. Übrigens ist hier der junge Lee van Cleef in der Rolle des Unteroffiziers Stone zu sehen; jenem Soldaten, welcher den Todesschuss auf den Rhedosaurus abfeuert.
Story und Umfang von KING KONG UND DIE WEISSE FRAU (1933) waren da zumindest ein wenig fantastischer: Es gab eine mysteriöse Insel voller Gefahren und Dinos am Ende der Welt, eine außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Ann und Kong und ein unvergessliches Finale auf dem Empire State Building. Der durch PANIK IN NEW YORK inspirierte, japanische Atomechsen-Schocker GODZILLA (1954) hingegen kam ein wenig bedrohlicher daher und hatte eine düsterere Atmosphäre. Außerdem geriet er durch seine „Man-in-Suit“-Inszenierung destruktiver und spektakulärer. Abgesehen davon kann sich sowieso kein „normaler Dino“ mit dem „König der Monster“ auf eine Stufe stellen!
Für Fans von klassischen Monsterschauern gehört PANIK IN NEW YORK trotzdem zum Pflichtprogramm und überzeugt dabei mit seiner einfachen und sympathischen Art und Weise! Man sollte einfach nicht versuchen, die Faszination von Filmen wie FORMICULA, TARANTULA oder THE BLACK SCORPION zu entschlüsseln und sich stattdessen auf eine Reise in eine Zeit einlassen, in der Mysterien noch nicht erklärt werden mussten! Zuschauer wurden noch nicht von Plastik- und CGI-Monstern belästigt und stattdessen durfte man erleben und genießen, mit welcher Liebe und Hingabe die Schöpfer dieser fantastischen Kreaturen zu Werke gegangen sind!
Im Sinne von Bradburys Kurzgeschichte bitte ich darum, die Kreatur auf dem Grund des Meeres in Frieden schlafen zu lassen und seine wohlverdiente Ruhe niemals für ein mehr als überflüssiges Remake zu stören!
8/10 Punkten, diBu!