Drei Jahre vor I'm Not There kam bereits Todd Solondz im vorliegenden Film auf die Idee, mittels mehrerer Schauspieler ein und dieselbe Figur zu verkörpern. Doch war es dort mit Bob Dylan eine populäre Persönlichkeit, die multipel dargestellt wurde, ist es hier das Teenager-Mädchen Aviva von nebenan. Der Unterschied setzt sich jedoch weiter fort: Wurde in I'm Not There mit diesem Kunstgriff dem Facettenreichtum einer Musiklegende Ausdruck verliehen, dient er in Palindrome dazu, genau die Unveränderbarkeit eines Menschen mit seinen Charaktereigenschaften, die für immer fix scheinen, zu zeigen. Vielfalt versus Status quo.
Der Titel bezeichnet dabei ein Wort, welches von links nach rechts genau so gelesen werden kann wie von rechts nach links, vorwärts genau so wie rückwärts. Bezogen auf den Film steht es für den Ist-Zustand, der sich nicht mehr verändern wird; die Persönlichkeit, die auch durch körperliche Veränderungen wie Alter oder Wachstum keinen Wandel erfährt. Der im ambivalenten Körper gefangene Geist, den es nach Befriedigung giert.
Erzählt wird die Geschichte von Teenagerin Aviva (dieser Name ist ein Palindrom), welche lieblos aufwächst und aus dieser Motivation heraus den Wunsch hegt, ein Kind zu bekommen. Deswegen schläft sie mit dem Loser Judah und wird schwanger. Ihre Eltern (u. a. Ellen Barkin) schleifen sie in eine Abtreibungsklinik und nach dem komplikationsreichen Eingriff reißt Aviva von zu Hause aus - auf der Suche nach Liebe, die ihr nie zuteil wurde...
Dies ist der Beginn einer Odyssee, in welcher Aviva zwar an christliche Fanatiker und Pädophile gerät, jedoch nie zu sich selbst findet. Regisseur und Drehbuchautor Solondz zeichnet die Adoleszenz in einem lieblosen Amerika als eine nicht enden wollende, ergebnislos verlaufende Tortur. Aviva mit ihren acht Persönlichkeiten wird zum Spiegelbild einer ganzen Generation, die immerzu an der falsche Stelle die richtigen und wichtigen Dinge sucht, die sie deswegen nicht oder nur in pervertierter Art bekommen kann.
So ist Trucker Earl (Stephen Adly Guirgis) vorbestrafter Pädophiler als auch Mörder - aber zugleich moralischer Sympath. So sind die „Sunshines", eine zutiefst gläubige Patchwork-Familie voller Sympathie, die immer wieder Kinder adoptieren, zugleich Auftraggeber eines Mordes an einem Abtreibungsarzt. Das zeitgenössische Amerika mag vordergründig das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten" und Chance für die Jugend zu sein, stiftet jedoch angesichts seiner Ambivalenz und lieblosen „Jeder ist sich selbst der Nächste"-Mentalität und elterlicher, zweifelhafter moralischer Autorität hintergründig Verwirrung. Das zuvörderst als positiv zu bewertendes Bedürfnis nach Liebe erfährt seine Perversion, indem es an der falschen Stelle, den sehnlichen Wunsch nach einem Kind, gesucht wird. Deformierungen und Abartigkeiten sind im geistigen, körperlichen und gesellschaftlichen Sinne allgegenwärtig.
Die acht Schauspieler, welche in diesem in mit Zwischentiteln vermittelten Episoden geteilten Film agieren, stehen somit gleichsam für den Schrei einer ganzen Generation nach Liebe und andererseits für die Beständigkeit einer Persönlichkeit, die von außen trotz ihres körperlichen Wandels nicht als verändert angesehen wird, weil - und das ist die wenig tröstliche Konsequenz - sie trotz aller Erfahrungen, die sie gemacht hat, stets dieselbe bleibt mit den selben elementaren Bedürfnissen. Menschen ändern sich nicht.
Und genau hier ist der Schwachpunkt von Palindrome zu entdecken: Die vielfältigen Schauspieler einer Figur vermögen nicht, dieser Tiefe zu verleihen. Wir erfahren kaum etwas über Aviva als Person, nur über ihre - letztendlich unnützen - Irrwege, die sie geht, um ihr Ziel zu erreichen und ihr Schicksal in Vergangenheit und Gegenwart, welches jedoch mit platten, stereotypischen Versatzstücken nicht geizt. Während einigen Darstellerinnen mehreren Minuten Spielzeit gegeben wird, sind andere nur kurze Gastspiele vergönnt. Alle wirken seltsam emotionslos und gehemmt, was eine Überbrückung der dadurch aufgebauten Distanz zu dieser durchaus interessanten Figur schwierig macht..
Dabei ist es Solondz' eindringlicher Erzählweise zu verdanken, dass sein schwermütiger Film nie ins Banale abdriftet. Insbesondere die ambivalente, zugleich wunderschöne aber auch melancholische Musikuntermalung um das einsilbige „Lullaby"-Thema oder die cremefarbenen Texttafeln zwischen den einzelnen Film-Abschnitten beweisen dies. Fantastischer Traum und realer Albtraum können so nah beieinander liegen - besonders wenn man Kind ist und erwachsen werden will.
Ob nun Jesus Christus der Erlöser ist oder nicht: Orientierung im Leben bezüglich des Platzes, wo man hingehört, kann auch er nicht geben. Das Leben besteht aus Grauzonen, „Gut" und „Böse" durchdringen solange einander, dass Palindrome letztendlich der gefährliche Subtext innewohnt, dass man Mord und Pädophilie als etwas Alltägliches ansehen und für legitim erachten muss. Dem sollte aber nicht so sein.
Die Konsequenz des Films ist, dass Anfang und Ende identisch sind. Die Charaktere haben sich trotz ihres anderen Körpers nicht geändert. Zweifel an sich selbst, Angst, Lieblosigkeit und Unsicherheit bleiben. Die Seifenblasen junger Mädchen vom „American Way of Life" mit Mann, Kind und Haus zerplatzen ebenso wie der Glaube ans Lebensglück: Die Realität holt diese Idealvorstellung ein. Die Frage ist nur, wie man sich damit arrangieren kann, wenn persönliche Veränderung unmöglich scheint. Todd Haynes hätte darauf keine Antwort gehabt, die so schwer, aber gerade deswegen nachwirkend im Magen liegt. (7/10)