Wer versucht, einen Autohändler zu durchschauen, könnte genauso gut blind in einen völlig verschlammten Teich hüpfen. Und darin auch noch mit bloßer Hand Aale fangen wollen. Der Instinkt rät dem durchschnittlichen amerikanischen Bürger jedenfalls zur Vorsicht. Immer dran denken: Dieser windige Kerl im schlecht geschnittenen Anzug, der wie ein professioneller Einbrecher die Tür ins Innere deiner Comfort Zone aufbricht und als Werkzeug dafür einlullenden Smalltalk anwendet, ist nicht dein Freund. Er will dir nichts Gutes, er will nur dein Geld. Wer also einen Autokauf plant, hat vorsorglich schon mal alle Alarmglocken im Bereitschaftsmodus. Warum sollte man sich dafür interessieren, wie es bei so einem Kerl im Inneren aussieht, wenn nicht, um beim Feilschen um den Endpreis einen Vorteil herauszuholen?
Nun… vielleicht, weil man einen von ihnen kennt und ein paar Dinge gerade rücken möchte, die sich im Kollektiven Bewusstsein zum Klischee entwickelt haben. Wie im Fall Roger Donaldson (“Pakt der Rache“). Der hatte zufällig einen autoverrückten Mechaniker und Autohändler zum Vater und wurde von ihm auch schon mal zur Rennbahn in Melbourne mitgeschleppt. Donaldsons Regie-Karriere begann mit Autos („Smash Palace“, 1981) und wird bis zum heutigen Tag von Autos begleitet („McLaren“, 2017). Offensichtlich besteht also eine gewisse Verbundenheit zur Szenerie und zu den Menschen, die sie zum Leben erwecken. Was könnte „Cadillac Man“ also anderes sein als ein Andenken an den eigenen Vater und die Kindheitserinnerungen, die von dessen Leidenschaft entscheidend mitgeprägt wurden?
Allerdings ist von einem solch persönlichen Ansatz zu Beginn noch nichts zu spüren. Eingeführt wird der von Robin Williams gespielte Verkäufer Joey O’Brien als hinterlistiger Parasit, der für den eigenen Profit im besten Sinne des Wortes über Leichen geht. Denn wie könnte Komödie eine noch schwärzere Färbung annehmen als im schamlosen Versuch, einer Witwe am Tag der Beerdigung ihres Mannes ein neues Auto zu verkaufen?
Diese Szene, die Peter Jackson sechs Jahre später glatt für seinen Einstieg in „The Frighteners“ recycelt haben könnte, ist der erste Dominostein für eine Kette weiterer charakterlicher Verfehlungen der Hauptfigur, die das Drehbuch Szene für Szene freilegt. Wäre dies ein akkurates Abbild von Roger Donaldson Senior, so fiele es nicht besonders vorteilhaft aus, gerade was den Umgang mit Frauen angeht: Wird in einer Szene noch die Bettdecke mit Fran Drescher (“Die Nanny”) geteilt, streichelt der linkische Überlebenskünstler nur wenige Filmminuten später Lori Pettys (“Point Break“) Ego, als wäre er ein fürsorglicher, treuer, monogamer Partner. Und als wäre dies noch nicht genug, sind die Gefühle für Pamela Reed (“Kindergarten Cop”) in der Rolle der Ex-Frau auch noch nicht ganz ausgeschwitzt.
Wir haben es in der Vorstellungsphase des ersten Akts also noch eher mit einem klassischen Käfigtauchgang in die wunderbare Welt eines Haifischbeckens zu tun, dessen Kodex nicht nur im Job gilt, sondern auch im Privaten. Über einen Haifisch, der augenzwinkernd zu einem Rundgang einlädt, soll man üblicherweise in die Regeln und Gesetze einer Branche eingeweiht werden, in die man ansonsten wenig Einblick hat. Des öfteren durchbricht Robin Williams die vierte Wand, wenn er sich am Steuer seines Cadillac der Kamera auf dem Beifahrersitz zuwendet und mit dem Zuschauer redet, so wie er es ansonsten via Off-Kommentar zu tun pflegt. Das hat schon viel von dem Charme einiger moderner Scorsese-Gangsterklassiker. Da spricht ganz sicher kein sympathischer Mensch zu uns, allerdings doch ein charakterliches Unikat, das deswegen fasziniert, weil es zumindest nach einem fest definierten Credo lebt.
Aus diesem Comicrelief entsteht allerdings nach etwa vierzig Minuten etwas völlig Neues, als ein zweites Comicrelief mit einer Hand am Motorradlenker und der anderen an einer AK-47 durch die Schaufenster des Büros kracht. Tim Robbins, ausgestattet mit Dorftrottelblick und wirrer Vogelnest-Frisur, wird zum Game Changer, just in dem Moment, als bei der Hauptfigur all die Frauengeschichten und der steigende Druck, den Tagessatz an Verkäufen zu erreichen, zu kollidieren drohen. Auf einmal ist „Cadillac Man“ ein ganz anderer Film: kreischende Geiseln, bellendes Kleinvieh und ein eifersüchtiger Terrorist bestimmen fortan den Takt. Minutenlang dreht sich das Skript im Kreis, als es selbst die Planlosigkeit von Robbins’ Figur annimmt, der nun Menschen mit einer Waffe bedroht und nicht so ganz weiß, was eigentlich als nächstes passieren soll.
Robbins hat den dumpfbackigen Verlierertypen natürlich gut genug drauf, dass man auf Anhieb Mitleid mit ihm empfindet, ein Mitleid, das den Zuschauer mit der Hauptfigur erstmals eint. Donaldson nutzt ab sofort den Rhythmus des sich anbahnenden Stockholm-Syndroms, um sich dem bis dato aalglatten Hauptdarsteller zu nähern, der auf einmal in einem ganz anderen Licht erscheint. Robin Williams, dessen Vater selbst in einer hohen Position bei einem Automobilhersteller beschäftigt war, gelingt dieser Sprung vom selbstsüchtigen Händler zum menschenfreundlichen Vermittler fast nahtlos, weil er weder in der ersten Phase die Skrupellosigkeit überreizt noch in der zweiten Phase allzu sehr den Philanthropen heraushängen lässt. Oberflächlich mag dieser Spagat gemessen an der einfachen, teils schablonenhaft gezeichneten Rolle profan sein; wie schnell so etwas aber zur schrillen Karikatur verkommen kann, hat schließlich Bruce Willis in „Breakfast for Champions“ bewiesen.
Dennoch gelingt es dem Regisseur nicht, die Waage in gleicher Manier zu halten. Ähnlich wie Robert Zemeckis bei „Used Cars“ ist Donaldson nicht dazu in der Lage, den Ton einmal sauber zu treffen und dann durchgehend zu halten. Die Szenen im chinesischen Restaurant zeigen auf, welch komödiantisches Potenzial in diesem Film schlummert; Lauren Tom („Futurama“) ist großartig in ihrer Nebenrolle als Kellnerin, die den Kunden ihre Rassenvorurteile postwendend auf dem Teller retourniert. Ein wunderbarer Running Gag, der selbst während der Geiselnahme anhand von dinierenden Spezialeinheiten weiter ausgespielt wird. Im direkten Vergleich wirkt der Hauptschauplatz seltsam spannungsarm, chaotisch und gegen Ende auch viel zu zerfasert. Wenige Impulse von außen und wenige Entwicklungen im Inneren sorgen dafür, dass man sich selbst im Angesicht der gezückten Waffe eines Liebestollen mit gebrochenem Herzen an einem gewissen Punkt zu langweilen beginnt, bevor erneut Chaos und Geschrei die Situation zu einem Ende führen, das dann aber auch wieder viel zu breit ausgewalzt wird.
Entstanden irgendwo zwischen seinen ersten großen Erfolgen „Good Morning, Vietnam“, „Der Club der toten Dichter“, „König der Fischer“ und „Hook“, ist „Cadillac Man“ in Sachen Aufwand für Robin Williams wieder eine Rückkehr zu seinen weniger beachteten Comedy-Rollen der frühen und mittleren 80er Jahre. Ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Amerika, in dem tragikomische Gestalten aufeinander treffen, um das Land zu kommentieren und die Leute, die darin leben. Mehr als das bietet der Stoff nicht, der letztlich zu oberflächlich bleibt für die tieferen Ebenen eines vollwertigen Dramas und der nur gelegentlich den Biss einer herzhaften Satire zeigt. Und ob es sich rentiert, amerikanische Autos zu kaufen? In Joey O’Brians Augen wird man die Antwort auf diese Frage nicht finden…