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Gerade vergangenen Samstag lief Michael Apteds eiskalter Hochspannungsthriller wieder auf ARD, und obwohl (durch eine Livesendung auch noch um eine knappe Stunde nach hinten verschoben) er erst gegen zwanzig vor zwei begann, konnte ich wieder mal nicht anders als mir den mittlerweile schon echt oft angeschauten „Gorky Park“ wieder rein zu ziehen.

Im Moskauer „Gorky Park“ werden drei Leichen gefunden, die professionell bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurden, um die Identifizierungsarbeiten zu erschweren. Der intelligente und engagierte Milizpolizist Renko wird bei seinen Ermittlungen schon am Tatort durch den KGB gestört, und im späteren Verlauf seiner Tätigkeiten wird der Fall für ihn immer gefährlicher. Schnell steckt er nicht nur in höchsten Kreisen des Landes mit drin, sondern kommt durch den Pelzhändler Osborne (genial: Altstar Lee Marvin) sogar einer Staatsaffäre auf die Schliche, in die auch hohe KGB-Offiziere verwickelt sind. Eine Freundin einer der Toten (Joana Pacula) scheint die Wahrheit zu kennen, verschweigt sie aber, da sie den Tod ihrer Freundin nicht wahrhaben will. Klar ist schnell, dass der Coup um Menschen- und Tierfellschmuggel nicht ohne tote enden kann...

Schon der hämmernde, düstere Score aus der Feder des renommierten James Horner lässt auf ein beklemmendes, düster-kaltes Thrillerszenario schließen. Und zu Recht: die morbide Stimmung, die durch den Fund der verstümmelten Leichen aufgebaut wird, setzt sich nicht unbedingt fort, doch dafür entschädigt ein brisantes Verwirrspiel mit reichlich Politaspekten, die für einen Film dieses Jahrgangs als reichlich gewagt angesehen werden durften – gerade für einen eigentlich rein amerikanischen Thriller, für den kein Fuß auf russischen Boden gesetzt wurde. Die Romanvorlage von Martin Cruz-Smith wurde exzellent umgesetzt und vor allem das Ensemble an (vor allem heutzutage) kaum noch richtig bekannten Schauspielern kann reichlich punkten: am besten hat mir William Hurt als strenger, aber nicht unemotionaler Polizist gefallen, genauso wie Routinier Lee Marvin als Pelzhändler sowie Ian Bannen als hoch dekorierter Polizeibeamter oder Brian Dennehy als knurriger New Yorker Detective auf Abwegen. Auch Joana Pacula, hier debütierend, zeigt ihr Talent als illusioniertes Opfer eines fremden, verbrecherischen Chauvinisten.
Obwohl der Mörder relativ früh bekannt bzw. offensichtlich gemacht wird, sackt die Spannung keineswegs ab, da der Fokus später nicht mehr auf einer Person liegt, sondern auf einem großen verbrecherischen Akt, in den unzählige Parteien verwickelt sind. Das Finale kracht noch einmal mächtig ins Mark, und neben unzähligen Toten beweist der Regisseur nicht nur Geschick für kalten Thrill, sondern auch für stark gespielte Emotionen.

Kann nicht verstehen, warum hier lediglich zweimal 6 Punkte vergeben wurden. Der Film sumpft weder vor sich hin noch kann ich irgendwelche überdeutliche Klischees entdecken. Die darstellerischen Leistungen sind großartig, genauso wie die winterliche Atmosphäre, der Soundtrack sowie der Sinn für Dramatik. Im Angesicht vom heutigen Überfluss an amerikanischem Mainstreamramsch und langweiligem, oberflächlichem 08/15-Quatsch mit Sicherheit ein kleines Juwel, das nicht in Vergessenheit geraten sollte. Ich freue mich schon auf die nächste Ausstrahlung im TV...oder ich hole mir endlich mal die DVD. Noch heute.

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