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Das Fazit vorweg: "Zenabel" ist ein witziger, erotischer und geistreicher Film, der die Ende der 60er Jahre aufkommenden Freiheiten nutzte, sie gleichzeitig aber auch nicht allzu ernst nahm. In einem Punkt blieb sich "Zenabel" aber treu - dem Motto des Original-Filmtitels "Zenabel davanti a lei tremavano tutti gli uomini" (Zenabel, vor der alle Männer erzitterten). Eine Paraderolle für Lucretia Love, eine Darstellerin, die zwischen 1965 und 1980 in vielen erotischen Filmen zu sehen war - meist in Nebenrollen. In "Zenabel" konnte sie sich einmal richtig austoben, zudem noch an der Seite ihres Ehemanns Mauro Parenti in der Rolle des männlichen Co-Helden und Möchtegern-Liebhabers Gennaro, der hier aber genauso wenig zum Zug kam wie alle anderen Männer. Leider werden dem Film die hier genannten Qualitäten nur selten nachgesagt, da sie drei Voraussetzungen bedürfen: Einbeziehung des zeitlichen Kontextes, Kenntnis des thematischen Vorbilds - dem „Comic für Erwachsene“ (Fumetto per adulti) "Isabella" - und nicht zuletzt die originale Filmfassung mit einer Länge von 84 Minuten.

Die Phase des gesellschaftlichen Wandels Ende der 60er Jahre dürfte generell bekannt sein, für einen Einblick in die literarische Vorlage genügt die Ansicht der Comic-Verfilmung „Isabella duchessa dei diavoli“, der nur wenige Monate zuvor in die italienischen Kinos kam. An dessen Drehbuch hatte auch „Isabella“-Autor Giorgio Cavedon mitgewirkt, der für eine originalgetreue Interpretation sorgte. Regisseur Ruggero Deodato und seine zwei Co-Autoren Gino Capone und Antonio Racioppi orientierten sich dagegen nur lose am Handlungsrahmen, sondern kontrastierten dessen widersprüchliche, den damaligen Zeitgeist widerspiegelnde Kreation einer Protagonistin zwischen Heldin und Lustobjekt, zwischen selbstbewusstem Auftreten und masochistischer Opferhaltung.

Auch „Zenabel“ verfügt über Nacktaufnahmen, aber diese beschränken sich größtenteils auf die Eingangssequenz, in der sich junge Frauen zur großartigen Musik von Bruno Nicolai (eingespielt von Ennio Morricone) in Zeitlupe an einem Wasserfall entkleiden und sich mit Blüten bewerfen, während mitten im Bild unerschütterlich eine Kuh verweilt. Nicht nur die Spanner, die diese Szenerie beobachten, beziehen danach Prügel, Ruggero Deodato belustigte sich generell über den männlichen Voyeurismus. Darüber hinaus existieren in „Zenabel“ nur noch wenige freizügige Aufnahmen. Dafür zuständig ist allein Lucretia Love, die im Gegensatz zur ihrem Vorbild Isabella aber nie in eine Opferrolle gerät. In der obligatorischen Folterszene, in der sie der Tyrann Don Alonso (John Ireland) persönlich quälen will – ein prototypisches Handlungselement der Comicvorlage – kastriert dieser sich versehentlich selbst und spricht danach nur noch mit piepsiger Eunuchen-Stimme. Diese aus heutiger Sicht albern wirkende Umsetzung wählte den überspitzten Kontrast zur Ernsthaftigkeit des Originals und dessen Bedienung männlicher Fantasien.

Auch die sonstige Anlage persiflierte das Vorbild. Beispielhaft steht dafür die Szene am Sterbebett des Vaters, der Zenabel kurz vor seinem Tod mitteilt, dass sie in Wirklichkeit nicht seine Tochter ist, sondern eine junge Herzogin, deren Eltern von einem schändlichen Baron ermordet und ihrer Besitztümer beraubt wurden. Die Worte des wenig malad wirkenden Todkranken werden mit einer mit Comicblasen angereicherten, slapstickhaften Stummfilmszene untermalt, in der es nicht annähernd so heroisch zugeht, wie Zenabels Vater zu vermitteln versucht, der unmittelbar danach sein Leben aushaucht. So glaubt nicht nur der Betrachter, sondern auch das trauernde Volk, das sofort alles an sich reißt, was nicht niet- und nagelfest ist, worauf der vermeintlich Tote noch einmal zu sich kommt und die gierige Bagage rausschmeißt. Diesem Stil blieb der Film treu, der jedes dramatische Klischee – die versuchte Vergewaltigung einer jungen Frau, die Treibjagd auf Jungfrauen, die Hinrichtungsszene oder die abschließende Schlacht – mit ironischer Leichtigkeit ins Gegenteil kehrte.

Unterstützt wird Zenabel bei ihrem Feldzug gegen den Baron nicht nur von einer Gruppe unterschiedlicher Frauen, sondern von zwei Männern, deren Witzfiguren selbst tief in die Klischee-Kiste griffen: der alternde Lüstling und der tuntige Schwule. Die Rolle des Pancrazio, der jeder jungen Frau augenrollend hinterher sieht, gleichzeitig die Annäherung einer Dicken (Fiammetta Ballara) aber angewidert ablehnt, gilt als ein Tiefpunkt in Lionel Standers langer und erfolgreicher Karriere. Auch der von Fiorenzo Fiorentini mit sympathischem Elan gegebene Cecco, der lieber als Frau durchgehen möchte, erfüllte die Vorurteile an diesen Typus. Relativierend lässt sich aber feststellen, dass in „Zenabel“ kein männlicher Charakter ohne Blessuren davon kam. Das galt auch für den coolen Räuber-Hauptmann Gennaro (Mauro Parenti), der sich mit Zenabel zwar eine Art Dauer-Flirt liefert und kräftig mitkämpfen darf, letztlich aber nur ihren schönen Rücken zu sehen bekommt – aus Entfernung.

So zumindest in der italienischen Originalfassung, die für die internationale Vermarktung aber offensichtlich zu zahm war. Die us-amerikanischen Co-Produzenten ließen für die gut 90minütige und damit sechs Minuten längere englischsprachige Fassung einige Szenen nachdrehen, die den Erotikanteil deutlich ausdehnten. Erneut standen Lucretia Love und ihre Mitstreiter vor der Kamera, aber die satteren Farben und weicheren Konturen der Bilder oder die längere Haarpracht ihres Partners Parenti zeugen davon, dass die Aufnahmen erst zu einem späteren Zeitpunkt entstanden waren. Darüber ließe sich hinwegsehen, hätten diese zusätzlichen Szenen nicht unmittelbar Auswirkung auf den Charakter und damit die Intention des Films. Schon die Ausdehnung des Überfalls auf die junge Frau, der Zenabel und ihre Freundinnen - anders als im Original - erst zu Hilfe kommen nachdem sie vollständig entkleidet wurde, verlieh dem spielerischen „Zenabel“ eine unpassende Härte.

Das steigert sich ins Unangenehme als die Heldin erstmals den Räuber-Hauptmann Gennaro trifft. Dieser, leicht verärgert, dass sie keinen Respekt vor ihm zeigte, versucht ihrer habhaft zu werden, stellt ihr eine Falle und küsst sie. Belohnt mit einem Biss in seine Lippe, kehrt er unverrichteter Dinge zu seinen Männern zurück. Diese Konsequenz ihrer ersten Begegnung ist auch in der englischsprachigen Version zu sehen, nur dass es nicht bei dem Kussversuch blieb. Gennaro hatte Zenabel zuvor gefesselt und von hinten vergewaltigt. Diese grob hineingeschnittene Sequenz widersprach nicht nur dem sympathischen Charakter des lässig-charmanten Räubers, sondern stellte seinen folgenden frivol-frechen Umgang mit Zenabel in Frage. Etwas zurückhaltender blieb die deutsche Kinofassung, die den Sex zwischen den Protagonisten einvernehmlich schilderte - mit deutschen Darstellern nachgedreht - aber das änderte nichts an der Missachtung der Absichten Deodatos.

Denn konkreter Sex findet in „Zenabel“ nicht statt, egal welche Methoden die Männer auch anwenden. Selbst die „Jungfrauenjagd“ wird boykottiert, in dem die KO-Tropfen im Getränk der Männer landen, die sich darauf nicht mehr auf den Beinen halten können. Einzig Don Alonso hatte nichts zu sich genommen, aber den erledigt Zenabel auch so. Als der Film 1972 in die deutschen Kinos kam, war dessen Anteil an Nacktaufnahmen gemessen am inzwischen gewohnten Standard gering, weshalb fast 15 Minuten der Handlungselemente gestrichen wurden (darunter auch eine knappe Minute der Zeitlupen-Sequenz zu Beginn), um an jeder möglich scheinenden Stelle zwei Nackedeis einzublenden. Deren Inszenierung und Auftreten wirkt so deplatziert, dass die Szenen leicht ignoriert werden können, ändert aber nichts an deren verfälschender Wirkung von Frauen, die den Männern jederzeit zur Verfügung stehen.

Die Schnitte und hinzu gefügten Szenen hatten allein den Zweck, „Zenabel“ besser als Erotik-Film vermarkten zu können, aber die Ignoranz gegenüber Deodatos ironisch-spöttischem Blick auf die sich verändernden Geschlechterrollen sagt viel über eine Haltung aus, an der sich bis heute wenig geändert hat. Signifikant steht dafür eine Szene, die es nur in der englischsprachigen Fassung gibt, deren scheinbare Folgerichtigkeit aber auch heutige Erwartungen noch erfüllt. Zenabel und Gennaro endlich in Liebe vereint. Eine Parallele zu „Isabella duchessa dei diavoli“, in der die Heldin ebenfalls am Ende dem Mann an ihrer Seite gehört. So viel männliche Bestätigung musste schon sein - in Deodatos Urfassung war das nicht vorgesehen (8/10).- englischsprachige Fassung (5/10), deutschsprachige Fassung (3/10)

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