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Generationenwechsel im Schnelldurchlauf. Kein ganzes Jahr nach „Scanners II“ beliefert Christian Duguay die Videotheken bereits mit Teil 3, und wenn David Cronenbergs DNA schon in der ersten Fortsetzung nur noch schattenhaft zu erahnen war, so hat sie sich spätestens für den finalen Ableger vollständig in ihre Atome aufgelöst.

Dabei ist es nicht einmal die Entfremdung vom Original, die an der dtv-Produktion so sehr irritiert; schließlich ist man es gewohnt, dass Filme mit einer eigenen Vision für die Genre-Laufkundschaft ausgeschlachtet werden. Rätselhaft ist wohl eher die Drastik, mit welcher Cronenberg-Erbe Duguay sich selbst unterbietet, nachdem er mit „Scanners II“ wenige Monate zuvor immerhin noch gewisse Ambitionen vorweisen konnte. Was er hier jedoch als Abschluss einer Trilogie folgen lässt, nach der niemand je gefragt hat, wirkt eher wie etwas, das eine unterbezahlte B-Unit back-to-back parallel zum zweiten Teil mit gleichem Equipment und neuer Besetzung gedreht hat, damit das Studio mit dem Namen Cronenberg noch ein paar schnelle Kröten extra verdienen kann.

Mit dem von Steve Parrish gespielten Alex Monet müssen wir uns zum dritten Mal an eine neue Hauptfigur gewöhnen, die neue Konflikte mit sich herumschleppt und eine neue Geschichte zu erzählen hat… was letztlich darauf hinausläuft, dass die „Scanners“-Mythologie zum reinen Gimmick verkommt, angewendet auf immer neue, voneinander unabhängige Drehbücher. Während Cronenberg noch subtil mit den telekinetischen Kräften seiner Figuren umging und sie zum Aufbau von Suspense zurückhielt, ja sogar Duguay in seinem ersten „Scanners“-Film noch um einen sorgsamen Aufbau seines Protagonisten bemüht war, liefert sich Parrish in seiner Einführung gleich mal ein Scanner-Duell mit seinem besten Kumpel… auf einer Party. Einer Par-ty! Damit wäre dann auch die Marschrichtung vorgegeben… Scanner-Selbsthilfegruppen, die bei Kerzenschein in Altbauten im Kreis sitzen, um sich vor der Öffentlichkeit zu verstecken, oder Scanner-Soziopathen, die wie entfesselte Terminatoren mit durchgebranntem Sicherheitschip die Seitenstraßen aufmischen, solche Dinge gehören offensichtlich der Vergangenheit an.

Will man darin einen Vorteil sehen, könnte man sagen: „Scanners III“ ist der Teil der Reihe, der auf Gedeih und Verderb alles unternimmt, um das Tempo hoch zu halten. Ab sofort gedenkt Duguay die primitiven Bedürfnisse des Videothekengängers zu stillen. In der Tat ist das Skript prall gefüllt mit Zutaten, die rein gar nichts mit „Scanners“ zu tun haben, dafür aber umso mehr mit den Konkurrenzfilmen jener Zeit aus der Verleihecke. Besonders auffällig ist die unerklärlich aus dem Nichts auftauchende Affinität für Martial Arts. Als man sich dazu entscheidet, die Hauptfigur auf einen Selbstgeißelungs-Trip nach Thailand zu schicken, sind sie fürwahr nicht mehr fern, all die Kampfsport-Actioner, von denen Aberdutzende gerade erst frisch auf den Markt geworfen wurden… „American Shaolin“, „American Kickboxer“, „American Ninja 4“, „Kickboxer 2“, alles Videothekenfutter aus dem Jahrgang 91/92, dessen Kundschaft offenbar nun auch für das traditionell Genre-unentschlossene „Scanners“-Franchise an Land gezogen werden soll. Als Konsequenz gibt es Bilder thailändischer Wat-Architektur unter Blutorangen-Sonnenuntergängen, Marktbesuche mit Kickbox-Showkämpfen und verträumte Spaziergänge des amerikanischen Auswanderers und seines Shaolin-Meisters, der Glückskeks-Bonmots abfeuert wie ein Actionheld seine vollautomatische Maschinenpistole.

Um so absurder erscheinen die Schauplatzwechsel, denn wenn der Fokus auf die Antagonistin gelegt wird (ihre Weltherrschaftsambitionen sind letztlich Ausgangspunkt für den allzu generischen Videotheken-Titel „The Takeover“), rückt eine Villa im kanadischen (?) Nirgendwo mit langer Zufahrt und großer Privatwiese ins Bild, die man eher einem Melodram für den herbstlichen Kuschelabend mit Decke und heißem Tee zuschreiben würde (den Film also am besten im Zwiebellook schauen, damit man spontan auf die extremen atmosphärischen Wechsel reagieren kann). Während Steve Parrish als Hauptdarsteller vor allem wegen seiner kantigen Wangenknochen in Tradition seiner Vorgänger Stephen Lack (Teil 1) und David Hewlett (Teil 2) eingekauft wurde, weniger wegen seiner nicht vorhandenen Ausstrahlung, reißt Gegenspielerin Liliana Komorowska das Zepter schon fast zu rabiat an sich. Die Kamera ist besessen von ihrem Mund, der in jeder sich bietenden Gelegenheit zum Grinsen gebogen wird, um in besonders selbstzufriedenen Momenten, etwa wenn sie gerade eine Taube zum Explodieren gebracht hat, auch noch das Zahnfleisch zu entblößen. Sie ist als skrupellose Villainess so dominant, dass die Unsichtbarkeit der eigentlichen Hauptfigur im direkten Vergleich irgendwann zum Problem wird. Auf Augenhöhe begegnen sie sich nur in ihren hochnotpeinlichen Blick-Duellen, die innerhalb der Reihe traditionell ein Nährboden für Momente der Fremdscham sind, hier aber mehr als je zuvor.

Um die nebenbei ablaufende Story rund um eine schmerzlindernde Scanners-Droge nicht zu langweilig geraten zu lassen, zaubert das völlig verquaste Skript schließlich immer mehr Unterhaltungstricks aus dem Hut, egal ob sie zusammenpassen oder nicht. Soviel Tradition muss sein: Einem Arzt wird der Schädel auf Scanners-Art gesprengt (perfides Detail mit wenig Sinngehalt: Der Moment der Explosion wird von der Täterin auf einem Polaroid festgehalten), Schläge, Tritte, Knarren und Injektionsnadeln gegen bloße Gedankenkraft gestellt, gelegentlich sogar mal nackte Hupen ins Bild gehalten. Duguay lässt anhand einiger dynamisch gesetzter Schwenks in Autoverfolgungsjagden oder im telepathischen Duell erahnen, dass er sich grundsätzlich als Action-Regisseur durchaus eignen würde. Dass er noch lernt, sieht man allerdings an einigen unsauberen Übergängen.

Unter diesen Bedingungen ist vom mit Abstand schlechtesten Teil der Reihe auszugehen, wie man eigentlich nicht weiter betonen muss. „Scanners III – The Takeover“ ist mit chargierenden Darstellern gefüllter, auf Popularität und Trends gehorchender, von einem absurden Drehbuch geschädigter Marken-Schwindel, der den Kopf- und Körperwelten Cronenbergs komplett abgeschworen hat, obwohl er sich nach ihnen benennt. Als Kompensation bietet er schlecht montierte Action und andere fragwürdige Schauwerte. Immerhin muss man nicht allzu oft auf die Uhr schauen… dazu ist man zu sehr mit Kopfschütteln beschäftigt.

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