Review

Achtung: Handlungsspoiler enthalten!

Charlie, für den nur materielle Werte zählen, findet nach dem Tod seines Vaters heraus, dass er einen Bruder (Raymond) hat. Dieser ist Autist und hat Daddys Barvermögen (3 Millionen Dollar) geerbt, während Charlie nur ein Auto und die Rosensammlung vermacht wurde. Da Charlie gerade einen finanziellen Engpass hat, beschließt er, seinen Bruder aus dem Pflegeheim zu entführen, und ihn erst zurückzugeben wenn er die Hälfte der Kohle bekommt. Zunächst ist Charlie von Raymond genervt, aber mit zunehmender Zeit betrachtet er ihn nicht mehr nur als Kostenfaktor, sondern entwickelt familiäre Gefühle für ihn.

„Rain Man“ ist mir seit vielen Jahren ein Begriff, und trotz Interesse bin ich erst neulich dazu gekommen, mir den Film anzusehen. Fazit: nett, aber überbewertet. Die Idee, ein Yuppie-Arschloch durch den erstmaligen, aufrichtigen Zugang zu seinen eigenen Emotionen zu läutern, passt gut in die materialistische US-amerikanische Gesellschaft der 80er Jahre, wurde aber in meinen Augen zu klischeehaft umgesetzt. Am Ende hat Charlie nicht nur einen Bruder gewonnen, sondern auch seine Beziehung gerettet. Insofern hat der Film entgegen anderer Meinungen durchaus ein Happy End, auch wenn die Drei nicht im Cabrio gen Sonnenuntergang fahren.
Außerdem fand ich den Wandel von Charlie etwas aufgesetzt. Er fährt mit Raymond nach Las Vegas, um dessen mathematische Fähigkeiten für einen schnellen Gewinn auszunutzen. Und paar Minuten später will Charlie das Sorgerecht für seinen Bruder, weil er ihn so sehr liebt? Also bitte, da liegt doch der Verdacht näher, dass er Raymond nur als Mittel zum Zweck (weiter Kohle scheffeln) betrachtet. Wenn er wirklich mit seinem Bruder für immer zusammen leben will, hätte er doch zu ihm ins Pflegeheim oder wenigstens in dessen Nähe ziehen können, statt ihm nur zu versprechen, dass er ihn nun regelmäßig besuchen kommt. Ob er das wirklich tut, wird im Film nicht mehr gezeigt.

Schauspielerisch hat mich Tom Cruise mehr überzeugt als Dustin Hoffman, der den ganzen Film mit demselben Gesichtsausdruck rumrennt. Fans dieses Films werden dem entgegen halten, dass auf Hoffmans Gesicht unendlich viele Nuancen von Emotionen auszumachen sind, aber wenn Raymond mal nicht kurz austickt, ist sein Minenspiel tatsächlich so variabel wie das des Indianers in „Einer flog über’s Kuckucksnest“. Wer wissen will, wie glaubhaft man einen „anders Begabten“ darstellen kann, sollte sich Leonardo DiCaprio in „Gilbert Grape“ zu Gemüte führen. Dessen Leistung schlägt die von Hoffman um Längen, und dafür bekam Leo keinen Oscar (nur eine Nominierung). Ansonsten gibt es bei „Rain Man“ nichts zu meckern. Der Soundtrack stimmt, das 80er-Feeling passt und man wird 2 Stunden gut unterhalten. Trotzdem ist es meiner Meinung nach oberflächliches Hollywood-Gefühlskino, das bei näherer Betrachtung unglaubwürdig erscheint – daher nur 7 von 10 Punkten.

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