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Tom Cruise ist einer der letzten Superstars heutzutage, einer, der ungefähr einen Film pro Jahr herausbringt und meist dessen unumstrittener Star ist. Das liegt auch an der geschickten Karriereplanung des Sunnyboys.
Nach Rollen in einigen Teenfilmen umgab sich der Jungstar immer wieder mit gestandenen Mimen, deren Talent auf ihn in der Rolle des jungen Heißsporns abzustrahlen schien. Hier ist der junge Schnösel Charlie Babitt (Tom Cruise) mal wieder derjenige, der noch was fürs Leben zu lernen hat. Charlie ist ein Kind des Kapitalismus der 1980er, nur an Profit interessiert, sein Autogeschäft läuft allerdings mies und als sein Vater ihm nur seine Rosenbüsche und sein Auto vermacht, da tickt der Yuppie bald aus. Ein zu läuternder Oberkapitalist also, auch eine typische Figur des Kinos 1980er, denn das gab sich meist idealistischer als die damalige Wirtschaft.
Also heißt es noch Jahre vor „Jerry Maguire“ „Show me the money“, zumindest im übertragenen Sinne, denn Charlie spürt der millionenschweren Erbschaft des verstorbenen Papas nach und findet heraus, dass dies an eine Stiftung gegangen ist. Er sucht das Wohnheim auf und erkennt, dass man hier seinen autistischen Bruder Raymond (Dustin Hoffman) untergebracht hat. Für Hoffman gab es den Oscar, weitere Goldjungen für Regie, Drehbuch und den Film an sich, weshalb sich (spätestens nach dem Sieg von „Forrest Gump“ 6 Jahre später), dass Filme über Behinderte automatisch Oscarchancen hätten.

Charlie hat eine Kurzschlussreaktion und entführt seinen Bruder, in der Hoffnung irgendwie an die Knete aus der Erbschaft zu kommen. Raymond selbst interessiert ihn nicht, doch schon bald beginnt die Reise auf beide Brüder zu wirken…
„Rain Man“ kann man mit dem undankbaren Label des Schauspielerkinos belegen: Ein Film, der vor allem durch seine Darsteller heraussticht oder einen Darsteller. In diesem Falle ist das glasklar Dustin Hoffman als Raymond, der den Autisten, der hinter seinen Ticks und seinem eigenwilligen Verhalten auch mit der Umwelt kommuniziert, beeindruckend verkörpert. Tom Cruise hält sich daneben zurück, versucht gar nicht gegen die Rampensau anzuspielen, und angesichts seiner damals noch in der Entwicklung befindlichen Fähigkeiten als Schauspieler fährt er nicht schlecht damit. Außerdem an Bord: Valeria Golino und Bonnie Hunt, die aber ähnlich wie die restlichen Nebendarsteller in erster Linie als Stichwortgeber fungieren.

Während Hoffmans Raymond die schauspielerische Attraktion des Films ist, so ist die Geschichte die freilich Charlies, der sich eben ändert, der am Ende mehr als nur materielle Werte zu schätzen gelernt hat. Das ist freilich keine besonders subtile Message, der Wandel vom Saulus zum Paulus mag etwas abrupt kommen, doch trotz all des Optimismus und der Schönfärberei vermeidet Barry Levinson das Bad im Kitsch, was man sowohl ihm als auch dem Film hoch anrechnen muss – verglichen mit ähnlich gestrickten Filmen wie „The Blind Side“, die sich als große Ausfälle erwiesen, ist „Rain Man“ erfreulich zurückgenommen.
Tatsächlich ist es vor allem die Umsetzung, die bei „Rain Man“ die Kohlen aus dem Feuer holt: Hans Zimmer hatte beim Soundtrack einen seiner besten Tage, viel von seiner Stimmung transportiert der Film über seine eingängige Musik, während die zurückhaltende Regie Levinsons ihr übriges tut, während der Film seine Geschichte von der Annäherung zweier verschiedener Brüder über kleine Episoden erzählt: Anfängliche Probleme, etwas Komik (etwa wenn Charlie das „Geheimnis“ verrät, dass das Einkaufszentrum scheiße sei, oder der Autist zwecks täglicher Rituale vor dem Fernseher einer wildfremden Familie geparkt werden muss) und spätere Annäherung etwa bei einem Zwischenstopp in Las Vegas, alles mundgerecht verpackt, aber von Regie, Darstellern und Soundtrack gut zusammengehalten.

Ganz klar: „Rain Man“ ist Hollywoodsches Wohlfühlkino, das große Kontroversen vermeidet, aber das in einer seiner besten Ausprägungen: Ein toller Dustin Hoffman, Barry Levinsons sichere Regie und ein stimmiger Soundtrack runden das Bild des Films ab, auch wenn dieser im Grunde nicht viel über Autismus zu erzählen hat, sondern von Charlies Läuterung zum besseren Menschen berichtet.

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