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„Schimanski, was hier zurzeit läuft, ist der totale Krieg!“

Das Jahr 1997 in der deutschen Fernsehkrimi-Landschaft: Seit einem Jahr ermittelte Dieter Pfaff als Berliner Kommissar Sperling in abendfüllenden Episoden im ZDF, ein Jahr später richtete der WDR seinen „Tatort“-Zweig in Form eines in Köln angesiedelten Teams neu aus. Aber die ARD setzte noch einen drauf, indem sie den Duisburger Kult-„Tatort“-Kommissar Horst Schimanski (Götz George) reaktivierte und ihm ein Spin-off spendierte, das 17 Episoden lang von 1997 bis 2013 in unregelmäßigen Abständen sonntags zur „Tatort“-Zeit auf Sendung ging – die ersten drei Filme sogar in Abständen von nur jeweils einer Woche. Zwischen Schimmis letztem „Tatort“-Auftritt und seinem Spin-off-Debüt lagen sechs Jahre. Die schwierige Aufgabe, dieses zu inszenieren, oblag Regisseur Josef Rusnak („The Way We Are“), der auch zusammen mit Matthias Seelig das Drehbuch verfasste.

„Schwacher Magen?“

Nachdem ein brutaler Überfall auf ein von Albanern betriebenes Bordell etliche Menschenleben gekostet hat, lässt die Düsseldorfer Oberstaatsanwältin Bonner (Geno Lechner, „Schindlers Liste“) sämtliche gegen den Duisburger Kripo-Kommissar Schimanski anhängigen Verfahren fallen und holt ihn an seine alte Dienststelle zurück. Dafür muss er jedoch zunächst im belgischen Lüttich ausfindig gemacht werden, wo er als Boxtrainer mit straffällig gewordenen Jugendlichen arbeitet. Schimanski reagiert zunächst skeptisch, doch als er erfahren muss, dass sein ehemaliger Kollege Thanner kürzlich ermordet wurde, weiß er, dass er gebraucht wird. Die Staatsanwaltschaft befürchtet, bei der Duisburger Kripo könnte sich ein Maulwurf befinden, der mit den Gangstern gemeinsame Sache macht. Konkret richtet sich der Verdacht gegen den jungen Polizisten Tobias Schrader (Steffen Wink, „Schicksalsspiel“), auf den man Schimanski ansetzt. Nebenbei sucht und findet Thanners minderjährige Tochter Nina (Laura Tonke, „Ostkreuz“) den Kontakt zu Schimmi, der sich nun um sie zu kümmern gezwungen sieht…

„Ham‘ Sie sich ja wieder gut eingelebt in Ihrem Job...“

Mit Schimanski kehrte der Machismo zurück in die deutsche Krimilandschaft, das raubeinige Original mit der harten Schale, dem weichen Kern und dem Pfeifen auf jegliche Etikette. Der blitzgescheite Bulle mit dem richtigen Riecher, der gern mal nonverbal austeilt, aber gute Nehmerqualitäten hat. „Die Schwadron“ beginnt jedoch ohne ihn, nämlich mit dem spektakulären Überfall. Als Schimmi in Lüttich ausfindig gemacht wird, macht man ebenfalls kurzen Prozess: Alle Verfahren eingestellt, Thanner tot, ab morgen ist er wieder Bulle in Duisburg – keine Widerrede! Zurück in der Heimat lernt er auf unschöne Weise Thanners Tochter Nina kennen und hat anschließend die Lacher der Zuschauenden auf seiner Seite, wenn ein Blick in seinen Kleiderschrank verrät, dass er eine ganze Reihe seiner grauen Schmuddel-Parka besitzt – womit auch sein Outfit wieder perfekt wäre. Schimanski ist zurück, ihr Nulpen!

Eine kurze Rückblende zeigt Thanners Tod, was nur eine vieler Härten dieses Falls ist, in dem der eine oder andere Finger verdammt locker am Abzug sitzt. Schimmi kommuniziert viel über Blicke und gibt ohne Rücksicht auf persönliche Verluste alles, wenn er einmal mehr unkonventionell vorgeht. Das überzeugt auch Oberstaatsanwältin Bonner, die sich an den blutverschmierten rehabilitierten Bullen heranschmeißt – die einzige Reminiszenz an dessen Frauengeschichten während seiner 29 „Tatort“-Einsätze. Die Ermittlungen führen einerseits ins Milieu, andererseits aber tatsächlich immer tiefer nach innen, also in die Polizei hinein. Doch zweifelt Schimanski daran, dass Schrader involviert ist, dessen er sich annimmt. Daraus entsteht eine interessante Beziehung zwischen gegenseitigem Miss- und Vertrauen(svorschüssen). Mehrere deftige Actionszenen lassen’s kräftig krachen, während sich die Handlung als zunehmend polizeikritisch erweist, wenn sie das Phänomen der (hier verdeckt organisiert auftretenden) Selbstjustiz thematisiert.

Die Kamera fängt atmosphärische Bilder des industriellen, zugleich abgewrackt erscheinenden Duisburgs ein, konsequenterweise findet das Finale dann auch innerhalb einer lebensfeindlichen Industrieanlage statt – einem Parkett, das Schimanski beherrscht. Der Epilog spielt wieder in Lüttich, aber wir wissen natürlich, dass Schimanski zurückkehren wird – noch ganze 16 Mal. „Die Schwadron“ ist ein Action-Krimi mit Abstrichen beim Realismus und ohne Schimmis ‘80er-Jahre-Charme, die gegen nihilistische ‘90er-Roughness eingetauscht wurde. Regisseur Rusnak hat die Aufgabe gemeistert, sowohl eine vielen altbekannte, manchen aber vielleicht noch fremde Figur unter ganz neuen Voraussetzungen wiedereinzuführen, auf die Vergangenheit Bezug zu nehmen, ohne es dabei zu übertreiben, und eine unterhaltsame Balance zwischen gar nicht einmal so trivialer Handlung und Schauwerten zu finden. Es ihm leichter gemacht haben dürfte Götz George, der anscheinend nichts verlernt hatte, voll im Saft stand und schnell zur gewohnten Schnoddrigkeit seiner Paraderolle zurückfand.

Dass gleich dieses Debüt zentimeterdick aufträgt, einen beachtlichen Bodycount aufweist und Schimmi bedenklich an der Grenze zur wenig glaubwürdigen One Man Army kratzt, wird hier noch von der Wiedersehensfreude überlagert. Schimmi! Schön, dass du zurück bist – ich hatte dich vermisst.

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