„Pech im Spiel, Pech in der Liebe!“
1981 eroberte ein neuer Typ Kripo-Kommissar die „Tatort“-Reihe: Nach drei Engagements in den 1970ern jenseits der Polente polarisierte Götz Georges („Aus einem deutschen Leben“) Horst Schimanski als saufender und herumvögelnder Schmuddel-Hotte aus dem Ruhrpott, genauer: aus Duisburg, wo er an der Seite des pflichtbewussten Christian Thanner (Eberhard Feik, „Die Vorstadtkrokodile“) seine Fälle auf oft unorthodoxe Weise löste. Und so sehr die einen diese Verkörperung eines Polizeibeamten in aller Entschiedenheit ablehnten, so sehr spielte bzw. soff, vögelte und prügelte er sich in die Herzen der anderen, sodass er heute Kultstatus genießt. Seinen ersten Fall inszenierte Regisseur Hajo Gies nach einem Drehbuch Horst Vocks‘ und Thomas Wittenburgs. Ab dem 28.06.1981 war die öffentliche-rechtliche Krimireihe um eine Attraktion reicher.
„Schade, dass so viel Intelligenz bei der Polizei verkommt!“
Im Duisburger Hafen wird Binnenschiffer Heinz Petschek tot aufgefunden: Er wurde erstochen und anschließend ins Wasser geworfen. Der Trinker Jan Poppinga (Michael Rastl, „Das Käthchen von Heilbronn“) ist dringend tatverdächtig, denn seine Frau (Brigitte Janner, „Aus einem deutschen Leben“) hatte ihn mit Petschek betrogen. Schimanski und Thanner bringen Poppinga in Untersuchungshaft, doch Schimanksi zweifelt an dessen Schuld. Ein zweiter Toter beweist schließlich, dass nach wie vor ein Mörder frei herumläuft…
„Leader of the Pack“ der Shangri-Las läuft im Radio, während Horst Schimanski sich auf einen neuen Arbeitstag vorbereitet und erst mal rohe Eier zum Frühstück schlürft. Symbolträchtig wird dieser Auftakt zudem, als ein Nachbar laut fluchend seinen Fernseher aus dem Fenster schmeißt. Im Fernsehen läuft ja eh nur Mist, doch nun ist Schimmi da, der schnoddrige Goldkettchen-Macho und Muckiproll, der im Dienst des Gesetzes steht – und so ganz anders ist als sein Partner Thanner, für den Dienstvorschriften heilig zu sein scheinen. Aus dem Gegensatz dieses ungleichen Duos bezieht dieser „Tatort“ ebenso seinen Reiz wie aus den Duisburger Pott-Kulissen. Proletarisch geht’s hier zu, und Schimanski ist eigentlich einer von ihnen.
Schimanski betrinkt sich schon mal mit der Frau des Verdächtigen, ist Stammgast im Imbiss, wo er stilecht zwischen Punks Currywust mit Pommes zu speisen pflegt, verbringt eine Nacht mit seiner Kneipenwirtin oder pennt bei Thanner, der ganz schön unter der Fuchtel seiner Frau Sylvia (Nate Seids, „Die Geschichte der 1002. Nacht“) steht. Wegen Beamtenbeleidigung und tätlicher Übergriffe wird man nicht gleich angezeigt, mit den üblichen Bullenmimosen hat Schimmi nichts gemein – und gelangt dadurch in der Hafenkneipe an weiterführende Informationen. Ärger gibt’s auch in einer Rockerkneipe, vor allem mit dem in einer Nebenrolle brillierenden Ralf Richter („Das Boot“). Doch erst im türkischen Restaurant überschlagen sich so richtig die Ereignisse: Explosionen, brennende Menschen, Prügeleien und Schießereien. Am Ende ist der Fall gelöst.
Nein, wirklich spannend ist „Duisburg-Ruhrort“ nicht, obwohl es sich um einen vertrackten Fall mit überraschender Auflösung handelt. Pott-Folklore dominiert über kriminalistische Ermittlungen, gleich eine Reihe Milieus unterer Schichten werden abgeklappert – dieser „Tatort“ lebt von seinem Hauptdarsteller und dem rustikalen Ruhrpott-Charme. Schimanski als eine Art „Volksbulle“, den bis auf die Dienstmarke kaum etwas von seiner Klientel trennt, der das Herz auf der Zunge und die Faust geballt trägt und über kriminalistischen Spürsinn genauso verfügt wie über einen weichen Kern unter der rauen Schale. Die Schimanski/Thanner-„Tatorte“ wollten die Reihe wieder näher am Proletariat ansiedeln und dessen Identifikationsmöglichkeiten mit den Ermittlern erhöhen. Es ging nicht darum, einen deutschen „Dirty Harry“ oder Charles Bronson zu installieren, der das Gesetz in die eigene Hand nimmt, Horst Schimanski ist keine Selbstjustiz-One-Man-Army mit reaktionärer Berufsauffassung. Schimmi ist ein progressiver, frischer Wind in den verstaubten Beamtenstuben, ein illusionsloser Mann mit ehrlichem Gerechtigkeitssinn, so etwas wie ein solidarischer Vertreter der Arbeiterklasse, der keine Spießer leiden kann. Anspielungen auf die damaligen Berufsverbote gegen Kommunisten lassen sich ebenso vernehmen wie der beiläufige Running Gag der ständig falsch ausgesprochenen Nachnamen.
Ein schöner Auftakt, der das Milieu absteckt, das Ambiente skizziert und die Hauptrollen charakterisiert, um sie fortan in noch wesentlich aufregendere Einsätze zu schicken. Duisburg durfte sich freuen.