Der Beginn der 80er, mitten im Pott. Das Wetter ist grau, die Häuser sind grau, die Menschen sind grau. In den heruntergekommenen Straßen rund um den Hafen Ruhrort besteht das Leben aus Malochen und Saufen. Die Frauen werden geschlagen, danach gibt es ein paar Bierchen, und gut ist. Man muss sich das Leben ja auch irgendwie schönprügeln. Und mittendrin in diesem grauen und einfachen Leben, zwischen diesen Menschen die aus Resignation und Aggression bestehen, ein Kommissar, der äußerlich gar nicht auffällt. Schimanski von der Kripo, in Parka und alter Jeans, muss nach Ruhrort, um den Fall eines Toten aufzuklären, von dem nicht einmal klar ist, wie er überhaupt gestorben ist. Man weiß nur, dass er keine Frau ausgelassen hat (Doch: Eine. Und die wird mit Schimmi ins Bett gehen), und dass er sich vor seinem Tod geprügelt hat. Schimmi und Thanner ermitteln, und Stück für Stück wird das Leben der Binnenschiffer aufgerollt. Der großartige Mythos ihrer Freiheit und die bittere Realität ihrer tiefen Verschuldung, die dazu führt, dass sie sich nach Nebengeschäften umschauen müssen. Waffen, Drogen, solche Dinge. Die dann auch mal schnell zu Mord und Totschlag führen …
Der Beginn der 80er, mitten im Pott. Punks in Schnellimbissen, Malocher und Rocker in dreckigen Kneipen, zwischen Buletten, Korn und Bier … Und mittendrin eben der Schimanski. Kein deutscher Fernsehkommissar nach altem Gusto, mit fleißigem Ermittlerteam, kernigen Humor und tadellosem Verhalten. 10 Jahre vorher gab es Kressin, den Playboy mit dem Hang zu Alkohol und Frauen, aber der wurde nach wenigen Folgen wieder abgesägt. Trimmel hatte ja auch einen Hang zum Schnäpsken, was in dieser Generation durchaus Usus war. Aber eigentlich waren Fernsehkommissare bis dahin fleißig und aufrecht, die Erik Odes, Horst Tapperts und Siegfried Lowitz‘ waren immer ganz klar auf der Seite von Recht, Ordnung und Sauberkeit, und keine Ermittlung in den Vierteln der besseren Gesellschaft blieb erfolglos. Doch 1981 hatten sich die Zeiten endgültig geändert, Derrick und der Alte waren plötzlich Strandgut des Spießbürgertums, denn nun kam Schimmi. Der alles Scheiße fand, das auch sagte, mit seinen Fäusten auch mal hinlangte, unbeherrscht und fast cholerisch war, und jeder hübschen Frau schöne Augen machte. Und der mit seinem Sidekick Thanner ein skurriles Ermittlerteam bildete, das irgendwo zwischen Loriot’schem Realitätsverlust und altem Ehepaar dahinstritt und –knutschte, und eine ganz neue Fernsehwirklichkeit an den Tag legte. Nicht mehr die Villenvororte Münchens oder die gediegenen Reihenhäuser in Hamburg waren jetzt die Tatorte, nein, hier lag der Tote zwischen Kneipen, schmutzigen Fluss und Regenwetter.
Damals muss die Folge DUISBURG – RUHRORT wie ein (heilsamer) Schock gewirkt haben, zumindest abseits der Kritik und beim Zuschauer. Ich kann mich erinnern, dass meine Eltern zwischen Ungläubigkeit und Amüsement geschwankt haben, aber sie waren auf jeden Fall interessiert. Wie die ganze Fernsehnation interessiert war, immerhin wird der Schimanski-Tatort es auf 27 Folgen, zwei Kinofilme und eine nachfolgende Fernsehserie bringen. Aber das war 1981 noch nicht abzusehen. Da war der Mann in erster Linie ein rüpelnder und saufender Fernsehkommissar, der „Ruhrpott-Rambo“, wie er gerne genannt wurde, der sich über viel konsumiertes Bier und die häufige Benutzung des Wortes „Scheiße“ zu definieren schien. Irgendwie muss im Fernsehen ja ab und an mal aufgeräumt werden.
Die erste Folge ist damit allerdings schon recht gut beschrieben. Trotz einiger recht kniffiger Ermittlungsmethoden (wie Schimmi die Herkunft der Tatwaffe ermittelt ist ausgesprochen raffiniert zu nennen), spielt ein gewisser Teil der Handlung in Kneipen. Und nicht einfach nur in Gaststätten, sondern in richtigen Bierschwemmen. Einfaches Holzmobiliar, gekachelte Tresen, es gibt Lütt und Lüttje und am Tresen Frikadellen unter der Plastikglocke. Wenn die Wirtin hübsch ist bändelt Schimmi entweder mit ihr an oder hatte früher schon mal was mit ihr. Die Szenen zwischen den Kneipen, die ja dann eigentlich die Unterfütterung des Krimis sein sollten, wirken da manchmal merkwürdig wie Füllstoff. Wie die Polizisten auf den Wolf kommen, in dessen Stammkneipe sie dann mit einer größeren Gruppe Rocker zusammenstoßen? Wie der Skipper Wittinger ermittelt wird? Ich habe nicht einmal verstanden, mit welcher Begründung der Film mit dem Verlierer Losse beginnt, dessen Frau mit dem Toten was hatte. Dafür hat es aber eine heftige Actionszene in einem türkischen Lokal, wo plötzlich ein Mann brennt (sehr beeindruckend gemacht!!), vor dem Lokal geprügelt wird, Schimmi sich erst die Töfte in den Mund steckt und dann aus der Deckung springt (man muss schließlich Prioritäten setzen), und dann einen Mann quer durch die Stadt verfolgt, nur um am Ende in einer Wäscherei zusammengeschlagen zu werden. Ach ja, einen wilden, Hollywood-reifen Autostunt hat es auch noch. Regisseur Hajo Gies mag solche Szenen, durfte sie dann später im Kino-Schimanski ZAHN UM ZAHN im größeren Maßstab inszenieren, und hat sichtlich Freude am Aufmischen deutscher TV-Biederkeit. Inhaltlich sinnlos, aber spannend. Auch wenn der inhaltliche Grund für das Gezeigte nicht immer so ganz klar ist.
Dafür kommt der Schluss merkwürdig generisch daher, wie ein Teufelchen aus der Kiste, und der heldenhafte Fernsehkommissar muss einsehen, dass er die Ermittlungen ganz schön versemmelt hat. Zielsicher immer auf den Falschen los, den Richtigen genauso zielsicher übersehen, und lieber einmal mehr voll in die Scheiße greifen als ernsthaft nachdenken. Kein Happy End im klassischen Stil, wo der Kommissar und seine Kollegen dem Täter nachdenklich hinterherschauen, während die Uniformierten mit Tatütata davonbrausen. Stattdessen ein graues und unbefriedigendes Ende, passend zu den traurigen und ernüchternden Bildern aus Duisburg und dem Leben der dortigen Menschen. Ein irgendwie resignierendes Ende, was zu der resignativen Stimmung der Folge ja auch wieder ganz gut passt.