Tage wie dieser – Medien stürzen sich sensationslustig auf Skandale, aus Verzweiflung wird Gewalt, es ist brütend heiß, die kleinen Probleme des Alltags lauern im Nacken – „Hundstage“! Eigentlich der normale Wahnsinn.
An diesem einen Tag ist Sonny (Al Pacino) das augenscheinlich überspitze, gesellschaftliche Spiegelbild – Hassobjekt, Hoffnung und Liebling zugleich. Er darf sich rühmen und für ein paar Stunden trügerisch der eigenen Realität entfliehen. Wie es dazu kommt? Ein Bankraub, der zehn Minuten dauern soll wird zum Spektakel - der Skandal, den man mit Hilfe der Medien mehr oder weniger verwundert verfolgt. Es läuft einiges schief. Der Tresor ist nahezu leer, ein gigantisches Presse- und Polizeiaufgebot umzingelt das Gebäude. Protestler bejubeln den aufständischen Antihelden Sonny, der mit seinem Komplizen Salvatore (John Cazale) festsitzt und Plan B erst noch erarbeiten muss.
Wenn man nicht wüsste, dass Regisseur Sidney Lumet auf Fakten baut, würde man das Gesehene gar nicht glauben können. Zwei Bankräuber, denen das Pech an den Fingern klebt - die von einem Fettnäpfchen ins andere treten und trotzdem den Geiseln ungewöhnliche Zugeständnisse machen.
Eine an sich dramatische Situation impliziert groteske Komik. Sonny eignet sich einen gewissen Galgenhumor an, seine sarkastischen Witze und Kommentare sind derart trocken, dass man anfänglich gar nicht erahnen kann, was dahinter steckt. Von Salvatore ist jedenfalls keine geistige Hilfe zu erwarten – der dritte Komplize Stevie (Gary Springer), hat heiße Füße bekommen und ist zu Beginn der Aktion abgehauen.
Dass man mit dem führenden Bankräuber mitfühlt, ergibt sich aus einer Tiefenschärfe, mit der Lumet den Charakter Sonny analysiert. Einerseits erfährt man viel über den sozialen Hintergrund seiner Tat, das Motiv. Eheprobleme, weil er eigentlich gar nicht das ist, was er vorgibt. Der dekadente Protagonist ist Sklave seiner Sehnsucht, die Lebenslüge lebend - Verzweiflung treibt ihn zur Gewalt.
Andererseits gibt das Hier uns Jetzt Anlass, die aufkeimende Resignation der Hauptperson nachzuvollziehen. Sein grenzdebiler Komplize hält Wyoming für ein Land, in das er fernab der Heimat fliehen möchte – die Geographiestunde während des Bankraubs bleibt nicht erspart. Es ist unmenschlich heiß. Ihm selbst fehlt Plan B und die notwendige Kälte, um die Geiselnnahme zum erfolgreichen Ende zu führen. Das Debakel ist abzusehen.
„Hundstage“ nimmt seinen Lauf. Chaos, überall wo man hinblickt. Ein neuer Medienstar wird geboren - Polizei und Bankräuber liefern sich ein ungleiches Duell, dessen Ende abzusehen ist. Sonny kämpft, er steht ohnehin im Abseits. Ein Teil der Öffentlichkeit bewundert seinen Mut und die Art und Weise, wie er mit der Situation umgeht.
Die Geschichte entwickelt eine unheimliche Eigendynamik. Der detaillierte Ablauf des Bankraubs ist das narrative Gerüst, wobei die Person Sonny prinzipiell im Mittelpunkt steht. Sein Motiv und der Umgang mit den sich ergebenden Problemen werden zusätzlich auf Bereiche wie die mediale Berichterstattung und den Voyeurismus seitens der Öffentlichkeit erweitert. Ein augenscheinlicher Thriller wird zum Drama mit sarkastischer Note.
Lumet findet in diesen wahren Begebenheiten ein Sammelbecken für seine Intentionen. Der Betrachter erlebt die Sichtweise von Sonny, zumindest nähert sich der Film dem Charakter derart, dass Mitgefühl ermöglicht wird. Auf der einen Seite wird der aufgrund seiner sexuellen Neigung gebrandmarkte Außenseiter als mutiger Held gefeiert, auf der anderen als abnormaler Ehebrecher bzw. Verbrecher beschimpft. Zwei öffentliche Meinungen, dazwischen unzählige Presseleute, die nicht um Neutralität bemüht sind, sondern stets den Skandal mit einer wertenden Note verfolgen und den Leuten ihre Meinung suggerieren. Hauptsache ist, die Geschehnisse möglichst interessant zu vermitteln, damit der voyeuristische Durst gestillt wird.
Das Wahnsinnige ergibt sich aus dem Normalen heraus! Wir erleben den Vorgang eigentlich jeden Tag. Polarisierende Meinungen, vermittelt durch sensationsgierige Medien – verzweifelte, an den Rand gedrängte Leute, die mit Gewalt den letzten Ausweg suchen.
Funktionieren mag „Hundstage“ aber nicht nur wegen inhaltlichen und stilistischen Finessen. Tiefgründigkeit erlangt der Film unter anderem auch wegen der intensiven Art und Weise, wie Al Pacino Sonny spielt. Der charismatische Hauptdarsteller drängt alle anderen in den Hintergrund und ermöglicht eine empathische Ebene, die das Nachvollziehen und Verstehen in Hinblick auf Tat und Situation zusätzlich erleichtert.
Letzten Endes ist „Hundstage“ ein Musterbeispiel an filmischer Vielseitigkeit. Regisseur Sidney Lumet beleuchtet im Rahmen des Thrillers ein dramatisches Einzelschicksal und präsentiert den Medien und der Gesellschaft eine Satire über den von ihnen produzierten, normalen Wahnsinn. „Hundstage“ sind in diesem Sinne alltäglich! (9/10)