Hierzulande waren es neben den Varianten der Feuerzangenbowle besonders die Lümmel-bzw. Paukerfilme der beginnenden 70er Jahre, die zur Entstehungszeit und nachhaltig bis in die Gegenwart für Entzücken der Gleichaltrigen und Stirnrunzeln von Professor Bömmel, Oberstudiendirektor Taft, Studienrat Dr. Knörz und ihren realen Spiegelungen sorgten. Ein lang anhaltender Erfolg der Nostalgie, der nicht mehr wiederholend erneuert werden kann; die Zeiten und damit auch die Lebens- und Schulverhältnisse haben sich zu sehr geändert. Das versöhnliche Licht scheint nur noch in Erinnerung und ist ansonsten längst erloschen, in realiter einem Ausnahme- und Belagerungszustand gewichen, einer Misere täglicher Übergriffe und Demütigungen, die die Denkmalpflege von vorsintflutlichen Mythen und Idealen ganz tief ins eigene narkotisierende Innere zurückdrängt.
Aus Persiflagen wurde bitterer Ernst, aus Albernheiten fordernde Problembewältigung, die nur noch schwerlich mit allein dem Gang in die unkritische Verklärung beiseite geschafft werden kann. Diesseits verharmlosender Erinnerung und verschütteter Sehnsüchte, aber bereits mit dem drohenden Schatten einer konkret drohenden Gefahr und des mutig verstandenen Aufruhrs dagegen ist School Days ausgestattet. Ebenfalls ein Rückgriff in eine merkwürdig unmoderne Zeit, voll rührender Naivität und Treu- oder auch Bamherzigkeit bis ins Mark, aber mit dem nachhaltigen Versuch, neben viel uninteressant Beiläufigem auch das Paradox einer Realität mit dieser selber zu verbinden. Dabei ist die Produktion ganz augenscheinlich eine taiwanesische, eine Odýsseia durch bereits früh anfangendem Salut, Drill und report to the squad leader, auf dessen Vorhandensein anscheinend die moderne Zivilisation beruht, und der Vorbereitung auf das Leben in einer eher nicht so permissiven Gesellschaft. Gedreht von einem Regisseur, der zuvorderst allerhand Kriegs- und dann die abgeschwächte Form der Rekrutierungsfilme fabriziert hat. Lernwillige an die Front:
Als der achtzehnjährige Hui Chi-ho [ schleimendes Armutszeugnis: Jimmy Lin ] mit dem Mercedes der Eltern plus leibeigenem Chauffeur vor einer recht abseits gelegenen Schule auftaucht, zieht er nicht nur als Neuling sofort die Aufmerksamkeit der Mädels um Xin Fu [ Ruby Lin ], sondern auch der lokalen Rüpel an. Der eigentlich suspendierte, aber trotzdem am Unterricht teilnehmende Lin Wu-ya [ Franco Jiang ] treibt mit zwei Hilfsgesellen von den Anwesenden Schutzgelder ein und hat es dabei bevorzugt auf Hui abgesehen, der sich nur mühsam dem stetig wachsendem Drangsal erwehren kann. Erst der zwei Jahre aussetzende und nun die Ausbildung wiederaufnehmende Day Kong-yin [ Takeshi Kaneshiro ] kann durch sein forsches Auftreten sowie dem widerhallenden Ruf aus der Vergangenheit weiteres Unheil abwehren, wird aber im Auftrag von Lin von dem Triaden Bull [ Chin Ho ], dem wahren Erzfeind der bürgerlichen Ordnung heimgesucht.
Anders als die Werke von Landsmann und Kollege Kevin Chu Yen-ping, mit dem Jin Ao-Xun zwar kaum zusammen gearbeitet hat, aber häufig miteinander verwechselt wird, ist die Stimmung auf dem Pausenhof hier auch von Beginn weg deutlich humorloser, eher einem Massenappell mit anschließendem Frontalunterricht gleich. Zwar kommt auch hier das scheinbar nötige Kasperletheater immer wieder durch, werden die Sitze mit Klebe bestrichen, Wasserbomben geworfen, die Suppe mit Seife verrührt und die Schokolade ins Gesicht geschmiert, aber dies wirkt ausnahmsweise nicht einmal seitens der Filmemacher als lustiger, sondern bloßer Selbstzweck für die spätere Dramaturgie intendiert. Als Zeichnung eines Kontrastes, wahrscheinlich auch als dingliches Wohlwollen für den Zuschauer, der nach all den vorhergehenden High School- oder Kommißklamotten mit Jimmy Lin und Takeshi Kaneshiro und der dortigen Harmlosigkeit, Stabilität, Verhaltenssicherheit nicht abrupt mit der vollen gegensätzlichen Breitseite er- und abgeschreckt werden sollte.
Ähnlich wie im direkten Vorgängerwerk No, Sir!, ebenfalls vom New Generation Studio in Auftrag gegeben, wird aber auch hier rasch die Aura idealistischer nationaler Identitätsstiftung spürbar, eine weitgehend diskret agitierend Öffentlichkeitsarbeit, die vielleicht frei von konkreten politischen Statements sein mag. Aber abseits aller Blauäugigkeit ganz genau weiß, wie man in höchster Rezeptionsintensität die Thematik der steigenden Verluderung von Sitten, der Hilflosigkeit selbst aufmerksamer Schulleiter und Schulaufsicht, die Wichtigkeit der Aufrechterhaltung einer sozialen, ja sogar institutionellen Ordnung und den auch märtyrerhaften Heldenmut zu notwendigen Korrekturen betont. Aus dem neckischen Alltag wird Lynch Law Classroom.
Die Inszenierung und Erzählführung dessen ist in einer durchgängig entwaffnenden Simplizität gehalten, einer gleichschaltenden Sachlichkeit, einer trivialen Einfalt mit seltsam verschobenem Wahrnehmungsparameter.
Alles, was man sieht, scheint im Dienste dieser Bequemlichkeit einem beschränkten repetierenden Ablauf zu entspringen, wie ein rückfallendes Dakapo, dass immer wieder erneut vom schon schwachen Echo profitieren möchte. Ein paar Schulbänke, ein kahl geschorener Sportplatz mit Überbleibseln von schon fast ergrautem Rasen, eine sichtlich kleine, stets gleich uniformierte Gruppe Statisten stellen die einzigen Blickfänge dar, zweimal wird vom aalglatten Sangesfrosch Jimmy Lin als Mittelpunkt und Identifikation des Geschehens schwungvoller Mandopop als aufheiternde Abwechslung intoniert.
Die Verstöße gegen Haus-, Schul- und Unterrichtsordnung im Gegenzug als bewusst eingesetztes Gestaltungsmittel einer erst schmissigen, dann bald gedrosselt dramatischen Episodenrevue in kargen Interieur und niedriger Produktionskapazität. Aber. Auch wenn man den allgemeinen Zustand der Lehranstalt hier nur als desolat und die Klassenkameraden anfänglich nur als Duckmäuser bezeichnen kann: Am Ende gut ist Alles gut. Sich regen bringt Segen. Gemeinschaft macht stark. Fehlt es am Wind, so greife zum Ruder. Es gibt nichts Gutes / außer: Man tut es. Neues Semester = Neue Hoffnung. Normen und Regeln und Bildungsauftrag vermittelt. Weggetreten.