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Nachdem sein semidokumentarischer, sexuell freizügiger „Skandalfilm“ „Ich bin neugierig – gelb“ trotz oder gerade wegen vieler Zensurbemühungen von unvorstellbarem Publikumszuspruch gekrönt worden war, schickte der schwedische Filmemacher Vilgot Sjöman 1968, also gleich im darauffolgenden Jahr, mit „Ich bin neugierig – blau“ einen Nachfolger hinterher, der weder Prequel noch Fortsetzung im eigentlichen Sinne ist, sondern parallel zur Handlung des Vorgängers spielt, andere Perspektiven einnimmt, zuvor unverwendete Szenen zeigt etc. In Deutschland lief der Film ursprünglich unter dem Titel „Sie will’s wissen“.

Wieder steht die junge Lena Nyman im Mittelpunkt, die unter ihrem echten Namen ihre Rolle als neugieriges Früchtchen antritt, das Passanten auf der Straße nach gesellschaftspolitischen Themen durchaus provokant befragt, sich in einer kriselnden Beziehung mit ihrem Regisseur Sjöman (spielt sich ebenfalls wieder selbst) befindet und sich sexuell ausprobiert.

Vieles, was bereits über „Ich bin neugierig – gelb“ geschrieben wurde, behält auch hier seine Gültigkeit: Die experimentelle Herangehensweise, die kein klassisches Drehbuch vorsah, der Dreh in Schwarzweiß, die Vermengung von fiktiver, dokumentarischer und Meta-Ebene sowie politischer Themen – in diesem Falle die Trennung von Kirche und Staat, die Rolle der Frau in der schwedischen Gesellschaft und der Umgang mit Strafgefangenen – mit sexuellen. Dadurch, dass ein paar Kontroversen weniger als zuvor angesprochen werden, bleibt etwas Zeit für zumindest ein wenig mehr Tiefgang. Die veränderte Perspektive macht sich insbesondere in der gezeigten Beziehung zwischen Sjöman und Nyman bemerkbar, die nun nicht mehr wirkt, als würde Sjöman als Regisseur seine Schutzbefohlene missbrauchen, sondern als würde er ernsthaftes Interesse hegen, das jedoch nicht recht von der sprunghaften jungen Dame erwidert wird. Skandalträchtig in sexueller Hinsicht dürfte diesmal in erster Linie die offene Thematisierung gleichgeschlechtlicher weiblicher Sexualität gewesen sein.

Weniger sprunghaft als „gelb“ wirkt indes dieser Nachfolger, andererseits ist die Erwartungshaltung des Zuschauers vermutlich bereits entsprechend geeicht, wenn er schon den Vorgänger kennt. Mit den meisten Charakteren dürfte man daher dann auch bereits vertraut sein, so dass sich „blau“ insgesamt einfacher konsumieren lässt. Der Überraschungseffekt ist dennoch dahin, da Sjöman nicht viel Neues zu berichten weiß und aus heutiger Sicht fragwürdige Gesangseinlagen Sjömans und seiner Hippiefreunde noch am schockierendsten wirken.

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