Review

Ganze zwei Jahre schmorte „The Great Raid“ bei Miramax im Giftschrank, um nach deren Trennung von Disney letzten Sommer doch noch im amerikanischen Kino mit einer begrenzten Zahl von Kopien veröffentlicht zu werden, gar königlich zwischen den Sommerblockbustern baden zu gehen und von seinen 80 Millionen Kosten gerade einmal 10 wieder reinzuholen. Eigentlich eigenartig, wo patriotische Kriegsstoffe in Amerika doch eigentlich ein sicheres Pferd sind?
Nun, das Scheitern hat seine Gründe. „The Great Raid“ ist eine einzige, komatöse Schlaftablette mit Wachrütteleffekt in der letzten halben Stunde. Angesichts des platten Szenarios suchten wohl selbst die Amis verzweifelt nach Alternativen.

Basierend auf den Romanen „The Great Raid on Cabanatuan“ von William B. Breuer und „Ghost Soldiers“ von Hampton Sides doktorten das mir völlig unbekannte Autorengespann Carlo Bernard / Doug Miro eine überaus, zweifelhafte Mission zurecht, die laut Credit auch nur von den angeblich authentischen Vorlagen inspiriert wurde. Man kann also folgern: Inspiriert von der Realität, als ob das nicht so ziemlich jeder Film wäre... Aber na ja..

Regisseur John Dahl („Red Rock West”, „Joy Ride”) schien mit diesem Großprojekt jedenfalls völlig überfordert, denn die Exposition inklusive temporärer Eingliederung, die aus stimmigem S/W-Archivmaterial besteht und ausgerechnet nicht von ihm inszeniert worden ist, bleibt noch das Highlight des gesamten Films. Eingebettet in den 2. Weltkrieg, erfährt der mehr oder weniger interessierte Zuschauer hier von den in höchsten Maße gemeinen Japanern, die erst Pearl Harbor angriffen, sich in ihrer Raffgier gleich noch im Pazifik breit machten und die Philippinen okkupierten. Vorsicht, Sarkasmus beißt!
Die dort stationierten, abgeschnittenen, amerikanischen Truppen mussten sich schließlich nach Monaten mühevoller Gegenwehr geschlagen geben, kapitulieren, einen Todesmarsch, ähnlich dem Stalingrad-Sibirien-Marsch deutscher Soldaten, absolvieren und sich danach in Lager stecken lassen, sofern sie nicht gesund genug waren und nach Japan deportiert wurden, um dort Zwangsarbeit zu verrichten.
Als 1945 die Rückeroberung durch amerikanische Streifkräfte begann, gaben die Japaner ihre Lager nicht einfach auf, sondern verbrannten und erschossen ihre abgemagerten, kranken Gefangenen, sobald ihnen der Verlust des umkämpften Gebiets gewiss war.
Um so ein erneutes Massaker zu vermeiden, wird eine Einheit von Rangern abkommandiert, um das berüchtigte Cabanatuan-Lager mit 500 Amerikanern zu befreien. Unentdeckt müssen sie hinter den feindlichen Linien unter Zeitdruck operieren und schließlich den Angriff wagen. Von dieser Begebenheit erzählt der Film.

Nur leider nicht so, wie wir es in den letzten Jahren von amerikanischen Kriegsfilmen gewohnt sind: Reißerisch, effektiv und mit vielen Schauwerten, dafür meinetwegen auch etwas patriotisch.
John Dahl verpackt seinen Kriegsfilm in einen blass-braunen Farbfilter, der vielleicht der Märchenstunde von Onkel Guido Knopp gut zu Gesicht stehen würde, aber bei einem realistischen Kriegsfilm denkbar falsch angewendet wurde. Dahls Geschichtsstunden beschönigen von Anfang an zu sehr, kreieren ein Gefühl von Harmlosigkeit und zeigen nur wenig vom Grauen des Krieges. Die Bilder bleiben aalglatt anstatt grausam, grobkörnig und realitätsbezogen. Eines der vielen Probleme mit denen sich der Filme bis zu den Endcredits herumschlagen soll. „The Great Raid“ bedrückt und involviert nicht, er wirkt fast wie ein biederes TV-Special.

Darüberhinaus sollte man Trevor Rabin („Armageddon“, „Bad Boys II“) endgültig verbieten seine musikalischen Künste abseits von Actionfilmen zu verschwenden, denn außerhalb seines Metiers scheint der gute Mann kein Feuer entwickeln zu können, wie jüngst auch „Dominion: Prequel to the Exorcist“ bewies. Sein unauffälliger Score ist ein weiterer Stimmungstöter, der in ein paar seltenen Fällen heroisch daherkommt, sich ansonsten aber meist völlig Auszeiten nimmt.

Noch schlimmer terrorisiert da nur das Drehbuch selbst, das sich gleich in drei Teile aufspaltet: Das Geschehen im Lager, die anrückenden Retter und Margaret Utinsky (Connie Nielsen, „Gladiator“, „Basic“), eine litauische Untergrundkämpferin die als Krankenschwester in Manila arbeitet und Medikamente ins Lager schmuggelt.
Dick, dicker, am dicksten und noch dicker tragen die beiden Autoren, eifrig zwischen den Schauplatzen schaltend, die Klischees auf. Sie mögen zwar der Wahrheit entsprechen, sind in ihrer Penetranz aber unerträglich, zumal keine größeren Kriegshandlungen sie irgendwie wegspülen.
Die Vorbereitung auf den Einsatz (Das dies eigentlich ein brisantes Himmelfahrtskommando ist, wird nie deutlich) erfolgt natürlich zu markigen Worten des Kommandanten, der nur Gläubige (keine Atheisten!!!) in seiner Truppe haben möchte und auch nur ledige Männer mitnimmt. Die Vorstellung der Bezugspersonen erfolgt in kurzen Gesprächen üblicher Schemata, so das man sich als Zuschauer alsbald mit den üblichen, unzugänglichen Stereotypen konfrontiert sieht, für die auch nie weiter Interesse geweckt wird. Von den Frischlingen bis zum eisenfressenden Veteranen ist alles dabei. Ihr Anführer ist ein rätselaufgebender Schweiger und natürlich haben wir auch wen dabei, der unbedingt einmal an etwas Bedeutsamen in seiner Militärkarriere teilnehmen möchte. Alles wie gehabt...
Nun findet der Marsch im Feindesland allerdings auch noch ohne spannungsfördernde Probleme statt und dort angekommen, hadert man dann auch noch viel zu lange mit der noch uninteressanteren Ausgangslage.

Hinzu gesellt sich im Lager, wie auch in Manila, aufdringliche Schwarzweißmalerei, die die japanischen Besatzer als folternde, gemeine Unmenschen, die Verbrechen an der Zivilbevölkerung begehen, darstellt. Ausbrecher werden in der Sonne zum Schmoren aufgehängt, Hilfslieferungen werden nicht an die meist an Malaria erkrankten Soldaten ausgegeben, die Zwangsarbeit auf den Feldern ist mörderisch, die Nahrung trotzdem knapp und die Behandlung erniedrigend, während die dahinvegetierenden Amerikaner sich an den Funken Hoffnung klammern, doch noch rechtzeitig befreit zu werden. Diese Chance soll sinken, als die militärische Geheimpolizei das Kommando über das Lager übernimmt, schon einmal die Benzinkanister ankarrt und verspricht, für jeden Flüchtigen zehn Männer hinzurichten.

Viel besser ergeht es Margaret Utinsky derweil aber auch nicht. Nachdem in ihrem Krankenhaus eine Verräterin viele Untergrundaktivisten entlarvt, wird sie von den Japanern abgeführt, vernommen, gefoltert und schließlich entlassen, um, obwohl sie mit Nichts rausrückte, ihre Mitstreiter in deren eigenem Blut tot liegen zu sehen. In ihrer Zuflucht, einer Kirche, tauchen wenig später die Besatzer auf und richten dann unter anderem einen jungen Priester hin, um darauf das gesamte Widerstandsnest auszuräuchern.

Das Herumgehacke auf den bösen Japanern scheint der Film sich jedenfalls zur Aufgabe gemacht zu haben, denn er tut es ohne Unterlass. Das dies auch anders geht und man sich dann vermutlich viel näher am Realismus bewegt, beweist mustergültig „To End All Wars“. Weder die wirklich nicht überragend aufspielende Riege bekannter Gesichter (u. a. James Franco, Joseph Fiennes, Benjamin Bratt) noch der finale, nächtliche Angriff auf das Lager vermögen diesem Sammelsurium von Vorurteilen und Lügen aufzuwerten.

Die letzte halbe Stunde ist technisch zwar up to date, aber auch sehr unspektakulär und genauso wenig packend inszeniert. Dahl war einfach der falsche Mann für den Job. Das Heranschleichen an das Lager, das Stürmen des selbigen und dann die Flucht, während philippinische Widerstandskämpfer 1000 japanische Soldaten an einer nah gelegenen Brücke festnageln, sind in keiner Weise mitreißendes Kino. Die Emotionen bleiben durchweg unterkühlt, die Verluste widerlich pathetisch und der Kampf ein simples Unterfangen.

Gemessen am Aufwand gehört „The Great Raid“ damit zu einer der schwächsten Vertreter von Hollywood-Kriegsfilmen der letzten Jahre. Ich hatte lange Zeit darüber hinaus den Eindruck, dass der Film ursprünglich mal ein PG-13 – Einstufung erhalten sollte. Offensichtlich nachträglich hinzugefügtes CGI-Blut und die ansonsten zahme Inszenierung sprechen eigentlich dafür.
Während der 130 Minuten will sich nie ein Mitfiebern seitens des Publikums einstellen, wird nie gezeigt wie grausam der Krieg sein kann und flammt auch nie Interesse an den wenig hervorgehobenen Figuren auf. Der Film bleibt auf Distanz zum Geschehen, beschreibt vor allem die Planung des Angriffs detailliert und langwierig, verhaspelt sich aber genauso immer wieder zwischen seinen drei Handlungssträngen. Vor allem Connie Nielsens Part hätte man fast ohne Folgen wegstreichen können.

Dass der Film nicht ganz billig war, sieht man ihm schon an einigen Stellen an, doch um aus „The Great Raid“ einen zumindest überdurchschnittlichen Kriegsfilm zu machen, braucht es wesentlich mehr.
Letztlich krankt der Film vor allem an seiner fehlenden Intensität und dem Mut dem Krieg ins Gesicht zu blicken, schonungslosen Realismus dem Zuschauer vor Augen zu halten und darüber hinaus seine Geschichte nicht wie eine einfältige Nacherzählung, sondern dramatisch und stimmungsvoll wiederzugeben. Romanzen, wenn auch nur angedeutet, taugen in diesem Zusammenhang meist überhaupt nicht.


Fazit:
Langer, zwar letztlich solide inszenierter, darüber hinaus allerdings harmloser, beschönigender Kriegsfilm des hier völlig überforderten John Dahl, der „The Great Raid“ mustergültig in den Sand setzte. Das vermurkste Drehbuch mit seiner irgendwann nervenden, negativen Darstellung der Japaner, die hier wirklich zu kaltblütigen Unmenschen stilisiert werden und den damit einhergehenden amerikanischen, oberflächlichen Stereotypen wecken genauso wenig Interesse beim Publikum, wie die schwache Inszenierung, die jedwede Stärken der jüngeren Hollywood-Kriegsfilme vermissen lässt. In einem realitätsfernen, beschönigendem Look gefasst, zeigt „The Great Raid“ nicht gerade das, was man sich unter dem Krieg oder der Gefangenschaft vorstellt. Darüber hinaus stört die Zerfaserung in mehrere Schauplätze und das omnipräsente Fehlen von Szenen, die die harte, grausame Realität vor Augen führen, jede bedrückende Intensität so eines Szenarios.
Augenwischerei und nicht mehr. Wenn es wenigstens packende Kämpfe geben würde, die Klischees und Schwarzweißmalerei zeitweise vergessen machen, würde es wenigstens noch zu guter Unterhaltung reichen. Aber so...
Nicht grenzenlos ärgerlich, doch dafür öde, einfältig und schlicht belanglos. Ganz ohne eigene Aussage bewegt man sich hier im Niemandsland des Kriegsfilm.
Hollywoods Kriegsmaschinerie mag in den letzten nicht mit Tiefgründigkeit geglänzt haben, war dafür aber meist ein audiovisueller Spaß par Excellence, was man von „The Great Raid“ wirklich nicht behaupten kann.

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