Irgendwie wohnt man als Zuschauer nach 130 Minuten "The Great Raid" etwas ratlos den Originalaufnahmen des fast 10-minütigen Abspanns bei. Gesehen hat man soeben eine, welch Überraschung, an historische Begebenheiten angelehnte amerikanische Befreiungsaktion im sich dem Ende zuneigenden Pazifikkrieg des Jahres 1945. Doch wirklich etwas hängengeblieben ist davon zumindest bei mir leider nicht. Dabei macht Regisseur John Dahl auf den ersten Blick vieles richtig: Ein- wie ausgeleitet wird der Film mittels historischer Aufnahmen incl. melancholischem Erzähler, technisch gibt sich der gute Mann ebenfalls keine Blösse und der bleihaltige Showdown stellt den Actionfan durchaus zufrieden. Woran hapert es dann?
Da wäre zunächst der Bereich der Charakterkonstellation und der angetretenen Schauspielergarde anzuführen, denn beides funktioniert leider nicht wirklich! Es gelang mir zu keinem Zeitpunkt, irgendwelche tiefergehenden Sympathien zu den im Vordergrund agierenden Charakteren aufzubauen. Diese blieben trotz plakativer Liebesgeschichte durchweg sehr oberflächlich, klischeebeladen und entwicklungsarm. Jeder spielt einem Statisten nicht unähnlich brav seine Rolle: Die engagierte Krankenschwester, der schweigsame US-Anführer wie auch die bitterbösen Unmenschen aus jenem Land, das schließlich durch die Atombombe in die Knie gezwungen wurde... alles so 0815, dass es beinahe schon weh tut.
Jetzt mag man sagen, dass dies bei Filmen wie Michael Bays Blockbuster "Pearl Harbor" durchaus auch der Fall gewesen sei - stimmt und stimmt zugleich wieder nicht! Bays Charaktere bieten keinesfalls mehr Substanz, das ist richtig, allerdings zieht Actionguru Bay seine patriotisch-klischeebeladene Schnulze auch konsequent von Anfang bis Abspann durch. Dies gelingt ihm dank charismatischerer Darsteller, aber auch aufgrund der Tatsache, dass er sich anders als Dahl nicht darum bemüht, dem ganzen einen wirklich ernstzunehmenden Rahmen zu verpassen. Hier sei auch der jeweilige Bilderstil kurz erwähnt: Bay: Bunt, Dahl: Blass. Auch letzteres kann ohne Zweifel sehr stimmig wirken. Klappt aber halt nur dann effektiv, wenn die wesentlichen anderen Parameter des Filmes mitziehen...
Und eben letztgenanntes scheint der gute John Dahl nicht zu beherrschen. Schon die originalen Wochenschau-Szenen zu Beginn wirken mit ihrer übertrieben betrübt klingenden deutschen Erzähler-Synchrostimme seltsam deplaziert. Die langatmige, wenig ereignisreiche Handlung bestätigt diese Unausgegorenheit im weiteren Verlauf zunehmend. Halbe Ewigkeiten werden mit us-amerikanischen Angriffsplanungen und der plumpen Propagierung des japanischen Feindbildes verbracht, ohne dass die Handlung hierbei nennenswert vorrankäme. Dabei ist es auch gerade der Handlungsstrang um die litauische Krankenschwester Connie Nielsen, der zu allem Überfluss letztenendes am entbehrlichsten erscheint. Das ist durchaus schade, ist doch Nielsen diejenige Darstellerin, die mir insgesamt noch mit am besten gefiel.
Jetzt, zwei Tage nach Filmgenuss, kann ich mich bereits an keinen der männlichen Hauptdarsteller rund um Benjamin Bratt und Joseph Fiennes mehr wirklich erinnern. Nicht, dass sie etwa schlecht geschauspielert hätten! Nein, es fehlte bloss jedes Profil, jeder Anflug von zuschauerseitiger Sympathie.
Warum ich "The Great Raid" doch noch knappe 6 Wertungspunkte erteile, ist neben der insgesamt recht stimmigen (wenn auch im Verhältnis zu den inneren Werten zu nüchternen) Inszenierung des Filmes vor allem mit einem allgemeinem Interesse an zeitgeschichtlichen Filmstoffen und dem sehenswerten Showdown zu begründen. Wie adäquat sich nun Dahl an die historischen Begebenheiten gehalten hat, vermag ich in diesem Falle nicht zu beurteilen aber das ist auch nicht weiter schlimm, denn "Great Raid" stellt sich in dieser Hinsicht mit seiner krassen Schwarzweiss-Zeichung und dem niemals überspringenden epischen Funken ohnehin selbst ein Bein. Würden doch wenigstens die Kriegsgreuel ungeschönt dargeboten, so wie es sei "James Ryan" doch eigentlich Usus ist! Das kann eine platte Handlung durchaus ein Stück rausreissen, wie der junge Private Ryan einst zu beweisen wusste. Aber auch hier ist bei John Dahl Sparflamme angesagt, und das ist wahrsten Sinne des Wortes: Eine knappe Hinrichtungsszene amerikanischer POWs mittels brennendem Benzin ist das härteste, was geboten wird. Der Amerikaner hingegen tötet auf seiner Befreiungsaktion stets sauber. Selbstverständlich auch im explosiven Showdown, in welchem das japanische Lager mit recht viel Krawumm gestürmt und auseinandergenommen wird. Den reinen Actionfan stellt diese bleihaltige Angelegenheit nach all dem Trübsal doch noch halbwegs zufrieden...
"Kurzweil nach gepflegter Langeweile", so kanns manchmal gehen. John Dahl hat hier schon einen höchst eigenartigen Actionkriegsfilm kredenzt! Ist es doch schon fast eine Kunst, sich so punktgenau zwischen alle Stühle zu setzen. Wundert kaum, dass der Film an den US-Kinokassen baden ging und in Deutschland direkt auf DVD dem Publikum dargeboten wurde. Dass es sich auf dem besagten Silberling um eine Unrated-Fassung, erscheint beinahe schon wie ein Schuldeingeständnis seitens der "Great Raid"-Macher. Fehlende Härte sollte offenkundig hinzugefügt werden, um den Film "erwachsener" erscheinen zu lassen. Keine schlechte Idee soweit. Leider handelt es sich hierbei aber wohl nur um zusätzliches CGI-Blut, weswegen dieser "Rettungs-Schuss" quasi effektlos in den Sandsack einschlägt.
Sollte allerings die nicht unheftige Verbrennungsszene auch zu jenen addierten Szenen zählen, so entschärfe ich meine Kritik ein wenig...
Fazit: Es gibt zwei Arten von Kriegsfilmen, die jeweils ihre individuellen Qualitäten besitzen: Zum einen effektstarke Popcorn-Movies a la "Pearl Harbor", zum anderen ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte wie beispielsweise den deutschen Beitrag "Stalingrad". Mischungen aus beiden Kategorien gehen meist in die Hose und so verschwindet "The Great Raid" ähnlich Spielbergs "James Ryan" - hier zieht wenigstens noch publikumswirksam das Duo Spielberg/Hanks - letztlich in der Belanglosigkeit.