„Ich hab' es ertragen, ich hab' es ausgehalten - für dich!“
Nachdem der französische Modefotograf Just Jaeckin 1974 mit seiner „Emanuelle“-Verfilmung öffentlichkeitswirksam als Regisseur debütiert hatte, machte er sich nur ein Jahr später an die nächste filmische Umsetzung erotischer Literatur: Er knöpfte sich in französisch-deutsch-kanadischer Koproduktion Anne Desclos‘ „Geschichte der O“ vor und landete einen Skandalfilm, der sich um weiblichen Masochismus dreht – oder dies zumindest vorgibt.
„O fragte sich, warum sie trotz aller Qual so viel Süße empfand...“
Die attraktive junge O (Corinne Cléry, „Wenn Du krepierst - lebe ich“) ist eine submissive Masochistin, die sich von Ihrem Freund René (Udo Kier, „Hexen bis aufs Blut gequält“) ins Schloss „Roissy“ geleiten lässt, um sich in völliger Unterwerfung ausbilden zu lassen. Zusammen mit Gleichgesinnten lehrt er sie, sämtlichen männlichen Schlossbewohnern jederzeit in jeder Hinsicht zur Verfügung zu stehen und es über sich ergehen zu lassen, ausgepeitscht zu werden. O gibt sich alldem freiwillig hin und kehrt später in ihren Beruf der Modefotografin zurück. Daraufhin stellt René sie seinem väterlichen Bekannten Sir Stephen (Anthony Steel, „Winnetou - 2. Teil“) vor, dem sich O von nun an zu fügen hat.
Eine Erzählerin führt aus dem Off mit mutmaßlichen Zitaten aus der (mir unbekannten) literarischen Vorlage durch die marginale Handlung des Films, der sich mit Fug und Recht als Softporno bezeichnen lassen muss. Dies liegt darin begründet, dass es Jaeckin und Drehbuchautor Sébastien Japrisot bei aller Weichzeichner- und Hochglanzästhetik im prunkvollen Schlossambiente nicht zu verhehlen gelingt, dass es ihnen in erster Linie um Zurschaustellung weiblicher Nacktheit und fragwürdig ästhetisierte Vergewaltigungs- und Misshandlungsszenen geht. Eine psychologische Ebene wird leider ebenso ausgespart wie Details zu persönlichen Hintergründen der jungen Fotografin, die ihr Verhalten möglicherweise verständlicher gemacht hätten. So wenig ich mir anmaßen möchte, die ja offensichtlich von einer Frau stammenden literarische Vorlage als frauenfeindlich zu verurteilen, so wenig kann ich mich selbst in diese Phantasien aus weiblicher Unterwürfigkeit bzw. männlicher Ausnutzung derselben hineinversetzen.
Jaeckin und sein Team scheint das auch wenig zu interessieren, denn die filmische Aufarbeitung des Stoffs scheint doch in erster Linie Männerphantasien unhinterfragt zu bedienen, womit der Film, wollte er als ernstzunehmender, hintergründiger Beitrag zur Thematik ernstgenommen werden, problematisch wird: Welche Zielgruppe wird bedient, welche Rückschlüsse auf die Freiwilligkeit von Frauen werden suggeriert, welche Bedeutung wird Sexualität und Partnerschaft zugeschrieben – und inwieweit kann „Die Geschichte der O“ als exemplarisches Beispiel für devote Sexualität missverstanden werden, inwiefern legte es man es evtl. gar darauf an?
In seiner Inszenierung aus getragener Orchestermusik zu aufgesetzt elegantem Pomp-Ambiente wirkt „Die Geschichte der O“ derart unwirklich und kitschig, dass er als das Phantasieprodukt Softporno für die entsprechende Klientel sicherlich „funktioniert“. Während die Handlung nach Os „Initiation“ über ihre „Überlassung“ an Sir Stephen und ihrem anfänglichen Zögern noch eine Lesbenszene unterbringt, in der O eine Jacqueline (Li Sellgren, „Madame Claude und ihre Gazellen“) verführt und schließlich darin mündet, dass sie Intimpiercings bekommen soll und ihr ein Brandzeichen verpasst wird, schwankt man als Zuschauer zwischen einer nicht abzusprechenden Faszination für Jaeckins erotikfotografisches Verständnis, der Enttäuschung darüber, was er letztlich daraus macht und viel gepflegter Langeweile, denn dramaturgisch ist „Die Geschichte der O“ eine glatte Sechs.
Jaeckins Film bewegt sich damit stets zwischen den Polen visuell beeindruckend und kitschig, männlich-heterosexuell erotisch und abtörnend sowie inhaltlich mutig und zweifelhaft (um es einmal vorsichtig auszudrücken) und bleibt derart oberflächlich und optisch porentief rein, dass seine eigentliche Thematik in einem Pastellschleier aus Prätention, Naivität, Phantasie und bemühter Mystifizierung versinkt.