„Kinder sind auch Menschen." - Mit dieser Aussage beginnt Oswalt Kolle den Aufklärungsfilm Dein Kind, das unbekannte Wesen, die Adaption seines ersten erfolgreichen Buches über die Sexualität und Bedürfnisse von Klein- und Schulkindern sowie Jugendlichen. Zur Beratung dienten ihm - wie auch in den Filmen zuvor - Wissenschaftler; hier u. a. Prof. Dr. Gerd Biermann, Leiter des ersten deutschen Instituts für Psychohygiene in Brühl bei Köln. Es werden die Themen Sauberkeitsgewöhnung, psychische Krankheiten und vor allem: Erziehungsfehler, Sexualität und Geburt abgehandelt.
Dabei bedient sich Kolle dem bisher in seinen Aufklärungsfilmen etabliertem Mix aus knappem Interview, kurzen Ratgeberfilmen und längeren Episoden, die durch seine Off-Kommentare nur notdürftig miteinander verknüpft sind. Es fällt natürlich wieder eine gewisse Angestaubtheit auf, die heute zum Teil belustigend, aber zum Teil auch peinlich wirkt - gerade was die aufkeimende Sexualität der Jugend in den Ferien am Meer angeht.
An die Nordsee hat es auch Oswalt Kolle samt Familie verschlagen und vom FKK-Strand (und natürlich nackt - ebenso wie seine Familie) erklärt uns Oswalt Kolle hochgradig subjektiv, was er von autoritärer Erziehung und Tabuisierung der Sexualität der Eltern gegenüber den Kindern hält: nämlich rein gar nichts. Doktorspiele im Kindesalter sind ganz natürlich, jedoch wirken die entsprechenden ausgedehnten Szenen dazu, mit Off-Kommentaren versehen, fast schon pädophil. Gegenüber seinen Teenager-Kindern gibt Nudist Kolle dann all die Weisheiten zu verstehen, die selbst heute noch Eltern die Schamesröte ins Gesicht zaubern würde. Und genau das macht diesen Film so peinlich: Preis gegebene Weisheiten um „man soll auch Gefühle für den haben, mit dem man schläft" und „Onanie ist nicht schädlich" wirken heute reichlich selbstverständlich, weswegen es schwer ist, sich in die rückständige Sexualmoral der späten 60er und frühen 70er Jahre einzufühlen.
Vielleicht hat Kolle auch genau aus diesem Grunde eine minutenlange, reale Geburts-Szene in seinen Film integriert. Allerdings fragt man sich, was er über die Enttabuisierung des Geburtsvorganges hinaus mit dem minutiösen Zeigen des Kindergebärens mit Nachgeburt inklusive Nähen des Damms für eine Botschaft vermitteln will. Zwischen der Sensibilisierung für einen offeneren Umgang mit Sexualität generell - auch gegenüber den eigenen Kindern -, der Forderung nach Gleichbehandlung der Kinder ohne Autorität (auch dazu gibt es eine peinliche Episode, als einem Vater im Restaurant und beim Abschleppen seines Autos eine noch größere Autorität widerfährt) und schlichter Provokation liegt nur ein schmaler Grat, den Oswalt Kolle hier nicht trifft.
Dabei ist Dein Kind, das unbekannte Wesen auch darin inkonsequent. In der Episode um die Ferien von einer Gruppe von Jugendlichen an der Nordsee, die von einem Reiseleiter überwacht wird, regiert die Verklemmtheit und Gehaltlosigkeit der ersten Report-Filme. Viel nackte Haut, aber wenig Explizites und Sinnliches bekommt man zu sehen, nur damit am Ende die Botschaft stehen kann, dass eine Veränderung der Sexualmoral endlich weitläufig vollzogen werden muss und Jugendliche endlich von ihren Eltern das Recht auf die freie Entfaltung ihrer Sexualität bekommen, welches ihnen zusteht.
Kolles Botschaft, die er mit diesem weitestgehend biederen, episodenhaften Aufklärungsfilm vermitteln will, ist klar: Kinder haben auch Bedürfnisse, eine Sexualität und Wünsche, auf die die Erwachsenen eingehen soll(t)en, damit sie psychisch normal mit dieser Thematik umgehen können. Allerdings sind die zum Teil reißerischen, zum Teil dramaturgisch arg defizitären und manchmal in Sachen Subjektivität zumindest diskutablen Mittel dieses unausgegorenen Mix aus Erziehungsratgeber, Dokumentation und Erotikfilm ziemlich fragwürdig. Gut gewollt, schlecht gemacht und heute mit einem nur noch geringen Informationsgehalt einzig unter zeitgeschichtlichen Gesichtspunkten und für Trash-Freunde interessant (3/10).