Für Stephen King-Verfilmungen gibt es zwei Schubladen: eine trägt die Aufschrift "akzeptabel" und die andere "miserabel" (die wenigen Meisterwerke - z.B. "Die Verurteilten", "The Green Mile" oder "Shining" - hängen eingerahmt an der Wand).
Prinzipiell lässt sich Tom Hollands Beitrag von 1996 ohne Umwege direkt in letzterer Schublade archivieren, denn rein filmisch ist das vorliegende Werk einmal mehr ein absoluter Reinfall. Trotzdem - eine gewisse Spannung kann man ihm nicht absprechen. Und deshalb gestaltet sich eine Bewertung doch wieder etwas schwieriger.
Der vorausgehende Roman wurde unter dem Pseudonym Richard Bachmann verfasst. Eigenheit jener Romane sind die stärkere Orientierung an der Realität, ohne das Übernatürliche jedoch ganz zu vernachlässigen. Ich würde da einen atmosphärischen Unterschied festmachen, ähnlich dem von europäischen Filmen im Vergleich zu US-Filmen.
So ist die Idee inspiriert durch tatsächlich vorkommende Gebräuche. Nur behaupte ich in meiner Überheblichkeit mal, dass in Wirklichkeit noch niemandem Schuppen gewachsen sind, weil ein Zigeuner einem "Eidechse" ins Ohr flüstert. Aber bei Stephen King ist alles möglich, und so wohnen wir einem spannenden Trip in die Welten der Zigeuner-Zauberei bei, der ausartet in Kulturdifferenzen und dem Aufeinandertreffen verschiedener Weltansichten.
Die Vorlage war also nicht gerade ein Meisterwerk, aber doch ein sehr spannender Beitrag. Was Tom Holland daraus fabriziert hat, ist unter gewissen Gesichtspunkten wirklich gelungen, unter anderen wiederum einfach nur erbärmlich. Das führt dazu, dass die Meinungen zu "Thinner" ziemlich auseinanderdriften dürften.
Es geht jedenfalls schon mal gut los mit der ersten Einstellung, die eine nebelverhangene Autobahnausfahrt zeigt und zwei Scheinwerfer, die sich der Kamera nähern. Die hierin enthaltene melancholische Grundstimmung gibt die Richtung vor. So kann der Look des Films über die gesamte Laufzeit überzeugen.
Der gelungene "Fat-suit" des Hauptdarstellers reiht sich da optimal ein. Entsprechend der Grundidee musste der fette Anwalt im Verlaufe des Filmes stark an Gewicht einbüßen. So nahm man mit Robert John Burke einen dünnen Hauptdarsteller und pumpte ihm mit Make Up und Kostümen zum Fettsack auf, der langsam, aber sicher einschrumpfte. Durch Schattierung und Ablenkung schaffte man es in der Endphase dann auch noch, Burke als spindeldürre Knochengestalt darzustellen. Gute Arbeit.
In Kombination mit den schwachen Elementen des Films wirkt das dann aber eher wie ein Schaf im Wolfspelz, also ein B-Film, der nur so aussieht wie ein A-Film.
Denn wovon hier alles abhängt (wie bei den meisten King-Verfilmungen), das sind die Schauspieler. Und die meisten von ihnen spielen so, als wären sie Akteure in einer Oper.
Ein Beispiel: Billy Halleck geht zum Haus des Richters, um mit ihm über die körperlichen Veränderungen zu reden, die sowohl Billy erfährt als auch - wie er annimmt - der Richter, weil der Billy vor Gericht freigesprochen hat und sich damit auch den Zorn der Zigeuner zugezogen hat.
Aber der Richter ist nicht da. Stattdessen macht seine Frau auf. Mit einem Glas Wein in der Hand empfängt sie Billy mit einem falschen, müden Lächeln und bietet ihm theatralisch grinsend ein Glas Wein an mit den Worten: "Das wirst du brauchen". Nach einer Diskussion drängt sie Billy dann in die Ecke und gibt ihm die Schuld daran, dass sich ihr Mann langsam in eine Eidechse verwandelt hat. Keifend steht sie also an der Haustür und wirft mit Sachen nach dem auf dem Boden kriechenden Billy. Und der schaut nicht etwa entsetzt oder traurig oder mitfühlend zu ihr auf (das wären drei realistische Möglichkeiten gewesen), sondern er grinst sie diabolisch an und zischt: "Ihr verehrter Mann hat mich gedeckt, Liebste, und er hat es nur zu gern getan!". Das ist nicht nur weltfremd, sondern einfach dämlich und ganz mies geschauspielert. Dadurch wiederum erhält der Film natürlich einiges an (unfreiwilliger) Komik und Trashwert, was ihn trotz des gelungenen Looks eindeutig als B-Film identifiziert.
Einzig Joe Mantegna ("Der Pate III") überzeugt als fieser Mafiosi, den Billy vor Gericht mal gerettet hat und der den Zigeunern in Billys Namen nun mit weltlichen Mitteln ordentlich einheizt. Fast schon wirkt er zu sympathisch als besessener Racheengel, dem seine Arbeit richtig Spass macht. Erstaunlicherweise ist gerade er der Einzige, der von den Racheakten der Zigeuner verschont bleibt, während alle anderen für die noch so kleine Hilfe bestraft werden.
Im Buch überzeugte gerade die Konfrontation auf dem Zigeunerplatz, als Billy mit letzter Kraft den Oberzigeuner Tatsu aufsuchte, um ihm zu bitten, den Fluch von ihm zu nehmen. Hier wurde die Frage aufgeworfen, was Gerechtigkeit ist. Ist es legitim, den unabsichtlichen Tod durch eine Unachtsamkeit mit einem absichtlichen Todesfluch zu vergelten? Wie funktioniert die Waage Justitias wirklich? Jeder fordert Gerechtigkeit, dabei definiert jeder dieses Wort anders.
Gerade durch die sklavische Orientierung an der Buchvorlage wurde diese Szene zwar genauso beibehalten und damit theoretisch auch gut inszeniert, nur macht das erneut übertriebene Opernspiel von Robert John Burke jegliche Mystik und Symbolik, die diesem Moment am Lagerfeuer der Zigeuner einst anhaftete, zunichte.
Ganz genauso verhält es sich in der Beziehung zwischen Billy und seiner Frau Heidi. Theatralik pur. There`s no business like showbusiness...
Zum Ende hin gibt es noch eine nette Maske und eine ironische Auflösung, die aber nicht Tom Holland anzurechnen ist, weil auch sie 1:1 aus dem Buch übernommen wurde (was ja nicht unbedingt ein Fehler ist).
Was bleibt, ist ein Film, der sich als Big Budget-Movie ausgibt und der auch mit einem großartigen Joe Mantegna aufwarten kann, der aber letztendlich nichts weiter ist als billigstes Amateurkino mit opernreifen Auftritten sämtlicher Beteiligter. Hierdurch könnten allerdings Trashfans etwas für sich finden.
Dass "Thinner" trotzdem spannend ist, hat er einzig und allein der Buchvorlage zu verdanken, die kaum verändert wurde. Schon deshalb konnte er nicht zum absoluten Schrott werden. Und das wäre ansonsten mit Sicherheit passiert.
4/10