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Nach dem Tod seiner Mutter wird Mark bei der Familie seines Cousins Henry untergebracht, während sein Vater für zwei Wochen auf Geschäftsreise muß. Schnell freundet er sich mit Henry an, doch mit der Zeit dämmert ihm, daß sein Cousin längst nicht so liebenswürdig ist, wie er sich seinen Eltern gegenüber ausgibt. Als der einen Hund erschießt und auf dem Highway eine Massenkarambolage verursacht, sieht Mark seine Ersatzfamilie in großer Gefahr...
Joseph Ruben benutzt mit Macaulay Culkin ("Kevin - Allein zu Haus") und Elijah Wood ("Der Herr der Ringe") zwei Jungdarsteller für einen bestürzenden Psychothriller. Culkin überrascht dabei in einer abgrundtief bösen Rolle, kann aber letztlich nicht überzeugen. Zunächst mag es den Zuschauer leicht schockieren, den lieb und brav wirkenden Traumsohn einer jeden Mutter als Psychopathen erkennen zu müssen, doch mit der Zeit gewöhnt man sich an sein anderes Ich und merkt, daß auch jeder andere in seine Rolle hätte schlüpfen können, Culkin also absolut austauschbar ist, wenn sein Ersatz nur einen bösen Blick aufsetzen würde. Zudem klingt seine deutsche Synchronstimme sehr unpassend. Wood verkörpert hingegen das liebe nette Kind, das Gute, das die Identifikationsfigur darstellt - in der Tat schlägt er in seiner Aufgabe seinen Widerpart um Längen und überzeugt, wenn man bedenkt, daß er damals weniger Filmerfahrung besaß als "Kevin". Somit haben wir das x-te Mal das Grundklischee Gut gegen Böse.
Schnell wird klar, worauf "Das zweite Gesicht" herausläuft: mit halbwüchsigen Stars und den gewohnten Spannungselementen, mit konventionellsten Mitteln viele Zuschauer zu ködern und in die Kinos zu locken. Warum sollte sich nicht ein Publikum für einen Thriller finden lassen, in denen Kinder die Hauptrolle spielen und einen Kampf auf Leben und Tod führen, wie man es sonst in anderen Spannungsfilmen mit erwachsenen Stars gewohnt ist? Diese Rechnung geht rückblickend betrachtet tatsächlich auf.
Die Story ist dabei keinesfalls neu, und Ruben benutzt alle erdenklichen Klischees, um Hochspannung zu erzielen. Dennoch gelingt ihm das angestrebte Ziel und erreicht damit den Traum eines jeden Thriller-Regisseurs: Nervenkitzel pur! Das schafft nicht jeder bei Berücksichtigung der oben genannten negativen Aspekte. Warum aber Ruben?
Zum einen kann man sich voll und ganz in die Figur Mark, der Hauptperson des Films, hineinversetzen. Von Anfang an sieht der Betrachter mit den Augen des bedauernswerten Jungen, und genauso wie er erkennt man mit der Zeit mit Grauen die psychopathische Ader seines Cousins.
Hinzu kommt, daß der Film von ständigen Verdachtsmomenten lebt: Ständig muß Mark um das Leben seiner kleinen Cousine fürchten, weil Henry fortwährend unmißverständliche Andeutungen macht. Gerade die Szene, in der Henry seine Mutter auf einen Spaziergang durch den Wald mitnimmt und Mark hilflos - ohne erkennbare Möglichkeit, ihnen zu folgen - im Haus eingesperrt damit rechnen muß, daß sein Vetter ihr nach dem Leben trachtet und sie umzubringen gedenkt, ist an Intensität kaum zu überbieten. Der Zuschauer befindet sich in derselben Situation wie der Hauptdarsteller und ist genauso aufgewühlt wie er. Doch der gewitzte Mark weiß, was zu tun ist, und deshalb bleibt dem Zuschauer auch nicht eines der spannendsten und nervenaufreibendsten Finals vorenthalten, das das Kino seit 1990 gezeigt hat - und das zu verraten, wäre töricht. Soviel sei gesagt: Es geht um "die Entscheidung einer Mutter, die weit über das Ende dieses kleinen Thrillers hinaus verstört" (Milan Pavlovic im Kölner Stadt-Anzeiger, 30.4.1994). Das trifft in jedem Falle zu.
Abgesehen davon, daß "Das zweite Gesicht" keinesfalls werdenden bzw. jungen Müttern zu empfehlen und spannend bis zum Gehtnichtmehr ist, sind alle das Thema und die Charakterzeichnung von Henry betreffenden negativen Kritiken absolut nachvollziehbar. Der Film ist psychologisch völlig unglaubwürdig und ganz weit hergeholt. Zudem stimmt die Art und Weise, wie Henry hier mit seinen Mitmenschen umgeht, sehr nachdenklich, weshalb der Vorwurf der Menschenverachtung zwar hart, aber durchaus berechtigt ist. Überhaupt ist Henrys Charakter furchtbar oberflächlich abgehandelt worden. Hier wird kein Grund für seine kranke Psyche angegeben. Macaulay Culkin entpuppt sich als bloßer Bösewicht, der den Drang nach Zerstörung und Töten besitzt.
Natürlich sind enorm viele negative Vermerke aufgezählt, und ich respektiere alle, die den Film aufgrund dieser Gesichtspunkte verachten und verfluchen - doch mir gefällt der Psychothriller ausgesprochen gut, so daß ich ihn mir bisher immer angesehen habe, wenn er im Fernsehen zu sehen war. Immerhin zählt er zu den Werken, die mich immer wieder zu fesseln wissen - allen Negativpunkten zum Trotz.

Fazit: Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke, Oberflächlichkeit steht auf der Tagesordnung, Klischees finden sich hier in Hülle und Fülle - aber in Sachen Spannung und Nervenkitzel ist "Das zweite Gesicht" ein Musterbeispiel.

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