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Der Fernsehreporter Dean Miller wird zufällig Zeuge, als ein unidentifizierbares Militärflugzeug auf einem Flughafen landet. Aus dem Inneren stürmen plötzlich teilweise völlig entstellte Menschen und greifen die Umherstehenden erbarmungslos an. Unter der Leitung von General Murchison ermittelt das Militär, daß die Angreifer einer extrem hohen Dosis radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren und deswegen zu widerstandsfähigen Kreaturen mutierten. Durch einen daraus resultierenden genetischen Defekt brauchen sie menschliches Blut um weiterleben zu können. Und während das Militär rätselt, wie sie der Katastrophe Herr werden, vergrößert sich die Zahl der Infizierten, denn die Angegriffenen werden selbst zu Mutanten. Dean versucht inzwischen mit seiner Frau Anna aus der im Chaos versinkenden Stadt zu fliehen…

Im Zuge des damalig aktuellen Trends folgte auch ein gewisser Umberto Lenzi dem Ruf des erfolgsversprechenden Konzeptes und sollte nach Wunsch der Produzenten einen Zombie-Film inszenieren. Die Geldgeber stammten sowohl aus dem heimischen Italien (Dialchi Film) als auch aus dem benachbarten Spanien (Lotus Films). Als Dritte im Bunde gehörte auch eine mexikanische Produktionsgesellschaft namens Televice S.A. de C.V. dazu, die im Filmvorspann jedoch ungenannt bleibt. Die Innenaufnahmen wurden dennoch ausschließlich in Italien besorgt, genauer gesagt in Rom, Lazio und den De Paolis Studios, und die Außenaufnahmen im sonnigen Spanien. „Die Produzenten kontaktierten meinen Agenten, weil sie einen Regisseur haben wollten, der diszipliniert arbeitet“, berichtete Lenzi einst persönlich, der schon in den 60er Jahren aktiv im Filmgeschäft unterwegs war. Dabei schnupperte er in jedes mögliche Genre, das in Italien über die Jahre angesagt war1.

Die Besetzungsliste von INCUBO SULLA CITTÀ CONTAMINATA zeigt dem Genrefreund einige bekannte Gesichter wie Mel Ferrer (in der deutschen Fassung kurioserweise von Horst „Derrick“ Tappert synchronisiert) als General Murchison, der bereits in diversen Genrebeiträgen wie IL FIUME DEL GRANDE CAIMANO (1979) und L’ISOLA DEGLI UOMINIO PESCE (1979) von Sergio Martino vertreten war. Auch in Umberto Lenzis MANGIATI VIVI! (1979) spielt Ferrer eine Rolle und diese Zusammenarbeit begründete eine gute Freundschaft zwischen den beiden. Auch mit den anderen Darstellern – zum Beispiel Maria Rosaria Omaggio, die schon mit Maurizio Merli, Ivan Rassimov und Tomàs Milian in Lenzis Polizeithriller ROMA A MANO ARMATA (1976) zusammen vor der Kamera stand, oder Laura Trotter, die eingefleischten Exploitation-Fans durch den rüden Revenge-Reißer LA SETTIMA DONNA (1978) von Franco Prosperi bekannt sein dürfte – war trotz Lenzis harter Regieführung ein gutes Auskommen gegeben.

Lediglich mit dem mexikanischen Schauspieler Hugo Stiglitz konnte der Regisseur sich nicht anfreunden, da er nicht seine Wunschbesetzung für die Hauptrolle war, sondern wahrscheinlich aufgrund vertraglicher Bindungen vom mexikanischen Koproduzenten gewählt wurde. Mit Stiglitz, der ausschließlich in mexikanischen Produktionen und Koproduktionen wie EL VALLE DE LOS MISERABLES (1974), TINTOTERA (1977) oder CEMENTERIO DEL TERROR (1985) mitwirkte und später auch selber produzierte, konnte Umberto Lenzi nicht sonderlich gut arbeiten. Er spielt seine Rolle zwar korrekt, aber viel zu steif und leb- und emotionslos. Leider agieren alle Darsteller nicht unbedingt überzeugend, um nicht zu sagen künstlich. Aber angemessen an der Produktion sollte man das auch nicht anders erwarten. Und außerdem weiß sich der Aficionado italienischer Filmkost ohnehin mit solcherlei Dingen zu arrangieren.

Wie man bereits aus dem Inhalt entnehmen kann, ist der deutsche Filmtitel GROSSANGRIFF DER ZOMBIES etwas irreführend und augenscheinlich das Unternehmen einer wirksamen Werbestrategie. Da 1980 die Zombiefilm-Welle in Italien kräftig ihre Wogen schlug, setzte man kurzerhand auf ein typisches, Gewinn versprechendes Muster – und das auch mit finanziellem Erfolg. Letztendlich haben die Wesen in INCUBO SULLA CITTÀ CONTAMINATA zwar ein paar Gemeinsamkeiten mit den wandelnden Untoten, unterscheiden sich aber in bestimmten Details: In Lenzis Streifen sind es kontaminierte Amokläufer, von denen die Erstbetroffenen einer zu hohen radioaktiven Strahlung ausgesetzt waren. Merkwürdigerweise sollten normale Menschen dies gar nicht überleben, so auch die Erklärung innerhalb der Diskussionen der Militärs. Doch – O Schreck! – wie kommt es schließlich dazu, daß die Atommutanten zu Beginn des Films quietschfidel aus dem Flugzeug stapfen?

Dieses Mysterium zu ergründen, dürfte aber ein sinnloses Unterfangen sein und soll an dieser Stelle auch nicht meine Aufgabe sein, zumal ich doch stark annehme, daß die Herrn Kollegen Drehbuchschreiber da nicht geschickt genug zu Werke gingen. Aber wie dem auch sei, in den Gesetzen des Horrors überleben sie die Aussetzung der Strahlung und ihnen widerfährt eine genetische Veränderung, die ihnen eine übermenschliche Stärke und nahezu Unsterblichkeit verschafft. Allerdings brauchen sie menschliches Blut, um einen signifikanten Nebeneffekt zu umgehen: Die Genmutation zerstört die roten Blutkörperchen. Daher stürzen sich diese Menschenmonster auch über alles, wo sie dem roten Lebenssaft nur habhaft werden können. Eine unglaubliche Szene offenbart sich, als sie das Hospital stürmen und einem Ärzteteam im Operationssaal unliebsamen Besuch bescheren. Da wird aus der Wunde des Operierten geschlürft und an der Infusionsflasche mit dem Kreuzblut genuckelt. Übertroffen wird das nur noch vom OP-Chef, wenn jener sich als Skalpellwerfer versucht. Einfach herrlich!

Die Kontaminierten zeigen sich erheblich robust und ihnen ist nur durch das Zerstören des Gehirns beizukommen, denn dieses Organ ist der Antrieb für das blutgierige Treiben. Und die Opfer infizieren sich bereits durch die kleinste Verletzung und werden selbst zu Mutanten. Diese Faktoren stellen Lenzis Mutanten damit wiederum auf eine Stufe mit den verwandten Zombies. Der Regisseur selbst widerspricht der Deutung, daß es sich bei seinen Monstern um Zombies handelt. Sie sind einfach verseuchte Menschen; sie sind nicht tot, sondern lebendig und im Grunde nur erkrankt. Diese Differenz ging wohl auch auf seine Kappe, denn Lenzi überarbeitete das dürftige Skript der Produzenten und ergänzte sie nachhaltig mit der Traumsequenz gegen Ende des Films: „Das Script war ziemlich gut, aber viel zu kurz. Also fügte ich einige überraschende Elemente hinzu wie die Traum-Enthüllung, die allerdings erst während der Dreharbeiten entstand.“

Auffällig ist aber die hemmungslose Vorgehensweise, mit der sich die Blutschlürfer durch die Story metzeln. Da wird gestochen, geschlitzt, gehackt, geschossen und gebissen, was das Zeug hält. Die rasante Mobilität und ausdauernde Kondition bringen nicht nur eine starke Dynamik in den Film, sondern erzeugen weniger den Grad einer intensiveren Furchteinflößung durch das mehr schleichende, aber unaufhaltsame Grauen, welches die altbekannten Watschelzombies herauf beschwören, als vielmehr den akuten und gewaltsamen Schock. Dieser Aspekt spiegelt sich beispielsweise auch in Lamberto Bavas Dämonensaga Mitte der 80er Jahre bzw. Ende der 80er Jahre in den Trash-Katastrophen ZOMBI 3 (1988) und After Death (1988) wieder. Obendrein könnte das durchaus ein Grundstein für die neue Generation einer sich ähnelnden physiologischen Verwandtschaft aus Danny Boyles 28 Days Later (2002) und jüngst dem Remake von Dawn of the Dead (2004) sein.

Trotz dieser Eigenständigkeit bleibt INCUBO SULLA CITTÀ CONTAMINATA ein Produkt seiner Zeit. Während andere Landsgenossen ihre Schauplätze etwas zeitloser gestalteten, bleibt Lenzis Spielgelände in der Großstadt und den umliegenden Randgebieten. Das Lebensgefühl der auslaufenden 70er Jahre und der nahtlose Übergang in die 80er des 20. Jahrhunderts ist nicht nur in den Hospitalszenen wahrzunehmen, sondern ganz besonders in den Filmteilen um die TV-Aufnahmen einer kitschigen Musikshow, in denen sich Männlein und Weiblein in Leggingsanzügen zu zweitklassiger synthetischer Klimpermusik drittklassig tänzelnd bewegen. Der Soundtrack von Stelvio Cipriani paßt sich aber dem Pessimismus des Films sehr gut an und orientiert sich – zumindest für mein Gehör – zum Teil am Goblin-Score von Romeros DAWN OF THE DEAD und Fabio Frizzis Kompositionen für Lucio Fulcis ZOMBI 2 (1979), wenngleich weniger dramatisch-wuchtig beziehungsweise exotisch.

Dafür sind einige filmische Einflüsse von den soeben genannten Streifen erheblich stärker vertreten. Zum einen wären da der Einsatz von Fernseh- und Radionachrichten – anfangs gibt es auch den vorhin angesprochenen Tatort in den Fernsehstudios –, die weiten Park- und Landschaftsflächen, welche hin und wieder aus dem Blickfeld eines Helikopters zu sehen sind, sowie ein Vergnügungspark, in dem der finale Überlebenskampf des Miller-Paares stattfindet. Der Vergnügungspark könnte bei genauer Beobachtung einen ähnlichen Stellenwert einnehmen, wie das Kaufhaus in DAWN OF THE DEAD. Jedoch läßt die oberflächliche Handlungsstruktur keine tiefer gehende Betrachtungsweise zu. Davon mal abgesehen, behauptete Lenzi ganz ehrlich, daß er sich nicht an Romeros Film orientiert habe. Eine andere „Hommage“ gen Fulci und Giannetto De Rossi findet sich im Bereich der Effektsequenzen, wenn der entsetzten Sara Franchetti mit einer spitzen Eisenstange das Auge ausgestochen wird. In diesem Zusammenhang ist zu sagen, daß die Make-up-Effekte im Großen und Ganzen nicht spektakulär sind, und sowohl qualitativ als auch quantitativ nicht an die Gore-Explosionen von Lenzis Regie-Kollegen heranreichen.

Leider ist auch die gesamte Konzeptumsetzung sowohl technisch wie inszenatorisch nicht gerade auf hohem Standard und die knappe Drehzeit von rund acht Wochen – drei Wochen im Studio und fünf Wochen für die Außenaufnahmen – sorgten nicht zuletzt für viele Logiklöcher. Neben den bereits erwähnten klischeehaften Skripteinfällen gibt es einige Kuriositäten zu bestaunen, die einerseits unfreiwillig zum Schmunzeln auffordern und gleichzeitig die Haare zu Berge stehen lassen. Beispielsweise kommt ein Soldat daher, um die Tochter des Generals und deren Ehegatten (gespielt von Stefania D’Amario und Pierangelo Civera) ins Militärhauptquartier zu bringen, weil sie telefonisch nicht erreichbar waren. Dabei liegt zwischen dem letzten Anrufversuch und dem Auftauchen des Soldaten knapp eine Minute.

Ziemlich bescheuert ist auch Laura Trotters These, daß man in Kirchen vor den Kreaturen in Sicherheit wäre. Oder auch sehr schön zu sehen ist, wie Maria Rosaria Omaggio trotz eindringlicher Warnung ihres Mannes (gespielt von Francisco Rabal) erst einmal im Garten steht und den selbstständig fahrenden Rasenmäher begutachtet, was ja schon Grund genug sein müßte, alle Fenster und Türen zu verriegeln und zu verrammeln. Zuweilen erwischt man auch ein paar Filmfehler, unter Fachleuten „Goofs“ genannt, wenn ein Hubschrauber am Himmel zu sehen ist, der da eigentlich nicht hin gehört; oder das nach zwei Revolverschüssen explodierte Hinterteil von Maria Omaggios Dummieschädel, während in der nächsten Einstellung ihr wirklicher Kopf, bis auf den Einschuß in der Stirn, wieder völlig intakt ist.

Dies sind nur ein paar Beispiele, für die aber nicht nur das Drehbuch verantwortlich sein wird, sondern auch die Schludrigkeit von Umberto Lenzi. Wenngleich der Regisseur bemüht war, die groben Phantastikelemente zu streichen und der Geschichte einen realistischen Hintergrund zu verleihen. Dieser basiert auf einem Giftgasunglück in einer Chemiefabrik im norditalienischen Seveso im Jahre 1976, bei dem Dioxin austrat und für erhebliche Umweltschäden und Erkrankungen der Bevölkerung sorgte. Auch heute noch ist Lenzi von seiner ernsthaften Ökobotschaft gegen die Atomkraft und die rück-sichtslose Ausbeutung des Menschen gegenüber Mutter Natur überzeugt – „Die gegen Atomkraft gerichtete Botschaft war aufrichtig und sehr gehaltvoll.“ – und bezeichnet INCUBO SULLA CITTÀ CONTAMINATA als wichtigen Film, da die Thematik unbestreitbar auch heute noch aktuell sei.

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