Die Bücher von Selby zu lesen ist eine Qual. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch setzen sie dem Konsumenten sehr zu. Um trotzdem in den zweifelhaften „Genuss“ zu kommen, Selbys perspektivenlose Welt zu erleben, ohne sich durch seinen Schreibstil quälen zu lassen, bieten sich Verfilmungen an. Das hat allerdings bei „Last Exit Brooklyn“ eindrucksvoll nicht funktioniert. Nun kommt mit „Requiem for a Dream“ ein zweiter Versuch, der mit unglaublichen Vorschusslorbeeren ausgestattet ist. Also rein damit.
Viele sagen, dass sie nach dem Konsum verstört waren. Das war ich auch. Denn ich habe seit langem keine derartige Diskrepanz zwischen den Urteilen Dritter und meinem eigenen Erleben gehabt. Es macht fast den Eindruck, als gäbe es zwei unterschiedliche Versionen. Um nicht missverstanden zu werden; der Film ist nicht in Gänze schlecht. Aber er hat massive Schwächen.
Was sehr stört, ist dass Aronofsky von Anfang an versucht, auf Kraft künstlerisch zu wirken. Er setzt so ziemlich jedes Stilmittel ein, dass er irgendwo mal gesehen hat. Das tut er ohne jeden Sinn, dafür aber in ständiger Wiederholung. Hätte er wirklich vorgehabt, künstlerisch den Zerfall seiner gefilmten Welt zu dokumentieren, hätte er am Anfang mit seinen „Regieeinfällen“ gegeizt, um sie dann am Ende des Films umso effizienter einzusetzen. Erst ab dem Zeitpunkt, wo Sara ins Krankenhaus kommt, beginnen seine Schnitte und seine Kamera zu wirken (da wird der Film auch besser). Vorher ist alles nur Schnickschnack, um seinen scheinbaren intellektuellen Anspruch zu unterstreichen.
Normalerweise ist das akustische Erleben eines Filmes bis auf den Soundtrack unerheblich. Hier wird aber auch das Zuhören unerfreulich. Denn Aronofsky hat zu einem ansprechenden Soundtrack eine Fülle von Symbolgeräuschen beigefügt (Kassengeräusche beim Dealen, demonstrative Schluckgeräusche, Konsumgeräusche), die schlicht infantil wirken. So kann man eine ernste Story nicht begleiten (okay, der Kühlschrank ist noch kindischer).
Ohne das Buch zu kennen denke ich, dass die Story unter den plakativen bis simplen Elementen von Selby leidet. Kein Mensch hat einen Hungerwahn nach einem halben Tag Diät. Und so leicht kann man durch das Strecken von Drogen bei Eigenkonsum nicht das große Geld verdienen, ohne andere Mitverdiener auf den Plan zu rufen. Das muss schon ein ziemlich dummer Dealer sein, der billig so reinen Stoff verkauft, der dann Amateure reich werden lässt.
Kommen wir zu den Schauspielern. Ellen Burstyn wird über den grünen Klee gelobt. Das ist nur für das Ende des Films gerechtfertigt. Zuvor ist ihre Darbietung possenhaft und erschreckend unglaubwürdig. Jennifer Connelly wieder zu sehen ist eine Freude, aber richtig überzeugen tut sie auch nicht. Über die Besetzung von Harry und Tyrone reden wir besser nicht. Hier geben die Schauspieler den Charakteren überhaupt keine Konturen. Das wäre aber nötig gewesen, um an ihrem Schicksal Anteil zu nehmen.
Mitleiden kann man nur mit Sara (das aber richtig) und aus Sicht der gescheiterten Liebe mit Marian. Sara ist auch die Einzige, die ihren Abstieg vollständig vollführt. Sie ist in der Hölle angekommen. Der Rest der Charaktere hat wohl noch einen langen Weg nach unten vor sich. Haft, Versehrtheit und einsetzende Prostitution sind nur Zwischenstopps, die wohl zur Endhaltsstelle erklärt werden. Es ist halt nur ein Spielfilm.
Und hier kommt der für mich wesentlichste Punkt. Alle diejenigen, die sagen, dass die Gefahr von Drogen noch nie so eindringlich in einem Film geschildert wurde, mögen Recht haben. Es stellt sich nur die Frage, ob es dazu eines Spielfilms bedarf. Mir fallen aus dem Stehgreif drei abendfüllende Dokumentationen ein, die die Wirklichkeit zeigen und „Requiem for a Dream“ spielend in den Schatten stellen. Nur kommt das wahre Leben nicht aus der Videothek, sondern man müsste sich mal in die dritten Programme verirren.
In Summe ist „Requiem for a Dream“ ein Film mit ordentlichen Passagen, die aber in der Gesamtheit durch peinliche Stilelemente und der Angst vor dem wirklichen Ende verdaddelt werden. Die in Summe sehr guten Bewertungen dieses Films kann ich mir nur mit dem „Des Kaisers neu Kleider“-Effekt erklären. Der Film ist keine Kunst, sondern nur gewollt. Für mich eine Enttäuschung, die nicht mehr als 3 Punkte verdient hat.