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Darren Aronofsky konnte mit seinem zweiten Spielfilm "Requiem for a Dream" nahtlos an den Erfolg seines Erstlings "Pi" anknuepfen, "verbesserte" somit sein Standing innerhalb der Filmbranche vom Independet-Geheimtipp zum gefeierten Genre-Regisseur. Aronofsky hat es geschafft, in einem Film, der sich dem Thema Drogen widmet, das Junkie-Dasein nicht zu glorifizieren, sondern als das zu zeigen, was es ist: hoffnungslos, niederschmetternd, hilflos, tragisch und, hier leider ziemlich eindimensional beschrieben, auswegslos. Allerdings soll ein Film, der sich diesem ernsten und relativ problematischen Thema verschrieben hat nichts euphemisieren oder gar verherrlichen, woran viele aehnliche Drogen-Filme letztendlich scheitern.

Einfuehlsam erzaehlt Aronofsky die Geschichte von 4 einander bekannten Personen, die allesamt ihrer eigenen, persoenlichen Sucht verfallen sind. Harry Goldfarb (Jared Leto) und sein Freund Tyrone Love (Marlon Wayas) sind Heroin-Junkies und leben mehr oder weniger zufrieden im heruntergekommenen Coney Island, Brooklyn, New York City. Harrys Mutter, Sara Goldfarb (Ellen Burstyn), lebt allein in einer kleinen Wohnung. Ihr Lebensinhalt scheint aus dem exzessiven Sehen einer Selbsterfuellungs-Dauerwerbesendung zu bestehen, dessen Genuss allerdings haeufig unterbrochen wird, naemlich immer dann, wenn Harry den Fernseher zum Pfandleiher bringt, um seine Drogensucht zu finanzieren. Harrys Freundin aus gutem Haus, Marion Silver (Jennifer Connelly), selber Heroin abhaengig, komplettiert das Gespann. Unterteilt ist die von Aronofsky erzaehlte Geschichte in die symbolischen Jahrezeiten: Sommer, Herbst, Winter.

Die zu Beginn des Films zwar allgegenwaertige Sucht entfaltet ihre schreckliche Fratze nur schrittweise, um dann am Ende in schallendes Gelaechter auszubrechen. "Requiem for a Dream" ist eine Geschichte vom Scheitern. Vom Scheitern an den eigenen Anspruechen, an der Umwelt, an sich selbst. So haben alle 4 Protagonisten bzw. Schauspieler - Aronofsky wird nicht muede zu betonen, dass der Hauptdarsteller seines Films die Sucht sei - zu Beginn und auch im weiteren Verlauf des Films, mehr oder weniger realisierbare bzw. nachvollziehbare Traeume: Harry und Tyrone traeumen davon, mit dem Dealen Geld zu verdienen und so in naher Zukunft ihre Beschaffungsaengste zu verlieren. Sara wuenscht sich nach dem Erhalten eines Briefs, der sie dazu einlaedt, in der von ihr vergoetterten Sendung teilzunehmen, nichts sehnlicher als in ihr rotes Kleid zu passen, welches sie das letzte Mal beim High-School-Abschluss Harrys trug. Und Marion, die von einer gemeinsamen, gluecklichen Zukunft mit Harry traeumt. Euphorisiert durch den vermeintlich rasch eintretenden Erfolg ihrer Vorhaben (Harry und Tyrone verdienen etwas Geld, Sara beginnt eine vielversprechende Pillen-Diaet, bei Marion und Harry laeuft es prima) spitzt sich der gedankenlose Umgang mit der Materie Sucht/Drogen langsam zu. Aufgrund eines Engpasses sehen sich Harry und Tyrone gezwungen nach Florida zu reisen, um dort an die schmerzlich vermissten Drogen zu gelangen. Sara muss feststellen, dass der Kuehlschrank zu ihrem groessten Feind wird, beginnt, sie anzuknurren und auch die Fernsehgesellschaft meldet sich nicht mehr. Bei Marion und Harry kriselt es gewaltig, und er raet ihr, sich zu prostituieren, um an Stoff zu gelangen. Dies sind wohl die Schluesselszenen, die u.a. dazu fuehren, dass am Ende alles zusammenbricht. Aronofsky filmt die Geschichte des Niedergangs in innovativen Bildern, die eine Weiterentwicklung seines Films "Pi" darstellen, in dem er jene erstmals einsetzte. So bedient er sich der sogenannten Hip-Hop-Montage, um Grossaufnahmen in Zeitraffer aneinander zu reihen, und damit einen trance-aehnlichen Effekt zu erzeugen. Diese "Videoclip-Aesthetik" zieht sich durch den ganzen Film, und wird durch den Gebrauch von ungewoehnlichen Kameraperspektiven - etwa beim Rennen der Personen, die sogenannte Snorricam - noch verstaerkt. Im Kontrast zu diesen teilweise sehr hektischen Bildern, steht die ruhige, minimalistische Musik von Clint Mansell. Die Kopplung von klassischer Musik und Technobeats hat einen hohen Wiedererkennungswert und freut sich grosser Beliebtheit, auch abseits des Films. Hinzu kommen surreal anmutende Sequenzen, etwa wenn der Kuehlschrank von Sara in der Kueche wuetet, oder das Fernsehteam ploetzlich in ihrem Wohnzimmer steht. Manchmal gewinnt man jedoch den Eindruck, Aronofsky scheitert an seinen eigenen aesthetischen Anspruechen, wenn er krampfhaft versucht, einzelne Szenen allzu artifiziell zu stilisieren. Der Geschichte bzw. dem Film, der, interessanterweise, eine Literaturverfilmug darstellt - der Autor des Buches war wie Aronofsky am Drehbuch beteiligt - tut das jedoch keinen Abbruch. Aronofsky inszeniert geradlinieg ohne sich zu sehr in transzendierenden Bildern zu verlieren. Mit seinem Ende ist Aronofsky sicherlich eines schoensten und auch tragischsten der Filmgeschichte gelungen: die 4 zerstoerten Persoenlichkeiten kauern sich hilflos, in der Embryonalstellung verharrend, in ihren Betten zusammen - unabhaengig voneinander. Harry findet sich mit seinem amputierten Arm in einem Krankenhaus wieder, Sara in einem Sanatorium, maltraetiert von Elektroschocks (eine neuartige Behandlungsmethode), Tyrone in einer Bundeshaftanstalt und Marion in ihrer Wohnung, nachdem sie auf einer Sex-Party zum willenlosen Spielzeug degradiert wurde. Aronofsky zeigt somit, dass die triebgeleitete, niedere Sucht der "Protagonsten" auf ein und dasselbe, niederschmetternde Ziel hinauslaeuft. Dass hier Heroin-, Psychopharmaka/Pillen- und Fernsehsucht durcheinander geworfen werden, mag zwar auf den ersten Blick verwundern, dient bei genauerem Hinsehen aber nur der Verdeutlichung dieses drastischen Themenbereiches.

"Requiem for a Dream" laesst einen schockierten Zuschauer zurueck, dem spaetestens nach diesem Film klar sein muss, dass Sucht nicht nur das ueberzeichnet-satirische "Fear and Loathing in Las Vegas"-Gefuehl verkoerpert. Selten ist es einem Regisseur gelungen, Sucht derart ehrlich, authentisch und tragisch auf die Leinwand zu bringen. Trotzdem bleibt der Eindruck eines mahnenden Zeigefingers mit Erzieher-Funktion bestehen, was dem Ganzen ein wenig schadet.

8/10

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