Review

Ich schließe meine Augen und greife energisch in die alte Mottenkiste. Aus dem Sumpf der Vergessenheit, aus dem schier unendlichen Repertoire filmischer Sünden befördere ich Roberto Bianchi Monteros RATTENNEST ans Tageslicht, den die spezialisierten, einschlägig bekannten deutschen DVD-Labels bislang übersehen haben. Dabei wäre eine Neuentdeckung durchaus begrüßenswert, bewegt sich der Film doch deutlich oberhalb des Genredurchschnitts. Die Klassifizierung, die Einordnung des Films in ein bestimmtes Genre gestaltet sich generell komplex, da der Zuschauer einen wachechten Bastard serviert bekommt, der Codes und Konventionen divergierender Filmgenres in sich vereint.

Der invalide Richard Harrison (bekannt aus unzähligen Ninja Streifen) landet aufgrund einer ärgerlichen Autopanne fernab jeglicher Zivilisation in der Einöde Amerikas. Nach einem kurzen Fußweg kommt er in einem kleinen Goldgräberdorf an, das von illustren Galgenvögel bewohnt wird, denen diese Gegend als Refugium dient. Dick, der Raubmörder; Smith, der Kinderschänder; Gordon, der Deserteur; Carl, der Bankräuber; Rita, die Nymphomanin; ein alter Mann und ein stummer Geisteskranker bilden die Belegschaft dieses abgeschiedenen Ortes. Dass neugierige Fremde wie Richard Harrison in dieser Gegend keine willkommenen Gäste sind, wird nicht nur anhand der Figurenkonstellation deutlich. Eine prall gefüllte Kiste Gold, ein teuflisches, intrigierendes Weib ohne Anstand und ein dunkles Geheimnis werden zu Katalysatoren von Streitigkeiten, Raufereien und Misstrauen.

Eine Goldgräberstadt, eine ganze Menge Gesetzloser und ein mysteriöser Fremder stellen üblicherweise die Ingredienzen eines guten Spaghetti-Westerns dar. Doch das RATTENNEST ist kein Western, sondern ein Thriller mit Kriminalfilm-Elementen, der es versteht die Ästhetik, den Look des Western für die Elaborierung der eigenen Narration zu nutzen. Die Western Settings dienen zur Rahmung; sie bilden den Unterbau des Films. In diesem Zusammenhang erinnern diverse Szenen an Sergio Leones Meisterwerk SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD. Der Mundharmonika spielende stumme Mann, der die gleiche Melodie immer wieder anstimmt, ist wohl als direktes Zitat zu interpretieren.

Ein großes Motiv des Films konstituiert die Destruierung des amerikanischen Traums. In dieser Beziehung sind die Italiener unangefochtene Weltmeister. Analog zum Spaghetti-Western, wo die amerikanische Prärie oftmals als eine kaleidoskopartige Ansammlung rücksichtsloser Halunken dargestellt wird, ist das RATTENNEST als eine Art Diskurs der "Entromantisierung" der amerikanischen Landschaft zu begreifen: In der Ödnis herrschen raue Sitten; es wird verleumdet, geklaut und sogar gemordet. In ehemaligen Ballungsorten der Prosperität (Goldgräberstadt) entwickeln sich im Laufe der Zeit - und in Folge des progressiven Niedergangs - abgekapselte Mikrogesellschaften mit dubiosen Moral- und Gesetzesvorstellungen.

Der Film wird vorangetrieben durch die Dynamik innerhalb der Gruppe. Ständig kommt es zu Auseinandersetzungen, die die Narration schrittweise vorantreiben. Der konstante Dreh- und Angelpunkt des Werks ist der körperlich behinderte Fremde (Richard Harrison), unsere einzige Identifikationsfigur, den die restliche Gruppe nur als bösartigen Infiltranten wahrnimmt, als eine Art Anti-Diskurs der bestehenden Ordnung. Integration oder Beseitigung des Fremden: die Gruppe kennt nur zwei Möglichkeiten. Eine Anpassung an das Gesetz des Stärkeren ist in jedem Fall eine unverzichtbare Voraussetzung. Der Hostilität des Umfeldes kann man nur mit schonungslosem Kampf entgegentreten.

Ein pessimistisches, desillusionierendes Menschenbild bekommt der Zuschauer zu sehen. Auch Rita (Dagmar Lassander) - die einzige "Donna" unter den "sette bastardi" - gefällt sich in der Rolle einer Nymphomanin; sie genießt ihre Macht über die Männer und ihre Stellung im Zentrum der Streitereien. Sie ist sich der Tatsache bewusst, dass sie in dieser Gegend so kostbar zu sein scheint wie das Gold und dieses Wissen nutzt sie schamlos aus.

Das RATTENEST ist ein außergewöhnlicher kleiner Film, der mit unkonventionellen Ideen aufwartet. Der spielerische Umgang mit Elemente unterschiedlicher Genres und eine Bande verabscheuungswürdiger Ganoven - gespielt von einem tollen Ensemble relativ bekannter Exploitation-Mimen (u. a. Gordon Mitchell, Dagmar Lassander, Ivano Staccioli) - machen den Film für Liebhaber und Kenner interessant. Getrübt wird der insgesamt positive Eindruck durch die relativ plakative, einfallslose Auflösung. Denn der Fremde befindet sich nicht zufällig in dieser Gegend; er trägt ein Geheimnis mit sich, ein ausgesprochen dämliches Geheimnis.

Das Konzept zu dem Film stammt übrigens von Richard Harrison. Unterstützt wurde Roberto Bianchi Montero von seinem ebenfalls hochbegabten Filmemacher-Sohn Mario Bianchi (SEX-TAXI, SEXORGIEN IM SATANSSCHLOSS), der für das RATTENNEST die Aufgabe des Second-Unit Director übernahm. Klingt das nicht toll?

Gute Ideen und ein wenig Sleaze. Ein kleiner Film. Ein guter Film. Für Genrefans und Nostalgiker.

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