Review

Das ist die Geschichte von Rene Rupnik. Rene ist um die 50 und Mathelehrer von Beruf. Seine Passion aber ist der weibliche Körper, insbesondere der Busen der Frau. All seine Gedanken kreisen nur um dieses eine Thema. Selbst in den Unterricht baut er seine Theorien und Erkenntnisse darüber ein. Da wird der Cosinus schnell zum „Ko-Busen“ und „der eine Busen zum Quadrat plus der andere Busen zum Quadrat…“ berechnet. Für eine Frau ist die Körbchengröße eine Frage von „Sein oder Nichtsein“, so Renes Eigeninterpretation des „Hamlet“-Zitats. Darüber hinaus hat Rene eine These, warum das Wort „Weib“ die am besten passende Bezeichnung für eine Frau ist. Das „W“ allein erinnert doch schon an dralle Schenkel. Das „B“ am Ende sind wie Busen von der Seitenansicht. Und dann das „Ei“ in der Mitte – wie als stünde es sinnbildlich für das Ei in der Gebärmutter. Auch das Wort „ficken“ kommt laut Rene einem lautmalerischen Kunstwerk gleich. Ähnelt allein das „F“ doch auf so wundersame Weise einer Pistole, mit der man Schießen und somit auch Ejakulieren assoziieren kann

Rene lebt zusammen mit seiner greisen Mutter in einer kleinen Plattenbauwohnung. Zuhause türmen sich Zeitschriften und Zeitungen stapelweise. Wohl hat alles seine Ordnung, dennoch ähnelt die Wohnung stark der eines Messis. Seine pflegebedürftige Mutter wird größtenteils aus seinem Leben ausgeklammert und hat seine Zwangshandlungen zu ertragen. Beispielsweise muss immer frisch gelüftet sein, egal wie kalt es in der Wohnung wird und egal wie starr die Gelenke der Seniorin dadurch werden.
Nein, Rene kennt nur ein Thema: Busen, Busen und nochmals Busen. Den der jungen Senta Berger hält er für den besten Busen der Welt, den Busen in Perfektion sozusagen. Wolle man sich aus den verschiedensten Frauen eine perfekte Frau zusammenbasteln, sich sozusagen einen weiblichen Frankenstein erschaffen, so müsse man, laut Rene, an Senta Berger, der jungen wohlgemerkt, rein gar nichts mehr verändern oder hinzufügen. Ursula Andress müsste man beispielsweise noch den Kopf von Uschi Glas draufschrauben, damit das Bild stimmig wird, so Rene. Auch die prunkvollen Gemälde von Rubens gefallen ihm nicht. So zeigen sie die Weiblichkeit in zu üppiger Form, wodurch das Wesentliche, der Busen, von den übrigen Massen verschleiert wird.

DER BUSENFREUND ist eine bitterböse, groteske Fallstudie über die sexuelle Pervertierung des Mittelstandes, hervorgerufen durch soziale Isolation. Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl, der durch das Stilmittel der Semidokumentation die Distanz zum Betrachteten aufhebt, ist für seine niederschmetternd tristen Alltagsbilder bekannt, siehe z.B. MODELS, HUNDSTAGE, TIERISCHE LIEBE. Das Gezeigte wirkt erschreckend authentisch, viel erschreckender ist jedoch, dass der Film tatsächlich einem reellen Fall, sprich: der Realität, entsprechen könnte.
Rene steht stellvertretend für soziale Abkapselung und die damit verbundene Flucht in Zwang und Fetisch. Seine Busenmanie wird auf dieselbe Stufe wie das zwanghafte Händewaschen, die Sammelwut und der Hygienetick gestellt. Seine Anspruchshaltung gegenüber Frauen – völlig weltfremd und unrealistisch, ist Rene selbst nicht unbedingt das Herzblatt jeder Frau. Seine sozialen Kompetenzen – verkümmert oder nur in der Theorie existent.
Was Rene geblieben ist, ist sein rhetorisches Talent. Auch wenn er bei sachlichen Vorträgen hochprivate Sexphantasien im Schulmeisterstil preisgibt, weiß er sich zumindest zu präsentieren. Welche Rolle ein Mensch nach außen hin trägt und wer er in Wirklichkeit in tiefster Seele ist, klafft oft weit auseinander. Der Film arbeitet dies auf sehr deutlich heraus. Was aber die Ursache dieses Phänomens ist, ob die Gesellschaft einen daran hindert, man selbst zu sein, oder äußere Einflüsse daran schuld sind, lässt der Film klugerweise unbeantwortet.

DER BUSENFREUND ist so grotesk, dass man an manchen Stellen tatsächlich ins Schmunzeln kommt, was einem aber nur zu oft im Halse stecken bleibt. Hätte man dem Film eine Prise eskalierende Gewalt und noch etwas überspitzter dargestellte sexuelle Abnormitäten eingebaut, wäre man in der Größenordnung von Buttgereits SCHRAMM oder Hanekes DIE KLAVIERSPIELERIN angelangt. Von der pessimistischen Grundstimmung und der brandmarkenden Authentizität her steht DER BUSENFREUND den beiden Werken jedenfalls in nichts nach.


„Der Busen zweiter Ordnung, sozusagen der Sekundärbusen, ist der Po.“


Abartig und faszinierend zugleich. Rene wirkt hoffnungslos isoliert, spricht aber gleichzeitig vielen Männern aus der Seele. DER BUSENFREUND ist ein Blick hinter die spießbürgerliche Fassade, eine fiktive Fallstudie über emotionalen und empathischen Notstand.
Fazit:
Brust oder Keule? – Brust, eindeutig!

Details
Ähnliche Filme