Italien 1943: Mussolinis Sturz steht kurz bevor. Die Faschisten errichten ihre letzte Bastion an einem kleinen Ort im italienischen Hinterland. Vier ehrenwerte Herren, die gleichzeitig symbolische Repräsentanten der Gesellschaft sind (Kirche, Politik, Staat und Aristokratie) beschließen in einem Hinterzimmer eines dekadenten Schlosses eine Verschwörung gegen die Menschlickeit. Zu diesem Zwecke werden von den vier Herren, die die Weltanschauung von Nietzsche, Benn und Baudelaire auf ihrer Seite wissen, eine handvoll junger Mädchen und Jungs aus der Umgebung entführt und in den Palast gebracht wo sie Unsägliches erwarten soll...
Pasolinis Saló gehört vermutlich nicht nur zu den kontroversesten und bizarrsten Werken der Filmgeschichte, sondern auch zu den missverstandensten. Saló ist weder ein Sexploitation-Klassiker noch der perverseste Porno der jemals gemacht wurde, wie oft und gern geglaubt wird. Pasolini ging es in seinem letzten Werk vielmehr darum, eine gesellschaftspolitische Parabel jenseits von Moral und Wertvorstellung zu entwerfen, eine Parabel, die den Mut hat, die Grenzen des (Un)Möglichen zu überschreiten und die abgründigsten Tiefen der menschlichen (Un)Vernunft aufzuzeigen. Dabei wirkt der Film über weite Strecken höchst unspektakulär, ja geradezu gleichgültig und teilnahmslos. Gerade das ist aber das Erschreckende an dem Film und an dem Stoff, der hier bearbeitet wird: Pasolini verbindet Friedrich Nietzsches "Herrenmensch" und Charles Baudelaires "Die Blumen des Bösen" mit Gottfried Benns "Ästhetik des Häßlichen" und vollbrachte damit ein Meisterwerk, das die Filmgeschichte in dieser Radikalität wohl kaum ein zweitesmal hervorbringen wird. Dabei zeichnet Pasolini sehr gut und eindringlich die Wesenhaftigkeit faschistischer und totalitärer Mechanismen nach: Deserteure werden sofort erschossen, Dissidenten werden stigmatisiert und bestraft, der ohnmächtige und wehrlose Rest erduldet stoisch jede Erniedrigung bis zum Tod. Am Ende triumphiert nur noch die Tyrannei und tanzt auf den Gräbern ihrer Opfer.
Fazit: Dieser Film ist für Moralisten und Sexploitation-Fans gleichermaßen ungeeignet. Ich würde diesen Film niemandem weiterempfehlen, aber jeder vernünftig denkende Mensch sollte ihn schon mal gesehen haben, gar keine Frage.