Review

Hier haben wir mal wieder einen dieser Filme, die kontrovers genannt werden, die werte Zuschauerschaft also in mindestens zwei Lager spalten: Die einen sehen in "Salò" ein Meisterwerk, die anderen einen Haufen Dreck, und die nächsten... ja, sie wissen nicht so genau, wohin mit dem Film. Ich darf zur letzteren Gruppe gezählt werden.

Dabei bietet Pasolinis letztes Werk eine Konstante, ein Merkmal, das alle Zuschauer berührt haben dürfte: Ekel. Gerade dieses Element wird häuig missverstanden; so sehen die Gegner des Films den Ekel nicht als Mittel des Regisseurs an, sondern nur als ihre eigene Reaktion auf ein perverses Machwerk, dass an den dargestellten Greueltaten vielmehr Lust empfindet. Dies jedoch kann ganz klar verneint werden, gerade wenn man sich Pasolinis vorherige Position betrachtet, die er in diesem Film auf krasseste Weise umkehrte. Galt ihm vorher die Sexualität als wahres, ja nahezu einziges Merkmal des wirklich lebendigen Menschen, also Abgrenzung zum verkommenen Großteil der Welt, so wird sie hier brutal missbraucht; die Menschlichkeit wird, wie Pasolini es selbst sagt, zum Objekt gemacht. Der Regisseur zeigt sehr deutlich, dass er die Hoffnung, die er vorher vollkommen in die Jugend gesetzt hatte, verloren hat. Dies bringt er in "Salò" zum Ausdruck, in der die Jugend nicht mehr der rebellische Gegenpol zum Regime, sondern Kollaborateur ist.
Auch sollte klar sein, dass der Faschismus zwar Aufhänger der eigentlich deSade'schen Geschichte ist, aber nicht in zu engem historischen Kontext gesehen werden sollte. Vielmehr sagte Pasolini selbst, dass er in der Konsumgesellschaft, die sich zu seiner Zeit immer mehr entwickelte, den neuen Faschismus sah. Inwiefern man diese Sichtweise teilt oder ablehnt, sei jedem selbst überlassen. Nur sollte es klar werden, dass dieser Film nicht nur in seinem engen Kontext gesehen werden sollte.

Der bedeutendste Grund dafür, ihn als einfache Pseudodokumentation faschistischer Perversionen zu sehen, ist selbstverständlich die Präsentation des Films, der (nach seinem Vorbild) streng untergliedert ist, und dessen Teile zusätzlich noch (aus Dantes Göttlicher Komödie entliehen) mit Höllenkreisen bezeichnet ist, um die Abwärtsbewegung der Menschlichkeit zu symbolisieren. Unterstützt wird diese strikte Gliederung von der statischen, symmetrisch aufgebauten Bildkomposition. Es gibt in "Salò" keine Kamerafahrten, die einzelnen Bilder sollen eher wie Gemälde wirken. Auch vom Inhalt her wirkt das Ganze künstlich: Nach festem Tagesplan werden die perversen Geschichten, Orgien und Vergewaltigungen organisiert; die vier Herren, die dies alles organisieren, können sich allerdings nicht einmal selbst daran halten und brechen immer wieder von ihrer Lust getrieben aus.
Allein dadurch sollte klar werden, was mit dieser Präsentation, die dann wohl durch ihre explizite Darstellung der Hauptgrund für die Kontroversität des Films ist, bezweckt wird. Die reine Kunst, das ästhetische ohne Inhalt, wird hier, indem sie abstoßend und eben ästhetisch nicht ansprechend wirkt, als Mittel benutzt, um zu zeigen, wie armselig die Herren sind, die zur falschen Zeit die falschen Zitate bringen, sich in ihrer Bildung ergehen, um doch nur ihren wahren Charakter zu verschleiern: Denn hinter all der Fassade lauert nichts.

Dieses Nichts ist es allerdings, was mir Probleme macht. Es wirkt hervorragend eingesetzt, um die Perversität und Sinnlosigkeit des ganzen Treibens zu zeigen: Die Gesellschaft, die sich nur in einer negierten, nämlich nicht mehr schaffenden, sondern zerstörenden Mutation der Sexualität ergeht, muss sich notwendigerweise selbst zerstören (dies dürfte Pasolini als Vergleich zurKonsumgesellschaft gesehen haben). Andererseits ist es auch diese Leere, diese äußerste emotionale Distanz, die zwar dafür sorgt, dass der Film so schockiert (wenn man etwa feststellt, dass die Koprophagie aufwühlender war als die folgenden Mordszenen), gleichzeitig aber auch bewirkt, dass der Zuschauer keinerlei Bindung zum Film selbst hat - außer dem Ekel.
Gerade aber deshalb regt "Salò" zum Denken an und hat so neben dem eigentlich inhaltlichen Wert (der gegen Null tendiert) einen metainhaltlichen - dieser aber hat es in sich. So ist es natürlich schwierig, den Film zu bewerten, gerade weil die andere Ebene des Films, die ästhetische, "zweckmäßig" genannt werden muss. Dies soll keine Herabwürdigung der Präsentation bedeuten, sondern lediglich besagen, dass die Darstellung eben haupsächlich auf die eben angesprochene Metaebene verweist und deshalb in ihrem eigenen Zweck (nämlich dem Selbstzweck der Kunst) sehr begrenzt ist.
Als eigentlicher Film bietet "Salò", wie ich eben ausführte, recht wenig, während das, was das Werk auf den Zuschauer transferiert, bemerkenswert ist. Deshalb ist meine aus beiden Punkten zusammengezogene Durchschnittsbewertung eine durchaus gute.

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