In den letzten Jahren des faschistischen Italiens begeben sich 4 ranghohe Mitglieder der Gesellschaft in ein abgeschlossenes Anwesen in Norditalien um die ultimative Orgie zu feiern. Ohne moralische Grenzen vergehen sie sich an ihren Töchtern und 16 Jugendlichen. Zitieren Nitsche, lauschen den perversen und immer ausufernderen Geschichten verschiedener Huren, die sie zur Stimulation ihrer eigenen Phantasien nutzen. Ihre unbeschreiblichen Taten folgen einem stricktem Regelwerk, dessen Missachtung die Todesstrafe oder "schlimmeres" zur Folge hat. Die Opfer müssen dabei Demütigungen der übelsten Sorte über sich ergehen lassen. Vergewaltigungen, erzwungene homosexuelle Handlungen, das Verspeisen von Fäkalien, Schläge, Inzucht und zuletzt Folter und Tod.
Salo ist wohl einer der persönlichsten Filme der Filmgeschichte. Es scheint nahezu unmöglich ein Urteil zu finden ohne sich vorher mit dem Lebensweg Pasolinis auseinander gesetzt zu haben und auch Pasolinis eigenes Statement zu seinem letztem Werk zu kennen.
Pasolini, der selbst seinen Bruder durch die Faschisten in Salo verlor und dies auch mit diesem Fillm augenscheinlich verarbeiten wollte, hatte Zeit seines Lebens Schuldgefühle wegen seiner Homosexulalität, die nicht im Einklang mit den Normen der italienischen Gesellschaft stand. Zudem war er zu dem Zeitpunkt als der Film entstand in einer depressiven Phase, entäuscht und schockiert von eben dieser Gesellschaft in der er aufwuchs und lebte. Er warf ihr Verlogenheit, Korruptheit, Maßlosigkeit und Scheinheiligkeit vor. Nach seinen eigenen Aussagen dient das faschistsische Regime in seinem Film nur als Symbol für jegliche totalitäre Macht, die sexuellen Handlungen und Perversitäten als Symbol der Taten der Machthabenden und die Opfer schließlich als Symbol für die eingeschüchterten Bürger dieses Systems, die alles einfach über sich ergehen lassen. Ja selbst die Kunst und die Bildung, der er sich selbst verpflichtet fühlte, schienen sich diesem System unterzuordnen und vom ihm zu profitieren.
Aus diesem Blickwinkel, scheint der Film mehr als gelungen. In Salo gibt es keine Hoffnung, nur ewiges Leid zum Vergnügen anderer. Einzige Erlösung ist augenscheinlich der Tod selbst. Dies läßt tief in Pasolinis Zustand blicken, scheint der Film doch eine einzige Depression zu sein. Unglaubliches müssen die Opfer über sich ergehen lassen ohne sich wehren zu können. Auf der anderen Seite die Maßlosikeit der Peiniger, deren einziges Ziel, die ultimative Befriedigung ihrer eigenen Fantasien zu sein scheint. Die dargestellten Handlungen schockieren auch heute noch jeden Zuschauer mit einem zumindest durchschnittlichen emotionalem Intelligenzquotienten. Die Sinnlosigkeit und Eigenützigkeit der Taten der Peiniger und die absolute Hilfslosigkeit der Opfer sind jedoch der eigentliche Knackpunkt, der den Zuschauer taumeln läßt und selbst in einen depressiven Zustand versetzten kann. So kommt man nich umhin zu zugeben, dass es Pasolini geschafft hat den Zuschauer emotional zu schockieren und die Gesellschaft mittels Inhalt des Filmes zu provozieren.
Zugute halten möchte ich Pasolini, dass die Handlung im Film sehr distanziert geschildert wird. Die statische Kamera und das eigentlich spartanische Set erinnern stark an eine Theaterinszenierung. Die Figuren werden kaum oder gar nicht eingeführt, so daß keine emotionale Bindung zu den Protagonisten aufgebaut werden kann. Nicht zu den Opfern und schon gar nicht zu den Peinigern. Untermalt wird alles mittels klassischer Musik, die wohl zum einen den gesitteten und gebildeten Hintergrund der Peiniger unterstreicht und zum anderen die künstlerische Ebene des Filmes hervorheben soll. Diese ist auch nicht zu leugnen, denn solch elaboriertes Gerede wie in Salo, ist wohl in einem italienischem Kommerzexploiter der 70er nicht zu erwarten.
Salo richtet sich an ein intellektuelles Publikum, wobei dies auch seine größte Schwachstelle ist. Ohne entsprechende Vorbildung, ohne Kenntnis des Künstlers Pasolini, wird kaum ein Zuschauer wirklich etwas mit dem Film anfangen können. Pasolini selbst behauptete, seine eigene Intellektualität hätte ihn in eine Sackgasse geführt, warum möchte er seine Kritik dann aber in so einem symbolischen Film transportieren? Wer kommt schon von allein darauf, daß das Verspeisen von Fäkalien, laut Pasolinis eigener Aussage, eine Kritik an die in den 70er Jahren aufkommende Fastfoodindustrie sein soll?
Fazit: Die 120 Tage von Sodom/Salo ist ein Film, den Filmfreunde aus filmhistorischen Gründen vielleicht anschauen sollten. Ein Muss ist der Film auf keinen Fall, obwohl das Thema immer aktuell bleiben wird. Der Film ist für mich jedoch entgegen vieler anders lautenden Meinungen weder Meisterwerk, noch Schund. Eigentlich eher Pasolinis persönliche Abrechnung mit dem von ihm empfundenden und erlebten Italien.