Dieses mein 120. Filmgeschwafel habe ich meinem Jugendkumpel David zu verdanken, der mich mit "Die 120 Tage von Sodom" bekannt machte. Nicht etwa, da er ein großer Kunstfreund war, vielmehr war er ein Edgelord vor dem Herren und bunkerte den Film neben einer Tonne Horrorfilmen, Animé (vor allem Hentai) und Hardcorepornos in den gottlosen Weiten seiner Festplatte, falls mal ein zu provozierender Besucher sich in seinen Nerdkeller verirrte. Der Umstand, dass Dave den Film offensichtlich nicht verstanden hat, da er neben besagten Gütern auch jede Menge Bildmaterial aus dem verachtenswerten Rotten - / Ogrish - Sektor sowie eine umfassende Rechtsrocksammlung in seinem Rechner lagerte, ließ mich den Film mitsamt dem Typen vergessen.
Zu Unrecht, wie sich herausstellte: entgegen Daves dumpfer Begeisterung für den Film, die sich auf perverses Kichern über das fröhliche Schänden und Scheißefressen beschränkte, handelt es sich bei Pier Paolo Pasolinis letztem Film um ein zwar kontroverses, aber auch wichtiges Kunstwerk: basierend auf einer blumigen Literaturperversion eines beim Schreiben lesbar aufgekratzten Marquis De Sade, der hier sein schiefes Loblied auf die absolute Macht und offene Verkommenheit in die Welt heraus kakophoniert formulierte der Künstler hier eine eindringliche Warnung vor dem Faschismus in all seinen widerlichen Facetten. Das hier ist definitiv kein Film für den leidenschaftlichen Wehraboo, der nach dem Sortieren seiner Landser - Alben und der Politur von Oppas Ordensammlung seinen Sexualtrieb an menschlichem Leid abführt, vielmehr ist das hier die genaue Kampfansage gegen jenen Menschenschlag. Das hier ist die genaue Antwort, die man in allerbester "Uhrwerk Orange" - Manier einem im Kinosessel gefesselten und mit aufgesperrten Augen gen Leinwand blickenden Vollpfosten gibt, der fragt, was am Faschismus falsch sei: Genau das!
Die heile Welt, die das nostalgisch stimmende Titelthema evoziert, bricht alsbald schon nach dem Vorspann zusammen: Mussolinis zerfallender Traum vom nationalistischen Italien bäumt sich hier in Gestalt brauner Menschenjäger ein letztes Mal auf. Ein elitärer Kreis aus hohen Herren des Militärs, der Kirche, der Justiz und der Industrie entsandte diese Enthumanisierten jüngst, um Opfer für einen finalen Einnordungsversuch, eine letzte brutale Machtdemonstration zu sammeln, denen man in den letzten Atemzügen der zerbröselnden Republik noch ein letztes Mal beweisen will, wer lange Zeit das Sagen hatte.
Geplant ist ein möglichst lange anhaltender Exzess auf physischer wie psychischer Folter, vor allem Demütigung und sexuelle Gewalt stehen dabei im Vordergrund. Stattfinden soll das perverse Spektakel auf einem streng bewachten und abgelegenen Luxusanwesen und unter der Begleitung alternder Prostituierter, die das Publikum mit immer perverseren autobiographischen Erzählungen zum Loslassen der eigenen Moral anregen und den Exzess im Gange halten sollen. Nicht zu Unrecht sind die Kapitelüberschriften, die den Film gelegentlich unterbrechen "Höllenkreise", aus denen es keinen Ausweg gibt und jede dieser Episoden bringt andere thematische Abgründe mit sich. Die Menschlichkeit schwindet immer weiter, bis bei den meisten Betroffenen entweder eine vergebliche da unerfüllte Todessehnsucht einsetzt oder man die Probleme - und da schließt sich der Kreis, nicht nur des Filmes, sondern auch zur damaligen Zeit - zur wunderschönen Titelmelodie einfach hinwegtanzt und im Angesicht der Folter auf dem Hof des Anwesens .
So seicht sich die Handlung im Überblick lesen mag, so deutlich macht sie, dass absolute macht pervertiert. Neben den vier Machthabern, die in ihrem notgeilen Zweckbündnis eine unmoralische Überschneidung der wichtigsten Institutionen verkörpern gibt es keine nennenswert charakterisierten Figuren, die auserkorenen Opfer bleiben weitgehend anonym und vor allem bis zum bitteren Ende Spielball. Auf Gnade ist hier nur im Sinne eines schmerzfreien Todes zu hoffen und alles vom Tagesablauf zum Paarungsverhalten streng geregelt. Hoppla, kritisiert Pasolini hier etwa indirekt den Geist der sexuellen Revolution? Möglich. Oder aber der Fall ist ein anderer und der Faschismus erschleicht sich trotz sozialer und kultureller Veränderungen der 68er Generation wieder einen festen Platz in der italienischen Gesellschaft.
Brutal und eiskalt ist neben der gezeigten Gewalt auch die Inszenierung des Filmes, dessen Kameraarbeit SchauspielerInnen auch bereits vor ihrer Brutalisierung zu leblosem Schlachtvieh werden lässt, da sich meist entkleidet und in Reih und Glied bewegt wird. Die Umgebung des Prachtbaus nimmt auch alsbald die Ästhetik einer Metzgerei an und die Handlung erstreckt sich neben dem Salon, in dem alternde Nutten ihren eigenen Missbrauch romantisieren bald auf leer wirkende Räume und eine gefängnisartigen Innenhof, alles mit dem zwecke, im Zuschauer eine Form der Hoffnungslosigkeit heraufzubeschwören, die weit über das Maß des Erträglichen hinaus gehen.
Warum es so eine große Schnittmenge zwischen Exploitationfreunden und Befürwortern dieses Filmes gibt ist mir alleine optisch und von der Qualität der Produktion fraglich. Die Gewalt mag manch ein verirtter Geist als unterhaltend empfinden, entbehrt aber jeder Comichaftigkeit eines Trashfilmes, sonder ist vor allem eines: spürbar. Ich kann mir diese Überschneidung nur dadurch erklären, dass Kunst und Trash im Laufe der letzten Jahre einander die Türen geöffnet haben und weder Arthousefans noch Bahnhofskinofreunde irgendwas von Schubladen halten und entgegen aller klischees offenen Geistes durch die Welt und ins Kino gehen. Auch ich hatte 2019 das große Glück miterleben zu dürfen, wie eine zensurtechnisch unbefleckte Kopie erstmals legal über die Leinwand des Düsseldorfer Filmmuseums sudelte. Die Eindrücke, positive wie negative vergesse ich jedenfalls nicht so schnell, ebenso wenig wie das damalige Publikum.
Das hat den Film leider nicht grundsätzlich wohlwollend aufgenommen und der ohnehin verschriene Regisseur Pasolini, der es sich im konservativ katholischen Italien wagte, als überzeugter Linker und obendrein offen schwul zu leben, erlebte die Premiere des Filmes selbst nicht mehr, da er am 2. November 1975 einem mutmaßlich politisch motiviertem Mordanschlag zum Opfer fiel. Womöglich fühlten sich die Falschen, jene, gegen die der Film gerichtet war, sich von ihm zu sehr provoziert. Hierzulande begnügte man sich mit einem Todesurteil gegen den Film selbst, den man unter scheinheiligen Begründungen der "Gewaltverherrlichung" beschlagnahmte. Wahrscheinlicher ist, dass im BPjS - Gremium jener Tage der ein oder andere ehemalige Nazischerge saß, der sich bei der Sichtung ertappt fühlte und vermeiden wollte, dass man das deutsche Nachkriegspublikum allzu deutlich an die Schuld des eigenen Landes am Faschismus erinnerte. Ein beängstigendes Zeugnis von der Sprengkraft des Filmes, zeitgleich aber auch ein Beweis seiner Wichtig - und Richtigkeit: Pasolinis letzter Film verbleibt nach wie vor als empor gereckte Freiheitsfaust, als letzter provokativer Gruß an eine moralisch korrupte Gesellschaft, während deren Vertreter zunehmend und mit Recht mit Missachtung gestraft werden.