„Das hier, das ist kein Film. Das ist Schmähung, Verleumdung, Diffamierung eines Charakters. Eine fortwährende Beleidigung. Ein Maul voll Spucke ins Gesicht der Kunst. Ein Fußtritt für Gott, Menschheit, Schicksal, Zeit, Liebe Schönheit, was man will. Ich werde für euch singen, vielleicht ein bisschen falsch. Aber ich will singen. Ich will singen, während ihr verröchelt. Ich will über eurem schmutzigen Leichnam tanzen!“
Der 1934 veröffentlichte Skandalroman „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller war mehr oder weniger eine lose Aneinanderreihung autobiographischerTagebucheinträge über Millers Zeit in Paris zu Begin der 1930er-Jahre, nicht ganz leicht verdaulich und immer irgendwo zwischen genial und primitiv, intellektuell und triebhaft, lustvoll und deprimierend. Später galt es als Meisterwerk zeitgenössischer Literatur. Nun sollte man einen Film genauso wenig mit einem Buch vergleichen wie Äpfel mit Birnen, doch da vom Roman seinerzeit eine eigenartige Faszination auf mich ausgeübt wurde, interessierte mich natürlich sehr, wie US-Regisseur Joseph Strick die Verfilmung 1971 umgesetzt hat, welchen Weg er einschlug, wie er die skandalträchtigen Inhalte des Buchs auf die Leinwand übertrug.
Wie auch im Roman wechseln sich fatalistische philosophische Gedanken ab mit (daraus resultierend?) gelebtem Nihilismus und Hedonismus in Form eines lasterhaften Lebensstils, der Miller nach einer geplatzten Liebesbeziehung recht ziellos und mitunter auf Kosten Anderer umherirren lässt, immer auf der Suche nach neuen sexuellen Abenteuern. Dabei machte man es sich recht leicht, indem man Millers philosophische Gedankengänge aus dem Off einspielte und originalgetreu aus dem Roman zitierte. Zu sehen bekommt man hingegen Millers mal komisch, mal tragisch wirkenden Erfahrungen, wobei man sich durchaus schlüpfrig, aber natürlich nie so explizit wie im Roman, zeigt und nicht unbedingt mit nackter Haut geizt. Frauen werden dabei gern zu reinen Lustobjekten degradiert und als „Pritschen“ bezeichnet; ein unverhohlen sexistischer Unterton fernab von religiösen oder politisch korrekten Moralvorstellungen begleitet stets die auch im Film fragmentarisch wirkende Handlung, in der Rip Torn einen lausbübischen Henry Miller abgibt, der irgendwo immer ein wenig Geld herbekommt, um seinem rast-, aber auch haltlosen Lebensstil zu fröhnen. Dabei wirkt der Film wesentlich weniger bedrückend als der Roman, denn dort – sofern ich dessen Stimmung noch richtig in Erinnerung habe – schwebte trotz ausgiebiger Schilderungen sexueller Obsessionen doch auch immer eine negative Grundstimmung auch außerhalb philosophischer Ausschweigungen mit, die im Film nicht immer in dieser Stärke deutlich wird. Dennoch handelt es sich keinesfalls um eine Sexklamotte oder einen Sleaze-Reißer; im Mittelpunkt steht der Charakter eines mit sich selbst und der Welt hadernden Freigeistes, der sich gern im Dreck suhlt.
Gut anzusehen ist „Wendekreis des Krebses“ in jedem Fall, er unterhält sicherlich auch ohne, dass sich der Zuschauer Interpretations- oder Abstraktionsversuchen hingibt. Dabei kommt es im Zusammenhang mit dem Pariser Lokal- und Zeitkolorit bei sensiblen Gemütern evtl. zu manch pathosbedingten Gänsehautmomenten, wenn Torns Synchronstimme aus dem Off menschliche Abgründe in eine unheimlich geschickte, ergreifende Wortwahl bettet.
Relativ problemlos lassen sich anhand dieser Geschichte Parallelen zur Gegenwart, gar zum eigenen Dasein entdecken, Millers Thesen von einer verachtenswerten, erdrückenden, bigotten Gesellschaft und seiner eigenen widersprüchlichen Rolle in ihr sind noch immer aktuell und Gegenstand der verschiedensten Kunstformen. Miller dürfte viele von ihnen inspiriert haben.
Ich halte es aber auch durchaus für möglich, dass ich das alles komplett missverstanden habe und/oder mir Henry-Miller-Experten für die positiven Filmbesprechung die Pest an den ungewaschenen Hals wünschen... „Arthouse“-Freunde sowie aufgeschlossene Interessenten von unbekannteren, ungewöhnlichen Filmen sollten ruhig ein Auge riskieren, wenn „Wendekreis des Krebses“ mal irgendwo im TV laufen sollte, vielleicht macht der Film Lust aufs Buch. Eine VHS- oder DVD-Auswertung scheint es nicht zu geben, die mir vorliegende Fassung lief mal im Bezahlfernsehen.