Da denkt man nichts Böses und meint, sich einen typischen 70er-Jahre-Verschwörungsthriller anzuschauen (was immer das Wort typisch in diesem Zusammenhang auch bedeuten mag), und peng bekommt man stattdessen einen ganz außergewöhnlichen Action-Thriller vor den Latz geknallt, der so komplett anders ist, als man dieses Genre sonst so kennt.
Das Unternehmen Capricorn One steht vor dem erfolgreichen Abschluss: Die erste bemannte Rakete, die drei Astronauten zum Mars schickt. Ein Riesenerfolg für die NASA und den Projektleiter Dr. Kelloway. So erfolgreich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nicht mal selber vorbeischaut, sondern nur seinen Vize schickt … Die drei Astronauten sitzen also in der Kapsel und bereiten sich auf den in wenigen Minuten erfolgenden Start vor, da öffnet sich hinter ihnen die Türe und sie werden nachdrücklich aufgefordert, die Rakete zu verlassen. Sie treffen auf Kelloway, der ihnen erklärt, dass die Rakete ohne sie starten wird. Und der Mars in einem improvisierten Fernsehstudio in der Wüste von Texas gefilmt werden wird, mit ihnen in der Hauptrolle. Natürlich passt das den Männern überhaupt nicht, aber sie haben nicht viel Alternativen, denn es wird ihnen knallhart klargemacht, dass hinter diesem Plan Männer stehen, denen das Schicksal der Astronautenfamilien schnurzpiepegal ist. Also werden die drei für über ein Jahr in der Wüste sitzen und schauspielern, bevor sie als Helden wieder nach Hause dürfen.
Als nach dem Ablauf dieses Jahres die Rakete beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre dummerweise verglüht, stehen die drei Männer vor einem ganz anderen Problem: Sie dürfen nun nicht mehr existieren! Sie haben tot zu sein. Was sie aber natürlich mit anderen Augen sehen - Eine Flucht auf Leben und Tod beginnt …
Parallel dazu begleiten wir den erfolglosen Journalisten Caulfield, der einen guten Freund bei der NASA hat. Hatte, denn diesem Freund fiel auf, dass die Übertragungsdaten der Funksprüche aus einem Umkreis von höchstens 300 Meilen stammen, und niemals aus dem Weltall. Dieser Freund ist jetzt fort. Spurlos verschwunden. Buchstäblich von einer Minute auf die andere. Und Caulfield fällt auch auf, dass bei einer Videoübertragung der Astronauten an deren Ehefrauen die Reaktion einer Gattin etwas merkwürdig ausfällt. Als er nachhakt wird sein Auto manipuliert. Und auf ihn geschossen. Und noch besser: Niemand glaubt ihm …
Ja, ich weiß, das klingt wie ein Verschwörungsthriller. Ich dachte ja auch, dass dies einer sei. Aber Pustekuchen, auf solche Mätzchen lässt sich ein Peter Hyams gar nicht erst ein. Stattdessen zeigt er uns, wie ein fähiger Regisseur mitreißendes und intelligentes Kino inszeniert, und dabei sämtliche Erwartungshaltungen geschickt unterläuft. Die beiden Handlungsstränge, einmal um die flüchtenden Astronauten und parallel dazu die Untersuchungen Caulfields, laufen tatsächlich parallel zueinander, und ob sie überhaupt jemals zusammenfinden werden möchte ich hier nicht spoilern. Beide Handlungen sind ausgesprochen spannend, und die Überblendungen zur jeweils anderen Erzählung sind an Stellen eingebaut, bei denen der Zuschauer überhaupt nicht mehr daran denken mag jetzt an den Kühlschrank oder aufs Klo zu gehen. Hyams behält die Zügel ganz fest in der Hand und lenkt beide Geschichten sehr zielstrebig zu ihren explosiven Höhepunkten. Elliott Gould als Caulfield ist ein sehr schnoddriger Ermittler, ganz im Stil der Zeit, was in seiner Erzählweise und Darstellung stark an De Palmas später entstandenen BLOW OUT – DER TOD LÖSCHT ALLE SPUREN erinnert, während der Erzählstrang um die Astronauten pures Actionkino mit Anleihen an Peter Watkins‘ STRAFPARK ist: Drei Männer, die erbarmungslos durch die Wüste gehetzt werden, und überhaupt keine Chance haben zu entkommen. Entweder erschossen werden oder verdursten, so heißen die Alternativen. Hyams erlaubt sich sogar den Spaß, die beiden Helikopter, die die Astronauten verfolgen, wie zwei Lebewesen zu zeigen, die sich anschauen, miteinander kommunizieren, und wie ein gut aufeinander eingespieltes Paar auch scheinbar wortlos Entscheidungen treffen können. Beängstigende und zugleich faszinierende Todeslibellen, und der Zuschauer möchte nicht in der Haut der Beute stecken. Wobei gleichzeitig auffällt, dass die Marsrakete sich als Fake entpuppt, Autos und Helikopter tödliche Fallen oder gleich ganz nutzlos sind, und ein einfacher Doppeldecker die High-Tech-Geräte alle in die Tasche steckt. Back to the Roots …
UNTERNEHMEN CAPRICORN macht in dieser, für das (anspruchsvolle) US-Kino ein wenig orientierungslosen Zeit, sehr vieles von dem richtig, was Film so faszinierend macht. Eine kluge und gefühlvolle Story um einen Ermittler der nicht merkt, wie er sich selber immer tiefer in die Scheiße reitet. Eine actiongeladene Story um drei Männer die nicht Teil einer Verschwörung sein wollen. Starke Schauspieler, die bis auf den kauzigen Gastauftritt von Telly Savalas der Handlung dienen und sich nicht profilieren wollen … Was dann in Summe einen starken und erinnerungswürdigen Abend vor dem Fernseher ergibt. Daumen rauf!