Darf ich vorstellen? Die Harunos. Nobuo, der Vater: Ein Hypnotherapist, der seine Patienten in ihr Unterbewusstsein reisen lässt. Yoshiko, die Mutter: Sie bestellt nicht nur den Haushalt der Harunos, sondern ist nebenbei als Anime-Zeichnerin tätig. Akira, der Grossvater: Ein verschrobener alter Mann, der früher ebenfalls Zeichentrickfilme animierte. Ayano, Yoshikos Bruder: Der locker-lässige Soundmischer stattet der Familie einen Besuch ab und wandelt durch sein idyllisches Heimatdorf. Ikki, Nobuo Bruder: Ein exzentrischer Manga-Autor, der sich zum Geburtstag ein selbstgemachtes Lied schenken will. Hajime, der Sohn: Er verliebt sich in seine neue Mitschülerin, die sich wie er für das Brettspiel Go interessiert. Und schliesslich Sachiko, die Tochter: Sie wird von der gruseligen Vorstellung geplagt, von sich selbst beobachtet zu werden. In Grossformat. Jetzt sucht sie nach einem Weg, diese Visionen abzuschütteln …
Katsuhito Ishiis The Taste of Tea ist so ein Film, den man mit eigenen Augen gesehen haben muss: Vollgepackt mit skurrilen Ideen, phantasievoll und poetisch, kreiert er eine ganz eigene Welt, in die einzutauchen eine einzigartige Erfahrung ist. In seinem Kern ist der Film ein Familienportrait. Er folgt den Harunos in verschiedene Situationen, die mal mehr und mal weniger alltäglich sind. Einen klar ersichtlichen roten Faden gibt es nicht, der Plot zerfasert in verschiedene Seitenstränge. So lässt sich auch nicht sagen, wer die eigentliche Hauptfigur ist. Ja, letztlich scheint die Familie im Gesamten die Protagonistin zu sein. Denn die verschiedenen Fäden spielen virtuos ineinander, sodass sich ein komplexes und farbenreiches Gesamtbild ergibt.
The Taste of Tea ist gleichermassen abgehoben wie bodenständig. Dieses Paradox, diese Spannung macht ihn zu einem Meisterwerk. Die Abgehobenheit des Filmes besteht darin, dass Ishii ständig surreale Bilder in die Geschichte einwebt. Zu Beginn etwa verdeutlicht er die geistige Verfassung des Sohnes Hajime mit einer Eisenbahn, die aus dessen Stirn hinauf in den Himmel rattert. Die verschwundene Eisenbahn lässt ein viereckiges Loch in Hajimes Kopf zurück. Einige der gewählten Bilder sind gruselig, ja fast schon verstörend. Zum Beispiel, wenn der junge Ayano vom Geist eines erschossenen Yakuzas verfolgt wird, oder wenn Sachiko auf dem Spielplatz einen lebendig begrabenen Menschen entdeckt. Andere Bilder sind derart morbide, dass man nicht weiss, ob man sich am Kopf kratzen, oder aber in Gelächter ausbrechen soll. In seiner Absurdität ist The Taste of Tea teilweise wirklich zum Schreien komisch. Daran haben auch die kultigen Dialoge ihren Anteil. (Eine Kostprobe: „Warum bist du ein Dreieck, warum nur, oh warum?“ – „Weil ich ein Dreieck bin?“) Die seltsamen Erlebnisse und Visionen der Familie haben immer wieder einen anderen Farbton. Nie weiss man, ob man sich auf etwas Lustiges, Gruseliges oder schlicht Verwirrendes vorbereiten muss. So wird jede neue Einstellung zu einem kleinen Abenteuer.
Das Geniale an diesen surrealen Einspielungen ist nun, dass sie eingebettet sind in einen durchaus realen Kontext. Abgesehen vom Grossvater und vom Onkel väterlicherseits sind die Harunos im Grunde eine ganz normale Familie, und die behandelten Themen – u. a. Liebe, Sexualität und Berufsleben – sind uns bestens vertraut. Ausserdem hat der Film einen „geerdeten“ Look. Die Stimmung ist nicht einfach völlig abgedreht. Immer wieder baut Ishii ganz ruhige und normale Szenen ein, die in wunderbarem Kontrast zum regelmässig waltenden Wahnsinn stehen. Manchmal schweigen die Figuren einfach und teilen einträchtige, intime Momente. Diese Szenen entfalten eine überraschende emotionale Kraft. Das peinliche Gespräch etwa, das Ayano mit seiner mittlerweile verheirateten Jugendliebe führt, ist ehrlich und berührend. In solchen Momenten hat mich der Film aus dem Hinterhalt getroffen. Weil ich plötzlich merkte: „Wow! Diese Figuren bedeuten mir etwas. Sie sind mir tatsächlich ans Herz gewachsen.“ Und spätestens gegen Ende des Films wird klar, dass Ishii mit The Taste of Tea nicht einfach nur rumblödeln will, sondern dass ihm daran liegt, ein ernsthaftes und bewegendes Familiendrama zu zeigen. Das ist ihm mehr als gelungen: Während des Abspanns war ich richtig traurig, mich von den Harunos verabschieden zu müssen.
Das ist Kino, wie es sein sollte: Grossartig bebildert, originell, facettenreich, unerwartet, unterhaltsam und ergreifend. The Taste of Tea ist nichts weniger als ein filmisches Wunder.