Review

Camorra - Ein Bulle räumt auf

"Napoli Violenta" (OT) erschien Anfang der 80er als Videopremiere beim schon legendären VPS-Label aus München, somit wurde auch die Synchro erst hier erstellt. Einziger Knackpunkt an der ansonsten guten Kassette: 1,66:1 ist für einen Film, der in 2,35:1 gedreht wurde eigentlich immer ein Lapsus, auch wenn sich hier die Handlungsverluste nicht so gravierend auswirken wie bei einem Argento-Film. Wer den Film in Orginalformat haben will, sollte sich schnell die noch im Umlauf befindliche DVD aus dem Hause KochMedia holen. Nun aber zum Film:

Schon der Vorspann vermittelt Atmosphäre: Zu "Folk & Violence" (Titelmusik ... Killertrack) rollen die Credits durchs Bild, die Kamera folgt dem Geschehen durchs Verkehrsgewühl in Neapel. Am Hauptbahnhof angekommen erblicken wir den gerade frisch nach Naples versetzten Commissario Maurizio Merli, ein streetwise-guy wie er im Buche steht. Was nun kommt, ist für die italienischen Polizeifilme der 70er fast Ausnahmslos obligat: Maurizio rastet aus. Die Camorra, gegen die die sizilianische Mafia das reinste Kaffeekränzchen ist, bildet die fünfte Macht im Staat. Wer gegen diese Brüder aufmuckt, hat im Grunde schon verloren. Commissario Betti (welch' ein Name, herrlich so was) hat von dem ganzen Kram die Faxen gründlich dicke. Brutale Banküberfälle (meist mir Todesfolge), Vergewaltigungen, Raubmorde und Drogenhandel - all diesem Schmunzius hat Betti den Kampf angesagt. Das er sich bei seinem Vorgehen nicht immer ganz gesetzestreu verhält, stößt bei seinem Vorgesetzten auf wenig Gegenliebe. ... und am Ende wird den 2 großen Mafiabossen von Betti unter Aufbietung einiger Selbstjustiz ordentlich ins Getreige gefahren.

Maurizio Merli spielt den Betti-Charakter wie gewohnt erstklassig - mit eiserner Miene werden die Verbrecher gejagt, dass es nur so raucht. Silvano Tranquili weiss als sein Partner ebenfalls zu überzeugen und John Saxon gibt den Gangsterboss, der die Camorra zu gern über's Ohr hauen wollte, was ihm im Nachhinein kein ewig Glück einbringt. Barry Sullivan gibt als "Der General", die Nummer 1 im illegalen Geschäft von Neapel, ein schön sadistisches Schauspiel. Luciano Rossi, der immer die "Kanonenfutter-Parts" abbekam, portraitiert hier einen gemeingefährlichen Raubmörder - und wird auf seiner Flucht vor Betti von einem Zaun kiefergerecht auf die Rolle genommen.

Umberto Lenzi inszenierte mit "Camorra" einen seiner besten Thriller. Allein die Kameraführung hat gewiss was für sich, die Motoradverfolgungsjagden sind richtig gut gemacht und auch die Szenen mit Merli auf der Bergbahn sind gut fotografiert. Letztere war eine eindeutige Hommage an den ein Jahr zuvor entstandenen Belmondo-Hauer "Angst über der Stadt / Puer sur la ville"; auch hier schmeißt Merli die Sache selbst.

Das Sahnehäubchen bietet der kraftvolle Soundtrack von Franco Micalizzi, der die meisten Lenzi-Kracher vertont hat und klasse Musik mit reinbringt. Auf dem coolen und auch ansonsten sehr zu empfehlenden Crippled-Sampler "Beretta 70" findet sich zum Glück das Titelthema sowie das wundervoll melancholische Vokalstück "Men before your time", performed von der Gruppe Bulldog. Die Micalizzi-Scores nehmen sich auf Grund ihrer Eingängigkeit und ihrem hohen Mittanzcharakter sowieso nicht groß was - die Dinger waren fast immer gut.

Krönender Abschluß ist die Videosynchro aus dem Hause VPS, welche mit einigen bekannten Sprechern wie Herbert Weicker ("Faszinierend") und Artur Brauss aufwarten kann und viele erinnerungswürdige Knaller im Programm hat: Gangster zu Betti, nachdem dieser ihn unsanft aus dem Wagen zerrt: "Ich spiel' jedes Wochenende Karten mit dem Polizeipräsidenten!" - Betti's Antwort: "Ich bums' mit seiner Frau". Davon findet sich im Film so einiges, ob's sich's nun um "Die Krake mit den klebrigen Fingern" oder "diesen Haufen Scheisse" handelt. So mancher "Klowichser" kann seine "Eier hintern Baum hängen", wenn der Film zu Ende ist. Die Kiste mit den lockeren Sprüchen steht jedenfalls in greifbarer Nähe.

Direkt unbrutal ist der Film nicht gerade (gemessen am heutigen Standart hat's sich damit aber auch), die gute alte VPS ist auch noch fast ungeschnitten. So wird einem enttarnten Polizeispitzel vom "General" per Bowlingkugel die Fontanelle gespalten, einer Frau wird der Kopf aus dem Zugfenster gedrückt, als der Gegenverkehr kommt. Das Schiesseisen sitzt natürlich verdammt locker, auch die Fäuste sprechen des Öfteren.
Den Vorwurf der Propagierung der Selbstjustiz müssen die meisten Lenzi-Granaten sich schon gefallen lassen, schliesslich schießt Belli am Ende den mit den Mitteln des Gesetzes nicht beizukommendem "General" einfach über den Haufen und schiebt dem Gangsterboss (Saxon) die Schuld zu.

Alles in allem bleibt "Napoli Violenta" ein mordsunterhaltender Thriller aus der goldenen Zeit des italienischen Poliziescos mit toller Besetzung, knalligem Score und einem Kult- und Trash-Faktor, dessen Skala erst im dreistelligen Bereich beginnt. "Blast 'em, Merli. Betti, spara!"

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