Review

"Es gibt Freunde, die hat man sein ganzes Leben..."
So beginnt Stephen Fry als Peter seinen Off-Kommentar, als die Leinwand noch völlig schwarz ist.
Und es gibt Filme, die bleiben bei einem ein ganzes Leben lang. In meinem Fall ist dies "Peter's Friends". Auch wenn dieser Film definitiv nur für eine bestimmte Gruppe von Leuten gemacht ist (auch wenn ihn wesentlich zumindest vergnüglich finden werden), sollte jeder Interessierte nach dieser Kritik zumindest sein eigenes Urteil fällen.

Der Film lief mir im Jahr 1993 über den Weg, als ich auf Besuch in London war, wo meine damalige Freundin für einige Monate residierte. Ihr war er aufgefallen und so wurde ich kurzerhand in das "Prince Charles" mitgeschleift (Leute, das ist der Günstig-Geheimtip für Kinos in London City!), wo dieser Film jeglichen anderen Eindruck dieses Trips verblassen ließ. Ich war damals knapp 21 Jahre jung und lag damit absolut nicht im Altersschnitt für diesen Streifen, der eigentlich für Endzwanziger/Thirtysomethings gemacht ist, eine bittersüße, englische Komödie über Leben, Karriere, Familie, Pläne, Lebensziele und was daraus geworden ist. Trotzdem gab mir "Peter's Friends" ein Menge mit und von einigem zehre ich noch heute, wenn der Film regelmäßig mal wieder über meine Mattscheibe flimmert.

Prinzipiell ist Peter's Friends ein dialoglastiges Ensemble-Pic, dessen bester britischer Witz sich überwiegend über die Dialoge und die treffend dargestellten Charaktere entwickelt.
Dazu sind nicht mehr als zehn Personen nötig, die sich zum Zwecke eines gemeinsamen Sylvesterfests auf dem luxuriösen Landsitz der Titelfigur einfinden: sechs alte Freunde, zwei Begleiter, eine Haushälterin und ein junger Helfer. Die Ausgangsposition ist elementar: Ein kurzer Prolog aus dem Jahr 1982 informiert uns über das Auseinandergehen der Studienfreunde, die gemeinsam auf der Bühne gestanden haben, als ihr Examen bestanden ist anhand einer peinlichen Sylvester-Cabaret-Show für Peters Vater.
Im Anschluß daran wird man zu den Klängen von "Everybody wants to rule the world" Zeuge eines hervorragend geschnittenen Vorspanns, der die historischen und weltpolitischen Ereignisse des nächsten Jahrzehnts in einer Collage zusammenfaßt, um schließlich im Jahr 1992 in der Gegenwart zu landen.
Im Jetzt will man sich nach 10 Jahren zum ersten Mal wiedertreffen.

Der Grundtenor ist zwar fröhlich, doch schon die Szenen bei der Abreise oder unterwegs zeigen, daß da einiges im argen liegt bei den sechs Freunden: Peter hat seinen Vater verloren und es drückt ihn noch eine andere, schwerere Last. Maggie hat zwar diverse Selbsthilfebücher verlegt, ihr einziger Lebenspartner ist jedoch eine Katze. Sarahs Beziehung zu ihrem Begleiter Brian ist offensichtlich hauptsächlich sexueller Natur. Roger und Mary sprechen nur über unverfängliche Dinge, während sie einer Angstneurose unterliegt, ständig daheim anzurufen, um sich über den Gesundheitszustand ihres kleinen Sohnes zu informieren. Und Andrew, der aus den USA mit seiner Hollywood-Schicksen-Frau Carol anreist, führt seine Ehe ausschließlich auf sarkastischer Basis.
Das sollte genügen, um das fröhliche Beisammensein bald dank alter, nie besiegter Schwächen in ein bissiges Hickhack zu verwandeln, bei dem jeder seinen Teil abbekommt.

Dabei verwandelt sich der Film jedoch niemals in ein zynisches Komikchaos, sondern betreibt auf intelligente Art und Weise einerseits Reinigung, dann Läuterung, ohne jedoch sämtliche Probleme mit dem Filmende beseitigt zu haben. Die Charaktere sehen letztendlich ihre Schwierigkeiten und Lebenslügen ein, werden einsichtiger, bzw. bekommen Hilfe, doch ihr Schicksal bleibt am Ende offen.

Wem das jetzt zu schwer erscheint, dem sei gesagt, daß der Film viele dieser Konflikte, die auch untereinander schwelen, auf umwerfend komische Art und Weise angeht. Kenneth Branagh ergießt einen endlosen Schwall beißend zynischer Bissigkeiten über seine nicht minder spitze, aber längst nicht völlig schuldige Frau. Emma Thompson gibt die verhuschte Maggie in voluminösen Pullovern, um dem (deutlich) schwulen Peter hinterher zu sein, was in einer Schlafzimmerszene endet, die einen glatt vom Stuhl haut. Und das erste gemeinsame Abendessen ist ein Meisterwerk an Witz und Biß, ohne auf Lacher zu spekulieren. Außerdem entwickelt sich bester skuriler Humor aus den mannigfaltigen Dialogen, die bisweilen schön eindeutig sexuell eingefärbt sind.

Untermalt wird das alles von einen wunderschön ausgewählten, zeitgemäßen Soundtrack, der über ein Dutzend 80er-Ohrwürmer aneinanderreiht, die die einzelnen Szenen thematisch und atmosphärisch treffend untermalen. Und in all dem Chaos blüht die Hoffnung in einer stillen Szene, als alle sechs, die Vergangenheit beschwörend, nur mit Klavierbegleitung den Klassiker "The Way you look tonight" zum besten geben, eine zu Herzen gehende Sequenz, die dann in die Läuterung der sechs (bzw. acht) überleitet.

Die Handlung ist kammerspielartig aufgebaut und würde problemlos auch als Theaterstück funktionieren, handelt das alles beinahe komplett auf dem Landsitz und seiner allernächsten Umgebung (bis auf ein paar Eingangsszenen).

Am Ende deutet sich ein Konzentrationsprozeß an, als die sechs schließlich allein zur Neujahrsstunde miteinander anstoßen und die ganze Chose, bisher zusammengehalten von britischer Etikette und simpler Akzeptanz zusammenzubrechen droht, ehe eine unerwartete Wahrheit alle wieder zusammenschweißt, ohne anzudeuten, wie lange dies halten wird.

Schauspielerisch ist der Level top. Brannagh hat offenbar mit einem wunderbaren Ensemble und viel Drive gearbeitet, denn hier ist alles im Fluß. Thompson gibt ihre denkwürdigste komische Rolle, während Laurie, Stephen Frys alter Comedypartner sich perfekt in das Geschehen einfügt. Die Damen geben kraftvolle Parts ab, wobei anzumerken ist, daß Emma Thompsons Mutter Phyllida Law als Haushälterin wieder einmal mit ihrer Tochter spielt, wie das schon mehrfach der Fall war.

Was "Peter's Friends" bedeutungsvoll für eine bestimmte Gruppe von Leuten macht, ist die Frage nach den Lebenszielen, was aus ihnen geworden ist oder nicht. Irgendwann kommt jeder einmal an die Stelle, wo er sich fragt, was aus dem jungen Mann/ der jungen Frau geworden ist, der/die man einmal war. P.F. hält dabei Rückschau und arbeitet Themen wie Sexualität, Elternschaft, Homosexualität und Verlust melancholisch-heiter auf und bietet Projektionsflächen für die meisten dafür offenen Zuschauer, indem man sich in beinahe jeden Charakter einfühlen kann, da alle positive und negative Seiten gleichzeitig haben.

So wirkt "Peter's Friends" wie ein britischer "Breakfast Club", nur eben 10 Jahre später und jeder, der der hier angesprochenen Altersklasse kann sich selbst überprüfen, was aus seinen Plänen, Freunden und Zielen geworden ist, die man "damals" hatte.
Damit bezieht der Film den Zuschauer mit in die Handlung als Komplize mit ein und berührt ihn gefühlsmäßig, ohne in den Kitsch abzurutschen.

Natürlich kann man "Peter's Friends" auch einfach nur so genießen, als einen rund geschriebenen, amüsanten, aber bissigen Film. Ebensogut kann man ihn verdammen als einen "Beziehungsfilm mit zuviel Laberei und zu wenig Witzen". Aber wer diese Gattung eh nicht mag, kann auch ruhig die Finger davon lassen.

Ich jedenfalls sehe mich immer noch im Prince Charles sitzen und obwohl ich nicht die letzten Dialogfinessen der Originalfassung verstanden hatte, weiß ich noch, wie ich mich damals verstanden gefühlt habe. Jeder sollte so einen Film besitzen. Das hier ist meiner.

Mitten ins Herz. (10/10)

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