Review

„Ein lebensmüder Regisseur! Sechs arbeitslose Schauspieler! Und Hamlets schwule Mutter! Fröhliche Weihnachten!“
Mit dieser Werbezeile glänzte anno 1995 Kenneth Branaghs zweiter nostalgischer Ausflug in die Theatergeschichte abseits von den damals so populären Shakespeare-Verfilmungen, für die er berühmt wurde.
In Anbetracht der Wirkung, die sein damals drei Jahre altes Werk „Peter’s Friends“ auf mich gehabt hatte (Review siehe dort), gab es natürlich kein Halten mehr. Und so wie im Fall zuvor, hatte auch dieser Film nach spätestens fünf Minuten mein Herz erobert – und hat es bis heute nicht mehr hergegeben.

„Ein Winternachtstraum“ ist eine Komödie mit vielen kleinen bitteren Offenbarungen und was er vor allem ist, er ist, trotz allem Unterhaltungspotential, 99 Minuten lang voller Wahrheiten. Doch die erschließen sich bei weitem nicht jedem.

Zunächst einmal ist dieser Film wesentlich unpopulärer als „Peter’s Friends“ und macht es dem Zuschauer auch nicht so einfach, weil er nicht so eingängig ist. Britisch bis ins Mark, muß man schon eine gewisse Vorliebe für diesen Humor mitbringen. Er ist sperriger als der Vorgänger, versponnener, präsentiert sich auch noch in ungewohntem s/w und ist sogar etwas fremdartiger, wenn man so will.
Denn er ist wahrhaftig gemacht für – Theaterleute.

Das bedeutet, man muß schon einmal auf einer Bühne gestanden haben, mit anderen Leuten ein Stück eingeprobt haben, sein Herzblut den berühmten Brettern verschrieben haben, etwas von sich für eine Darstellung geopfert haben, um die hier umherwandelnden Charaktere zu verstehen. Und sie lieb zu gewinnen.

Ein von der Welt enttäuschter und fast lebensmüder Regisseur macht sich hier mit einer Gruppe von mäßigen, aber enthusiastischen Darstellern, sozusagen das Beste vom Bodensatz, auf den Weg in seine kleine Heimatgemeinde, um binnen drei Wochen bis Weihnachten dort mit dem letzten Geld „Hamlet“ einzustudieren.
Wie es bei solchen Menschen, intro- und extrovertiert zugleich, nicht anders sein kann, führen die Proben ins Chaos und legen all die schutzlosen Stellen frei, reißen Wunden auf. Die wahren, die wirklichen Probleme kommen ans Licht, Einsamkeit, Alkoholismus, Entscheidungsschwächen, verbogene und nicht existente Familienbande, Narben aus der Jugend. Und gegen alle Schwierigkeiten geht am Heiligabend der Vorhang hoch....

Ganz ohne Shakespeare ging es für Branagh wohl doch nicht, der dieses Kabinettstückchen noch schnell drehte, bevor sein eigener „Hamlet“ in der Vier-Stunden-Fassung den Augen der Welt zum Fraß vorgeworfen wurde. Aber das Drama des Prinzen von Dänemark ist hier nur die Fassade, die Blaupause, die das wahre Drama zum Vorschein bringt, alle Ängste und Verzweiflungen.

Ausgehend von einer wahrhaft wahnwitzigen Audition zu Beginn gerät man unter die Schauspieler, die sich mit ihren Macken und Angewohnheiten in einer Kirche breit machen, um trotz aller bestehenden Bereitschaft die Produktion mehr zu torpedieren als voranzubringen – während ganz unbemerkt ein intensives Gemeinschaftsgefühl entsteht.
Obwohl jeder auf seinen Macken und Spleens besteht, kommt man nicht umhin, das Liebenswerte an diesen Menschen wahrzunehmen.

Da ist der knurrige, familienlose Altdarsteller, dem diese Amateurproduktion eigentlich viel zu schlunzig ist, aber seine einzige Chance, mal einen Klassiker zu spielen. Ausgerechnet der freundet sich über viele Spitzen mit dem schwulen Terry an, der mit seinen eigenen Brüsten angereist ist, um die Königinnenmutter Gertrude zu spielen, mit allem tuntigen Aplomp, den man in eine Travestie hineinpacken kann – bis ein altes Familiengeheimnis sich ihren Weg an die Oberfläche bahnt.
Ein weiteres Pärchen bilden der ehemalige Kinderdarsteller Vernon, der auch noch die letzte Energie in das Stück investiert und der mutterkontrollierte Carnsforth, der immer nur er selbst ist und sich nicht eingestehen kann, dem Suff verfallen zu sein.
Ganz von einem anderen Planeten scheint Tom, der eine pervertierte Form des Method Acting praktiziert und dessen Hineinleben in eine Rolle an schieren Wahnwitz grenzt, während die gefühlvolle Nina ihre Sehschwäche ignoriert, aber den Regisseur für seinen grenzenlosen Endzeit-Enthusiasmus bewundert. Und dazwischen wieselt die Bühnenbildnerin und Kostümschneiderin Fadge, die alles kann, nur leider keine definitiven Entscheidungen treffen..

Branagh verläßt sich dabei fast ausschließlich auf ein Ensemble nur in Britannien leidlich bekannter Gesichter (allenfalls Richard Briers ist ein namhafter Darsteller), deren Starpower die fein geschnittenen Rollen nicht überstrahlen kann. Und es sind alte Bekannte, denn nahezu jeder hat in einem von Branaghs Filmen schon mal eine mittelgroße oder kleine Rolle gehabt (Hamlet, Viel Lärm um Nichts, Peters Friends, Frankenstein) und war daher schon ein vertrautes Gesicht.
Daß es ohne Veredelungen nicht ganz geht, zeigt aber der Einsatz von zwei weiteren bekannten Gesichtern, die Komödiantin Jennifer Saunders gibt am Ende in einem extended cameo ausgerechnet eine klischeehafte US-Produzentin und die ewige Joan Collins spielt des Regisseurs tatkräftige Agentin im besten Alexis-Carrington-Modus, nur eben drei Spuren sympathischer.

„In the Bleak Midwinter“ lebt hauptsächlich von seinen Dialogen und von dem absolut echten Theaterfeeling extrovertierter Charaktere und auch wenn es keine extrem langen Passagen gibt, sondern viele kleine Vignetten, ist das Ergebnis dermaßen lustig und voller Drive geworden, daß man sich einfach wohlfühlen muß. Leider sind die gefühlvollen Passagen manchmal etwas sehr schwer ausgewalzt, aber das kann der Film immer wieder abfangen.

Definitiver Höhepunkt (neben den Probenszenen) ist natürlich die Premiere am Weihnachtsabend in einer alten Dorfkirche, während der natürlich all das schief geht, was man unbedingt verhindern wollte und gleichzeitig all das klappt, was man nie für möglich gehalten hatte und alles anders wird, als man es sich jemals vorgestellt hat.
Ein Happy End zur heiligen Nacht ist natürlich mitprogrammiert, aber genau das will man den wilden Vögeln hier nach dieser Tortur auch gönnen.

Wer schon selbst Theater gespielt hat, weiß, wie nah das Skript Branaghs wirklich an der Realität ist, während es den verloren geglaubten „Actors Spirit“ wieder beschwört, den man im Zeitalter der Millionengagen und der modernen Inszenierungen schon verloren geglaubt hat.
Für viele ein schöner, schräger Film für die beschauliche Zeit der Feiertage, für mich verfilmtes Herzblut. Tropfen für Tropfen. (10/10)

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