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Lässt der deutsche Titel (oder besser: einer der vielen dt. Titel) "Nonnen bis aufs Blut gequält" einen krassen (S)Exploitationreißer im Nonnenmilieu, also einen sogenannten Nunploitation-Vertreter vermuten, so steht eigentlich eine ganz andere Intention hinter diesem zugegebenermaßen stellenweise doch sehr gewalttätigen Werk, das die dt. Titelschmiede eher in die Ecke des - auf seine Weise natürlich auch durchaus reizvollen - Fetzers "Hexen bis aufs Blut gequält" (1969) rückt.
Der formal über Durchschnitt angefertigte Film (Ruggero Mastroianni war für den Schnitt verantwortlich, Nicola Piovani - Fellinis Rota-Nachfolger - hat den gelungenen Soundtrack komponiert und mit Florinda Bolkan steht eine kompetente Hauptdarstellerin zur Verfügung) erzählt eigentlich von der Auflehnung einer sich im Prozess der Emanzipation befindenden Nonne gegen das Patriarchat.

Gleich zu Beginn wird Flavia Zeuge, wie ein Moslem seinen Kopf durch das Schwert ihres Vater verliert. Für den weiteren Verlauf entpuppt sich diese Szene im Nachhinein geradezu als schicksalhaft: Ihr Vater steckt sie gegen ihren Willen in ein Kloster, wo ihr sowohl die Geschichte von Lilith übel aufstößt als auch die Tatsache, dass die meisten wichtigen Gestalten des Christentums männlicher Natur sind. Der Anblick der Kastration eines Pferdes scheint in ihr schließlich erstmals den Wunsch nach Auflehnung zu erwecken. Als ihr Vater eine Nonne für ein Vergehen grausam bestrafen lässt (bezeichnenderweise werden ihre Brüste, die Merkmale ihrer Weiblichkeit verbrannt) und auch sie selbst nach einem Fluchtversuch nicht auf Gnade hoffen kann, sieht sie der sich ereignenden Ankunft der Moslems mit einer nicht weniger emanzipierten Nonne voller Hoffnung entgegen. Sie schlägt sich nun auf die andere Seite, nimmt sich einen Moslem zum Liebhaber und rächt sich mit ihm an der ihr verhassten Männergesellschaft. Als sie jedoch feststellen muss, dass auch ihr neuer Liebhaber ihr emanzipiertes Streben nicht duldet, kommt es zur Auseinandersetzung. Sie wird zurückgelassen und fällt den Christen in die Hände, die ihr in einer vermeintlich ehrwürdigen Zeremonie die Haut vom Leib ziehen.

Die immer wieder auftauchende Verbindung von Sexualität und Revolution im Film wirkt zwar nur stellenweise überzeugend, ist aber wohl weniger auf Exploitationvorbilder zurückzuführen, als vielmehr auf die zu dieser Zeit generell im Kino anzutreffende Verbindung von Sex und Revolution, die ihren Höhepunkt im sehenswerten "Sweet Movie" (1974) findet.
Interessant ist, dass Mingozzi, der sich elf Jahre zuvor in "La Taranta" (1962) als so ziemlich erster Filmemacher überhaupt mit dem Phänomen des Tarantismus beschäftigt hat, eben dieses Thema auch hier einbringt: Zu Beginn geraten ein paar vom Tarantismus "Befallene" in das Kloster, wo sie einige Nonnen anstecken, welche sich dann tatsächlich wie von der Tarantel gestochen aufführen; Nahmen die (in der Regel weiblichen) Betroffenen - wie auch ihr Umfeld - lange Zeit an, dass der Biss (oder eben der "Stich", wie es auch in der dt. Synchronisation heißt) der Tarantel der Auslöser ihrer geistigen Entrücktheit und nahezu Veitstanz-ähnlichen Verkrampftheit war (was mit einer Musiktherapien und der im Sinne eines Placebo-Effektes durchaus heilsamen Kraft des Glaubens behoben wurde), gingen die ab Mitte der 50er Jahre einsetzenden Beschäftigungen mit dem Phänomen bald dazu über, die Erkrankung als Äußerung von unterdrückten Trieben der in der Regel von Religion und familiären Machtverhältnissen unterdrückten Frauen zu lesen. Das verleiht der zunächst episodenhaft anmutenden Sequenz eine tiefere Bedeutung, insofern hier bereits die negativen Verhältnisse und Resultate der sozialen Situation präsentiert werden und eine Suche nach einer effektiven Lösung gefordert wird: Das neu entdeckte Körpergefühl in der Enthemmt- & Entrücktheit des Tarantismus präsentiert Mingozzi als noch unbewusstes Aufbegehren gegen die Regeln einer repressiven Männergesellschaft... das Erkunden des eigenen Körpers und das Ausloten der körperlichen Bedürfnisse als Antwort auf ein christlich-patriarchalisches Umfeld gerät Mingozzi - in der Folge der sexuellen Revolution - zum revolutionären Akt.

Mingozzi zeigt zwar hin und wieder ein paar krassere Details, bis auf die Bestrafung der Nonne werden diese jedoch nur am Rande angerissen und nicht übermäßig vorgeführt und oder gar genüsslich ausgekostet. Als Porträt einer starken Frauengestalt in einem aussichtslosen Kampf gegen die gesellschaftliche Norm ist der Film jedoch gelungen: Florinda Bolkan gibt eine grandiose Kriemhild-Kopie ab und wirkt in jeder Szene glaubwürdig.
Die dt. Fassung ist stark geschnitten, jedoch sind nur ("nur" in einem quantitativen, nicht qualitativen Sinn) vereinzelte Dialogszenen betroffen, woran man erkennen kann, wiesehr man versucht hat, den Film hierzulande als einfachen Exploitationfetzer zu vermarkten. Eine ungeschnittene Fassung ist bei X-Rated (ausgerechnet!) erschienen... Klappentext (von Andreas Bethmann und daher voller Fehler) und Covergestaltung sind äußerst reißerisch, dafür liegt der Film in voller Länge (teilweise als OmU) vor.
Satte 7/10

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