Sein „Dirty Harry“-Image wurde Clint Eastwood nicht so schnell los, also versuchte er es den in den späten 70ern und den 80ern entweder zu parodieren oder auszubauen – „Tightrope“ gehört zu letzterer Kategorie.
These von „Tightrope“ ist nun die, dass sich Cop und Killer nicht so sehr unterscheiden, in den 80ern öfter ausgearbeitet, man denke an die manischen Profiler aus „Blutmond“ und „Der Cop“. In „Tightrope“ ist der Übelwicht nun ein Triebtäter und Frauenmörder, der gleich in der ersten Szene ein Opfer verfolgt. Das Gesicht wird kaum gezeigt, aber immerhin soweit, dass man erkennt, dass es nicht der Held des Films ist – so gewagt will „Tightrope“ dann nicht sein und wiegt den Zuschauer von Anfang an in Sicherheit.
Besagter Held ist Wes Block (Clint Eastwood), ein teilweise recht typischer Cop: Von der Frau verlassen, weil er zu sehr für den Job und zu wenig für sie da war, liebender Vater zweier Töchter, die er jede zweite Woche bei sich hat und natürlich mit der Aufklärung der Mordserie beauftragt. Was ihn etwas aus der Reihe gewohnter Filmcops tanzen lässt, ist seine Vorliebe für Rotlichtviertel und die Tatsache, dass er auch etwas ungewöhnlicheren Sexualpraktiken dort nicht abgeneigt ist.
Der Killer ist nicht nur gewitzt, bald wird auch klar: Er hat es auf Block persönlich abgesehen. Er beginnt bevorzugt Blocks Bekanntschaften zu ermorden und nähert sich auch der Familie des Cops…
„Tightrope“ liefert da schon eine Blaupause für das vor allem in den 90ern beliebte Cop-contra-Serienmörder-Sujet, wirkt dabei jedoch trotz seines Pionierstatus reichlich stereotyp und stellenweise arg vorhersehbar. Natürlich springt die Family in einer Szene beinahe über die Klinge, natürlich läuft das erst ohne direkten Kontakt ausgetragene Spiel auf einen handfesten Showdown Mann gegen Mann heraus, natürlich müssen die Nebenfiguren dran glauben, von denen man es die ganze Zeit erwartet. Zudem ist „Tightrope“ in der Filmmitte reichlich repetitiv, wenn Block eine Frau aufsucht, vom Killer beobachtet wird, der diese dann ermordet und das Spielchen dann von vorn losgeht.
Natürlich lässt das Sujet einige interessante Gedanken zu. „Tightrope“ entstand im Zuge der ersten Erkenntnisse über AIDS, womit die Idee des tödlichen Sex natürlich als Metapher verstanden werden kann, auch als Spielung von Eastwoods Starpersona ist der Film nicht uninteressant: Dirty Harry hätte vermutlich in jeder Rotlichtbar eine Schlägerei begonnen, Wes Block fügt sich als Kunde dort nahtlos ein. Block ist zudem eine interessante Kreuzung aus bravem Vater bei Tag (den seine Tochter als eine Art Frauenersatz bekocht) und notorischem Schürzenjäger bei Nacht. Wenig subtil dagegen sind die Parallelisierungen von Cop und Killer: „Tightrope“ macht nur offensichtlich, was in vielen Kriminalfilmen zuvor unterschwellig zu erkennen war.
Was „Tightrope“ allerdings vor allem Probleme bereitet ist die stilistisch etwas unsaubere Regie. Ist Richard Tuggle bei der Inszenierung der Frauenmorde mit einem Gespür für Spannung und Suggestion am Werke, so ist die Szene, in der Tuggle seine tote Haushälterin und seine toten Hunde findet, einfach nur platt auf den Schockeffekt ausgelegt und von daher schon etwas geschmacklos. Von diversen Logikschnitzern mal abgesehen (woher weiß Block von der Bedeutung der Turnschuhe, wenn der Film lediglich den Zuschauer darauf aufmerksam gemacht hat?) krankt der Film an der Psychopathenfigur: Es ist ein Typ, der einfach nur als Killer, sonst aber nie als Figur auftritt, also fällt ein Whodunit flach, Block wird vom Zuschauer eh nie verdächtigt der Killer zu sein (der Auftakt erteilt ihm ja bereits Absolution) und wenn man es dann als dolle Enthüllung präsentieren will, dass der Killer ein ehemals von Block eingelochter Straftäter ist, so geht der Schuss nach hinten los, da es ein dermaßen schlappes Motiv ist, das der Film auch ohne es funktionieren würde. Nett hingegen die wenigen Actionszenen, amüsant bis grotesk der finale Splattereffekt bei der Killerbeseitigung.
Clint Eastwood spielt hier also eine Variation seiner Rolle als Dirty Harry, tja, was soll man sagen: Er hat derartige Parts einfach drauf, könnte sie vermutlich auch im Schlaf spielen und so überzeugt er auch hier. Geneviève Bujold als Selbstverteidigungstrainerin ist in der weiblichen Hauptrolle durchaus okay, doch es wirkt immer so, als könne das Drehbuch nichts mehr mit ihrer Figur anfangen. Dan Hedaya als Partner des Helden supportet ziemlich gut, Alison Eastwood spielt Blocks älteste Tochter, während der Rest vom Cast unscheinbar bleibt.
Ein eher misslungener Versuch Eastwoods sein Image zu modifizieren: „Tightrope“ hat nette Ansätze und hat seine Momente, z.B. im düsteren Finale oder wenn der Killer Wes dazu zwingt, auf seine Anweisung durchs Rotlichtviertel zu streifen, doch die teilweise unsaubere Regie, der mangelhaft aufgebaute Spannungsbogen und der fehlende Mut die Hauptfigur zum Verdächtigen zu machen stehen dem gegenüber.