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Literaturverfilmungen sind meistens eine knifflige Angelegenheit, da man versuchen muss die Ereignisse und Aussagen eines Werkes auf eine kompakte Spielfilmlänge zu bringen, ohne die Leser des Werkes zu enttäuschen, wobei man nie außer acht lassen darf, dass ein fürs Kino gedrehter Film dennoch seinen Tribut ans breite Publikum zahlen muss (Oder anders: was sich nicht gut verkauft wird rausgestrichen, egal ob es jetzt die Aussage der literarischen Vorlage verändert oder nicht).
Ein sehr schönes Beispiel dafür ist Volker Schlöndorffs Verfilmung von Max Frischs Klassiker „Homo Faber“.

Sehr gut gefallen an dieser Verfilmung hat mir persönlich, dass die Liebesgeschichte zwischen Walter Faber und seiner Tochter Sabeth wirklich sehr schön in Szene gesetzt wurde. Es werden hier viel aus dem Roman bekannte Details gezeigt und die Entwicklung der Beziehung wird wunderbar aufgezeigt.
Ein großes Lob geht an dieser stelle auch an die beiden Darsteller Sam Shepard und Julie Delphy. Sam Shepard trifft wirklich sehr gut die Gestalt des Walter Fabers, wie ihn Max Frisch in seinem Buch darstellt.
Julie Delphie schafft es in ihrer Rolle als Sabeth die Kindlichkeit, Naivität, aber auch Neugierde ihrer Figur darzustellen.
Ein Lob darf auch für das sehr gute Einbauen der im Film vorkommenden Rückblenden angesprochen werden. Diese geben die Erzählstruktur des Romans sehr schön wieder, wobei natürlich das Geschehen in der Verfilmung, aus Gründen der Verständlichkeit, chronologisch geordneter als in der Romanvorlage ist.

Etwas enttäuschend ist dagegen, dass wirklich sehr viel aus dem ursprünglichen Roman einfach ausgelassen wurde. Im Film fehlen in Grunde alle Ereignisse nach Sabeths Tod, z.B. Fabers Reise nach Cuba und sein späterer Kampf mit seiner schweren Krankheit, welche im Film nicht ein einziges mal angesprochen wird.
Somit fehlt die gesamte innere Entwicklung Fabers komplett!!!
Im Roman ist Walter Faber ein, zu Beginn, stur rational denkender Mensch, der meint jedes Problem mit entsprechender Technik lösen zu können. Gegen Ende hin muss er sich aber eingestehen, dass seine Einstellung wohl doch nicht das Wahre gewesen ist und er sein Leben eigentlich vergeudet hat, aber aufgrund seiner Krankheit keine Zeit mehr besitzt das Verlorene nachzuholen.
Im Film wird er statt dessen einfach als netter, alter Herr dargestellt.
Auch die harsche Kritik am American Way of Life existiert im Film überhaupt nicht mehr.
Zudem wurde auch der Tod Sabeths (eine Schlüsselszene im Roman) anders als in der Vorlage dargestellt. In Frischs Roman trägt Faber eine Teilschuld an Sabeths Tod, im Film wurde das ganze einfach komplett als tragischer Unfall dargestellt.

Das gesamte Werk von May Frisch wurde hier auf die Liebesgeschichte zwischen Sabeth und Faber reduziert. Diese ist zwar wie gesagt sehr schön anzuschauen und verkauft sich auch sicherlich besser als die Kritik und Einsichten eines alten Mannes.
Homo Faber ist somit als Film für sich zu empfehlen, als echte Verfilmung aber enttäuschend und der Vorlage nicht gerecht werdend.

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