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Nach den zuletzt eher schwächelnden Beiträgen "Unbreakable" und "Signs" findet der durch "The Sixth Sense" bekannt gewordene indische Regisseur M. Night Shyamalan mit dem Mystery-Drama "The Village" zurück zu alter, neuer Form. Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Mystery-Element spielt in "The Village" nur eine untergeordnete Rolle, weswegen man bereits vor dem Kinobesuch seine Erwartungen diesbezüglich anpassen sollte. "The Village" erzählt die Geschichte einer von der Außenwelt abgeschnittenen, mormonische Züge tragenden Dorfgemeinschaft, die vollkommen auf sich allein gestellt ihr Leben fristet und zugleich einer stetigen Bedrohung durch die "Unaussprechlichen" ausgesetzt ist. Niemand darf den von ihnen beherrschten, das Dorf umgebenden Wald von Covington betreten, hölzerne Wachtürme und das strikte Meiden der Farbe Rot sollen das Übel von den Bewohnern fern halten...
Ich muss gestehen, daß ich eine gewisse Zeit benötigte, um mich in den zunächst befremdlich-eigenartig erscheinenden Film hineinzuversetzen. Dies liegt vor allem an den extraordinären Charakteren der Hauptdarsteller: Als da wären der geistig Zurückgebliebener Nichtsnutz Noah, die blinde aber dafür "sehende" Ivy und der in sich gekehrte Lucius, die allesamt durch ihre Sonderlichkeiten dem Zuschauer zunächst wenig Möglichkeiten zur Identifikation bieten. Auch die übringen Dorfbewohner schrecken durch ihre geheimnisumwobene, kühle Art eher ab. Daß dies jedoch Teil von Shyamalans durchdachtem Konzept ist, begreift man nach einer gewissen Zeit und es öffnen sich damit einhergehend bald zahlreiche Ansatzpunkte zum persönlichen EInstieg in die Filmhandlung.
Diese wird fast durchgehend von der ungemein intensiven, düsteren Atmosphäre geprägt, die in Form von geradezu erdrückend wirkendem Nebel und ständig bewölktem Himmel ihren optischen Ausdruck findet. Selten finden Sonnenstrahlen ihren Weg in das trostlos darliegende Covington, ja eigentlich nur des Abends, mühsam die Wolkendecke durchdringend. Die auf diese Weise erzeugte Stimmung lässt den Zuschauer widerum noch näher an die ängstlich-verschlossenen Charaktere rücken und diese zunehmend verstehen. Recht schnell wird klar, daß in diesem Dorf nicht alles mit rechten DIngen zugeht.
Interessanterweise schafft es die Atmosphäre nahezu im Alleingang, den Zuschauer an den Kinosessel zu tackern. Plakative Schocks sind nur in sehr geringer Zahl von Nöten, unterstreichen die beklemmende Stimmung jedoch optimal. Den Charakteren und den Beziehungen dieser untereinander kommt somit der Hauptteil der Spielzeit zu Gute, wobei ich mich letzten Endes doch nicht dazu durchringen kann, "The Village" als klassisches Drama einzustufen. Der Film hält sich vielmehr im neutralen, defintionslosen Zwischenraum von elegischem Grusel und gefühlsbetonten Beziehungsdrama auf; Eben diese Eigenschaft verleiht "The Village" seine Einzigartigkeit und Brillianz, die ihn im Einklang mit einem der genialsten Plottwists der letzten Jahre endgültig in den cineastischen Adelsstand erhebt. Gemeint ist mit besagtem Twist nicht etwa die Identität oder die niederen Beweggründe der "Unaussprechlichen", in dieser Hinsicht hat der aufmerksame Zuseher schon sehr bald einen eigenen, heißen Verdacht - nein, ich rede von einer weitaus umwerfenderen Enthüllung das gesamte Dörfchen betreffend...

Einen essenziellen Beitrag zum Gelingen von "The Village" leisten die fantastisch aufspielenden Darsteller, allen vorran Bryce Dallas Howard und Joaquin Phoenix, die eben durch ihre unkonventionelle Erscheinungs- und Spielweise für das entscheidende Mehr an frischem Wind sorgen, welches anderen Großproduktionen so schmerzlich oft verwehrt bleibt. Absolut erstklassig fügen sich ferner Adrien Brody und Sigourney Weaver in das bizarr-beklemmende Dorfleben ein, so daß ich ohne Untertreibung behaupten kann, selten ein derart überzeugendes, gleichermaßen ungewöhnliches wie absolut glaubhaftes Schauspielerensemble gesehen zu haben: Eine Meisterleistung, die oskarverdächtig erscheint!

Frei von Kritik bleibt auch die technische Umsetzung. Hier spielt M. Night Shyamalan konsequent seine zweifelsfrei vorhandenen Stärken aus und liefert uns atembraubend, im wahrsten Sinne des Wortes beängstigent schöne Bilder, die durch einen ungemein einvernehmenden Violinen-Score eine geradezu mysthische Wirkung erzielen. Mann spürt förmlich die erdrückende Schwere der düsteren Wolken, die wie ein im Zuklappen befindlicher Sargdeckel über dem kleinen Dörfchen Covington zu lasten scheinen. Sehr gelungen zudem die Erzählweise, die wichtige Passagen erst zeitversetzt quasi rückblickend preisgibt.

"The Village" gehört ohne Frage zu den außergewöhnlichsten Filmen der letzten Jahre. Kaum in ein bestehendes Muster pressbar, schafft es Shyamalan durch eine unglaublich dichte Atmosphäre und sehr dezenten, subtilen Gruseleinsatz, ein kleines Kinokunstwerk zu erschaffen, welches zugleich distanziert kühl und einvernehmend intensiv für ein Kinoerlebnis der Sonderklasse sorgt. Welches düstere Geheimnis birgt Covington, wer steckt hinter den "Unaussprechlichen", was verbergen die Dorfältesten? Fragen, die sich nur durch einen schnellstmöglichen Kinogang beantworten lassen...

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