Review

Es knackt und rauscht im Wald, und zwar nicht nur in dem in M.Night Shyamalans neuestem Film „The Village“, sondern auch im Blätterwald der Medien und wenn es nach den Kinogängern gehen würde, dürften sich wohl einige PR-Berater jetzt einen neuen Job suchen.
Dummerweise hatte nämlich jemand die Riesenidee, den Film als Mystery-Thriller in der Tradition der anderen Werke des Inders zu verkaufen. Nur leider ist davon in diesem Werk relativ wenig zu sehen, was man nur wissen konnte, wenn man sich ein paar gedruckte Reviews richtig gut durchgelesen hatte. Was natürlich die wenigsten tun!

In Wirklichkeit bietet Shyamalans Film nämlich eher ein romantisches Drama (gut, wenn man so will, Schauerdrama), welches in einer abgeschotteten Gemeinde im auslaufenden 19.Jahrhundert irgendwo in Amerika stattfindet. Selbstverständlich gibt es Mystery-Ansätze, wie die namenlosen Kreaturen, die Unaussprechlichen (über die paradoxerweise ständig geredet wird), die den das Dorf umgebenden Wald bevölkern sollen und mit einer mit gelber Farbe bestrichenen und bewachten Barriere ferngehalten werden sollen.

Im Zentrum stehen jedoch der weiterblickende Lucius, der die etwas abseits liegende Stadt besuchen möchte und die blinde Ivy, die ihm in Liebe zugedacht ist. Ihre Beziehung spiegelt sich in der zeitweise angespannten Gesamtsituation des Dorfes, seiner Isolation, Abgeschiedenheit, seines Friedens.
Damit wird das Dorf zur Welt in der Welt an sich, ein abgeschotteter Kosmos, der nach Frieden und Harmonie strebt, aber in seiner Funktionsfähigkeit bereits angegriffen ist.

Es ist schwer, den Film zu analysieren, ohne zu spoilern, denn wieder hat Shyamalan ein Werk zusammen, das man sozusagen von hinten nach vorne sehen muß.
Selbstverständlich gibt es auch in diesem Fall wieder einen Clou, eine Pointe, einen Twist, wenn man so will, sogar zwei.
Wie schwer diese Vorgehensweise inzwischen als Bürde auf den Filmen des Inders liegt, merkt man anhand der Publikumsreaktionen, die sich zwischen aufgebracht und betrogen gefühlt einpendeln. Trotz allem (und trotz gewisser Vorhersehbarkeiten) macht der Film mitsamt seiner Pointe Sinn (etwas, was dem Vorgänger „Signs“ nicht gelang) und bietet eine interessante Idee. Allerdings schrumpft der übernatürliche Faktor im Laufe des Films innerlich und äußerlich zur Bedeutungslosigkeit, denn das Zentrum des Films dreht sich um das sich Versagen dessen, was man wirklich will, die zweite Seite der Medaille, die man Vorsicht nennt.

Zwar sperren die Bewohner die übrige Welt so ziemlich aus und damit auch das Böse der entfernt liegenden Stadt, doch die Katastrophe kommt letztendlich von innen, denn nicht das Böse im Menschen löst hier beinahe eine Katastrophe aus, sondern die allseits herrschende Introvertiertheit, das Verweigern, die herrschende Unverständnis gegenüber einem nicht funktionierenden Menschen, den man akzeptieren kann, dessen Handlungen aber nicht kontrolliert werden können.

Das Problem des Films ist also weniger seine Funktionsfähigkeit als vielmehr die Art der Umsetzung. Zäh und ruckhaft setzt Shyamalan seine Liebesgeschichte in Szene, wobei sich die spannenden und die romantischen Szenen nicht zur Einheit verbinden. Gleichzeitig will der Film natürlich noch sein Mysterium bieten, doch das bedingt eine andere Taktfolge.
Setzt das Publikum natürlich zu Beginn auf das Rätsel der Unaussprechlichen, so läßt der Film das Thema zu oft wieder fallen, um es nur sporadisch wieder aufzunehmen. Ein düster-trauriger Soundtrack wabert zusätzlich zentnerschwer die meisten Szenen zu und die bleierne Bedächtigkeit der meisten Dialogszenen läßt hervorragende Darsteller wie William Hurt und Sigourney Weaver nicht selten im Regen stehen.

Gehören tut der Film der bisher eher unbekannten Bryce Dallas Howard, die als Blinde das komplette letzte Drittel des Films führt und bespielt, um den finalen Twist zu liefern. Hier findet das Suspense-Genie durchaus wieder zur Meisterschaft zurück, doch zu unstet war der bisherige Verlauf, um dramaturgisch den Zuschauer komplett zu versöhnen.
Das ist schade, denn filmisch bietet „The Village“ höchste Qualität, die Szenenfolge sind wunderbar komponiert, die Spannungssequenzen sauber ausgearbeitet und sogar in dem lethargisch-unsympathischen Gesicht Joaquin Phoenix findet sich trotz verbaler Kargheit zunehmend Tiefe.

Somit erfordert „The Village“ vom Zuschauer die Bereitschaft, sich vom Film überraschen zu lassen. Wohlgemerkt, vom Film, nicht von Schlußtwist, denn auch wenn der Film stetig darauf zuarbeitet, bietet der Twist lediglich den Rahmen, nicht aber eine übersteigernde Wendung an.
Für Shyamalan bleibt künftig nur, eine neue Art der Arbeitsweise aus dem Hut zu zaubern, die die bisherige Konstruktion erweist sich beim vierten Durchlauf inzwischen als Bumerang.
Aber für einen so individuellen und visuell wegweisenden Filmemacher, sollte das Aufbauprinzip kein unveränderliches Hindernis sein.
Für „The Village“ gilt: die Welt ist ein Dorf bzw. genau umgekehrt. Und genau in der Richtung sollte man seine Erwartungen einpendeln lassen. (7/10)

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