Film als schuldhaftes Vergnügen:
Die Ex-Freundinnen meines Freundes (2004) .
Erstaunlich flippige Unterhaltung für einen Mittwochmorgen!
Achtung, Schuldgefühle!
1.) ZEITPUNKT Auweia, da schreibt einer, der an einem Werktagmorgen nichts besseres vorhat, als US-Komödien zu gucken! Der total verkorkste Video-Nerd! Wenn er jetzt noch zugibt, daß währenddessen draußen die Sonne schien...
2.) ZEITAUFWAND Und da wären wir einmal mehr beim Dilemma des Filmfans: Filme gucken ist mir stets ein schuldhaftes Vergnügen, eine sündige Freude. Haben erwachsene, „reife“ Menschen nicht die Möglichkeit, und sogar die Pflicht, ihre Zeit sinnreicher zu verwenden?!
3.) LEBEN AUS ZWEITER HAND Ganz schlimm wird es, wenn diese Menschen ihre Zeit nicht nur mit der Betrachtung verbringen, sondern hinterher auch noch über dieses sog. „Erlebnis“ schreiben! Dabei ist das Betrachten einer flachen Mattscheibe eigentlich kein „Erlebnis“, sondern: Immer wieder nur das Anstarren einer flachen Mattscheibe!
4.) SCHREIBEN Auch wenn ich das Schreiben als „Training“, als „Tägliche Übung in der Kunst des Schreibens“ deklarieren kann, so gäbe es genug dringendere Themen: Den Welthunger, den Klimawandel, die Dominanz des neoliberalen Mainstreams...
5.) QUALITÄT Und wenigstens könnte ich untertitelte Filme aus der Dritten Welt, oder schwarzweiße Perlen der Filmkunst, oder wertvolle Dokumentationen, voll von sozialem Gewissen, betrachten, beschreiben und unterstützen. Warum nicht reden über „The Oil Crash“ ?
Doch stattdessen: „Die Ex-Freundinnen meines Freundes“!
6.) FAST FOOD Aber der Grund: Dank der flippigen Mädels und eines gewissen Tempos vermochte mich der Film zu fesseln. Hauptthema und -problem war dabei die eigentlich völlig nervige, dödelige Hauptfigur: Nur in unrealistischen Märchenkomödien benimmt sich jemand so unreif, pathetisch und übertrieben. Das erleichterte mir zwar zwar Verstehen und Ausharren, verschaffte mir aber zugleich ein schlechtes Gewissen, eben weil ich ausharrte.
War dieser nervige Stil nun die Vorgabe des Films? (Gut möglich; er läge damit voll im Trend ungezählter anderer Prinzessinnen-/Aschenputtel-/Junggesellen- oder High-School-Abschluß-Komödien, die mit oberflächlichem Tiefgang bepinselt sind und meist von Disney oder MTV über den großen Teich geschwemmt werden, wahrscheinlich im Rahmen einer großen Regredierungs- und Infantilisierungskampagne zur Verbreitung eines konsumkapitalistischen Weltbildes. [Achtung: Verschwörungstheorie!])
Oder es liegt an Miss Murphys schauspielerischem Unvermögen? Nur der Gag, daß sie sich im Off-Kommentar immer wieder selbst kommentiert, vermag ihre Grimassen, ihr Augenaufreissen, Augenrollen, Schmollen und das präpubertäre Gehüpfe der Rolle, das Verstecken hinter Speisekarten, Zerschlagen der Einrichtung, ihre Dialoge mit dem furzenden Hund und ständigen Mißgeschicke erträglich zu machen.
7.) PSEUDO-GEHALT Seltsam, daß sich so eine naive Unperson im zynischten aller Gewerbe, in der Produktion einer Reality-TV-Show, verdingen soll. (Achtung, „Reality-TV“: Film wird tiefschürfend!) Den Grund erfahren wir gegen Ende, als sie und ihre Naivität in genau dieser TV-Show landesweit ausgeschlachtet werden. Ausgerechnet von ihrer vorgeblich „besten“ Freundin, die sie – in geradezu genialer Weise – in der Show zum Deppen macht. Daß dabei auch noch andere prominente Mitwirkende der Show unter die Räder kommen, erfreute mein Herz und zeigt die TV-Show als Ort gnadenlosen Hauen und Stechens (Achtung, „Medienkritik“: Tiefgang!), wird aber konterkariert, als die Heldin sich in einem langen, konfusen Monolog (Achtung: Tiefgang!) dann doch noch herausreden kann, den moralischen Sieg davonträgt (Tiefgang!) und schlußendlich auch noch in einem völlig unrealistischen Story-Twist belohnt wird: Zum Ausgleich all ihrer Demütigungen, Mißgeschicke, Betrügereien und Verrätereien wird sie mit dem so ungefähr begehrtesten Job des gesamten US-Fernsehens beglückt, ganz ohne Vorstellungsgespräch mit ihrer zukünftigen Chefin – die ist nämlich abwesend.
Angesichts des ersten abgehalfterten Stars fällt sie prompt in Ohnmacht und untermauert so einmal mehr das Frauenbild in diesem Märchenfilm. (Hoppla, die „Medienkritik“ ging dabei rasch den Bach hinunter: Schließlich gibt es zwar „böse“ Medien, aber auch „gute“ - dort warten natürlich die guten Feen nur auf so naive Einfaltspinsel. Die Medienwelt ist eigentlich doch in Ordnung!)
8.) VERLOR ICH MEIN URTEILSVERMÖGEN Überhaupt wurde der Film mir nur erträglich durch die etwas interessanteren Nebenfiguren, d.h. die „Ex-Freundinnen“ des Freundes:
- Das gutaussehende Foto-Model, vom Geheimnis umwoben: „Lügt sie, oder lügt doch der Freund?“
- Die überperfekte Gynäkologin, einerseits nervtötende Streberin, andererseits nett, freundlich, gutgelaunt, tatkräftig, arglos.
- Und JOYCE! Plötzlich taucht im Film eine normale Person auf! Da sind sie wieder, meine Schuldgefühle: Ist sie tatsächlich die beste Schauspielerin und die schönste Rolle im ganzen Film?
Oder habe ich nur wieder einmal den Verstand verloren, bin ich nur wieder einmal subjektiv und haltlos verfallen? Hier der sommersprossigen Julianne Nicholson, ihren grünen Augen und der Vorstellung, daß sie als einzige eine „normale“ Frau spielt, spielen KANN, die nichts verkaufen will, keine zwanghafte Lügnerin ist, sondern aufrichtig, ruhig, mit einem normalen Leben, die einfach nur unschuldig offen ist, liebt, und damit völlig gegen den überdrehten Strom des Films, der Hauptfigur und der TV-Show-Zombies schwimmt.
Und auch Bob, der Hund, spielte gut.