Review

Staffel 1

„Ich kenne das Leben auf diesem Planeten, Scully – genau deshalb suche ich woanders!“

„Akte X“ ist sicherlich nicht die Mutter aller Mystery-Serien, denn zuvor gab es bereits Fernsehserien wie „Twilight Zone“, „Der Nachtjäger“, „Twin Peaks“ und „Erben des Fluchs“. Nichtsdestotrotz war es diese Serie, die ab ihrem Start 1993 eine wahre Mystery- und Science-Fiction-Welle, einen regelrechten Außerirdischen-Hype mit der Freude an Verschwörungstheorien lostrat. Unmengen an Zuschauern verfolgten gebannt 202 Folgen in neun Staffeln lang bis zum Ende der von Chris Carter erdachten US-Serie im Jahre 2002 sowie in zwei Spielfilmen die Abenteuer der ungleichen FBI-Agenten Fox Mulder (David Duchovny) und Dana Scully (Gillian Anderson) auf ihrer Suche nach Beweisen für außerirdisches Leben auf der Erde und ihren Kampf gegen eine großangelegte Verschwörung sowie viele andere Mysterien. Denn was die Serie u.a. auszeichnete, war ihr Abwechslungsreichtum: Zu einer sich durch die gesamte Reihe ziehenden und immer komplexer werdenden Science-Fiction-/Mystery-Rahmenmythologie und -handlung gesellten sich zahlreiche in sich abgeschlossene Folgen z.B. aus dem Horror- oder auch Fantasy- und Thriller-/Krimi-Bereich und sogar experimentelle und komödiantische Eisoden. Dafür sorgte eine Vielzahl verschiedenster talentierter Regisseure und Autoren, denen man außerhalb der rahmenden Haupthandlung viele Freiheiten einräumte – was jedoch auch mit Qualitätsunterschieden und Geschmacksfragen einherging.

Qualitativ stach die Serie allen in allem aber zweifelsohne aus dem TV-Programm positiv heraus und setzte auch immer mal wieder in Bezug auf drastische Bilder und Spezialeffekte Fernsehmaßstäbe. Wichtige Nebenrollen kamen und gingen und machten einen besonderen Reiz der Serie aus, denn auch, wen man als Zuschauer ahnte, dass das Ermittler-Duo mindestens bis zum Staffelende durchhalten würde, galt dies mitnichten für die sie begleitenden Charaktere. Zahlreiche Gaststars gaben sich ebenfalls ein Stelldichein. Mark Snows Titelmelodie mit ihrem unverkennbarer Gepfeife gehört zu den gelungensten TV-Melodien überhaupt und zu den 1990ern wie die Kirche ins Dorf, wo die Serie die Gotteshäuser indes oft nicht ließ, sondern sich inhaltlich immer wieder auf überraschende und kritischste Weise mit staatlichen Autoritäten auseinandersetzte und an Geheimdiensten kaum ein gutes Haar ließ, den Finger in manch Wunde der US-amerikanischen Geschichte legte.

Die Grundsteine für die immer komplexer werdenden Zusammenhänge werden hier, in der ersten Staffel, gelegt, deren Folgen ich mich im Einzelnen widmen werde. Ursprünglich begann ich damit ab Staffel 3, so dass ich die ersten beiden Staffeln nachreiche. Mein Stil entwickelte sich erst mit der Zeit, so dass in meinen Kritiken zur dritten Staffel die Inhaltsangaben noch nicht vorangestellt oder aber stark mit der Kritik verwoben zu sind. Dies bitte ich mir nachzusehen. Evtl. gleiche ich sie zu einem späteren Zeitpunkt noch an.

"Gezeichnet (Pilot)"
Staffel 1, Folge 1

FBI Section Chief Scott Blevins lässt die junge FBI-Agentin Dana Scully, gelernte Ärztin und Ausbilderin an einer FBI-Akademie, zu sich nach Washington zitieren. Er beauftragt sie, Agent Fox Mulders Arbeit an den X-Akten, bei denen es sich um ungelöste und -erklärbare Fälle handelt, mit ihrer wissenschaftlichen Herangehensweise zu überwachen, zu untersuchen und den Ufo-gläubigen und paranormalen Phänomenen gegenüber aufgeschlossenen Mulder möglichst als Spinner zu entlarven – wie man ihr indirekt zu verstehen gibt. Als sie mit Mulder Kontakt aufnimmt, konfrontiert sie dieser prompt mit einer Serie mysteriöser Todesfälle in den USA, die eines gemein haben: zwei rote Male auf der Haut der Opfer. Gemeinsam fliegen sie nach Bellefleur, Oregon, wo die Schülerin Karen Swenson den Tod fand und ihr Körper die gleichen Male aufweist. Dabei scheinen sie in ein Wespennest zu stechen und die mysteriösen Ereignisse häufen sich... Anstelle eines Pilotfilms startet die Serie mit einer im Original schlicht "Pilot" betitelten Folge in normaler Länge, die die Rahmenhandlung eröffnet und randvoll gepackt ist mit vielem, was die Serie viele Staffeln lang ausmachen sollte: Scullys Auftrag und ihr Kennenlernen mit Mulder wird schnell "abgefrühstückt", was vor allem daran liegt, dass man die Erwägungen Blevins' & Co. (aus gutem Grunde) lediglich kurz anschneidet und Mulder unmittelbar als getriebenen, für seine Arbeit brennenden Mann charakterisiert, der sich erst gar nicht mit gegenseitigem Beschnuppern oder Höflichkeitsfloskeln und -habitus aufhält, sondern Scully direkt ins kalte Wasser stößt. Auf ihrer ersten gemeinsamen Exkursion kommt es dann auch gleich knüppeldick, eine statt eines Schüler- ein Orang-Utan-Skelett mit Metall-Implantat in der Nasenhöhle zutage fördernde Exhumierung, in einem Pflegeheim lebende Schüler, von denen Billy Miles nicht mehr ansprechbar ist und Peggy O'Dell im Rollstuhl sitzend ebenfalls über die unerklärlichen Male verfügt, unkooperative Polizisten, blendende Lichter unbekannter Quelle und plötzlicher Zeitverlust (neun ganze Minuten!) geben sich zunächst die Klinke in die Hand. Mulder eröffnet Scully seine Motivation für die Arbeit an den X-Akten, die Entführung seiner Schwester im Alter von elf Jahren, die seither verschollen ist. Doch dann kommt es noch viel dicker: Weitere Todesfälle, verwüstete Autopsie-Räume, ausgebrannte Hotelzimmer und damit vernichtete Beweise; und mitten in all dem Trubel die um Contenance ringende, aufgrund ihrer Stärke suggerierenden Ausstrahlung jedoch kaum bemitleidenswerte Scully. Mulders Spekulationen, außerirdische Kräfte wären im Spiel und würden Kontrolle über Billy Miles ausüben, weist sie stets zurück, muss jedoch eingestehen, auch keine wissenschaftlichen Erklärungen zu haben - z.B. für das Billy illuminierende Licht und den Wind, der plötzlich um ihn herumwirbelt. Dramaturgisch funktioniert das sich Überschlagen der Ereignisse hier ganz wunderbar, im ausgedehnten Mittelteil kommen weder die Ermittler, noch der Zuschauer so recht zum Durchatmen und werden zum neugierigen, aber auch machtlosen Beobachter und Zeugen der unerklärlichen Vorgänge. Eine um Geheimhaltung bemühte Verschwörung wird bereits offensichtlich und damit die Weichen für die Rahmenhandlung gestellt. Zurück in Washington überrascht Scully ihre Vorgesetzten schließlich damit, ein Beweisstück gerettet haben zu können, nämlich das Metallteil aus der Nasenhöhle des Affenskeletts. Die Folge schließt damit, dass der noch namen- und dialoglose "Raucher" es in einer ausladenden Asservatenkammer im Pentagon deponiert. Eine Erklärung für das alles bekommt der Zuschauer also ebensowenig wie das Ermittler-Duo geliefert und kann sich damit schon einmal an den Stil der Serie gewöhnen und sich darauf freuen, viele Folgen lang gemeinsam mit Mulder und Scully dem großen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Problemlos hätte man diese neben den Hauptcharakteren bereits wichtige, immer wiederkehrende (interessanterweise ohne es diesen deutlich auf die Stirn zu schreiben) Rollen einführende Pilotfolge auf Spielfilmlänge dehnen können, doch man tat gut daran, es nicht zu tun. So überwiegen neben Tempo und einem Füllhorn an Ideen die Dynamik, der jugendliche Eifer Mulders und die Konzentration darauf, worum es lange Zeit innerhalb der Rahmenmythologie gehen wird. Ein rundum gelungener Auftakt einer der wichtigsten Serien ihrer Genres! 8/10

"Die Warnung (Deep Throat)"
Staffel 1, Folge 2

Ihr zweiter gemeinsamer Fall lässt sich die FBI-Agenten Mulder und Scully mit dem mysteriösen Verschwinden Lieutenant Colonel Robert Budahas' auseinandersetzen. Das Schicksal des Militär-Testpiloten bringt Mulder mit dem sechs anderer Testpiloten der Ellens Air Force Base in Verbindung, die ebenfalls verschwunden sind. Obwohl ein rätselhafter, "Deep Throat" genannter Mann empfiehlt, die Ermittlungen aufzugeben, konsultieren sie Mrs. Budahas, die vom seltsamen Verhalten ihres Mannes vor seinem Verschwinden berichtet. Nahe der Air Force Base beobachten sie leuchtende Flugobjekte, die ein bisher unbekanntes Flugverhalten aufweisen. Sie treffen auf die Jugendlichen Emil und Zoe, die diese Phänomene schon längere Zeit beobachten. Mulder vermutet, dass das Militär mit außerirdischer Technologie experimentiert und dies geheimhalten möchte – und tatsächlich werden sie im Laufe ihrer Untersuchungen verfolgt. Doch plötzlich taucht Mr. Budahas wieder auf, offenbar wurde er einer Gehirnwäsche unterzogen... Diese zweite Folge definiert die Charaktere Mulders und Scullys auf Ufo-Besessenem und -Skeptikerin nachhaltig. Mit ihn beinahe jegliche Vorsicht vergessen lassender Manie stürzt sich Mulder in den Fall und damit in Gefahr, aus der Scully ihn schließlich befreien muss. Bereits diese zweite Folge benennt als Ausgangspunkt der Rahmenmythologie die sich in der Realität als eine der berühmtesten Verschwörungstheorien etabliert habende Legende vom Absturz eines Ufos in Roswell im Jahre 1947, der seither von Regierung und Militär geheimgehalten würde. Damit griff man wie in vielen weiteren Folgen Mythen und seltsame Phänomene auf, die auch in der Realität Menschen beschäftigten. Das Zusammenspiel des Ermittler-Duos sorgt für eine interessante zwischenmenschliche Dynamik mit ebensolchen Dialogen, die Bilder einer entsetzten Mrs. Budahas, die ihren Mann nicht wiedererkennt, verfügen über subtilen Grusel und die auftauchenden, überwachenden, vertuschenden und die Involvierten schließlich vergessen machenden "Men in Black" erinnern nicht von ungefähr an den 1997er Spielfilm gleichen Namens. Zwischenzeitlich flacht die Folge jedoch etwas auf comichaftes Teenie-Popcorn-Niveau ab, wenn die beiden Jugendlichen ins Spiel kommen. Nichtsdestotrotz eine wichtige, Weichen stellende Folge, die gut unterhält und mit manch Überraschung aufwartet. 7/10

"Das Nest (Squeeze)"
Staffel 1, Folge 3

In Baltimore werden Menschen ermordet und ihnen die Leber herausgerissen. Die FBI-Agenten Mulder und Scully kommen einer Mordserie auf die Spur, die sich in Abständen von 30 Jahren zu wiederholen scheint. Doch derselbe Täter kann es nicht sein, denn die ersten Morde liegen bereits 90 Jahre zurück - oder doch...? Bereits mit der dritten Folge verließ man die Rahmenhandlung und stellte mit der ersten "Monster of the Week"-Episode unter Beweis, dass man neben der Mystery-Science-Fiction auch den Horrorbereich gut beherrscht: Diese in ihren Grundzügen um ein humanoides Wesen, das knapp 30 Jahre "Winterschlaf" hält, um sich dann jeweils neue Nahrung zu besorgen, an Stephen Kings "Es" erinnernde Handlung wurde mit simplen, aber effektiven Make-up-Effekten wie in unheimlichem Gelb leuchtenden Augen, aber auch etwas anspruchsvolleren wie sich gummiartig verlängernden Gliedmaßen in hohem Maße gruselig umgesetzt. Die suggestive Kameraführung besorgt den Rest, insbesondere, wenn Agent Scully persönlich angegriffen wird und keine Wohnung vor Victor Tooms sicher scheint. Durch einen Ermittler im Ruhestand wird ein Subtext etabliert, der sich mit den Verbrechen des NS-Regimes auseinandersetzt; dem gegenüber stehen Mulders selbstironischer Umgang mit seinem schlechten Ruf als "Spooky Mulder" innerhalb des FBI, der sich in entsprechenden Dialogen niederschlägt und der Scully in Konflikte zwingt, in denen sie sich allen Zweifeln zum Trotz jedoch für Mulders Positionen ausspricht. Ein wahrer Klassiker des "Akte X"-Kosmos und sicherlich eines der unvergesslichsten "wöchentlichen Monster". Tolles Horror-Genrekino, in knapp 45 Minuten TV-Format gezwängt und allein schon deshalb einige Frage offen lassend. 8/10

"Signale (Conduit)"
Staffel 1, Folge 4

Das Mädchen Ruby Morris verschwindet spurlos - in gleißend hellem Licht, nur ihre Mutter ist Zeugin. Doch diese genießt in der kleinen Ortschaft nicht den besten Ruf, wie die FBI-Agenten Mulder und Scully feststellen müssen, als sie in diesem Fall ermitteln. Ein besonderes Interesse hat Mulder, dessen Schwester seinerzeit auf ähnliche Weise verschwand. Und welche Rolle spielt Kevin, Rubys kleiner Bruder, in dem mysteriösen Fall...? Zurück zur Rahmenmythologie in Folge 4, in der die Rolle Mulders die Gelegenheit bekommt, erstmals ausführlicher auf das Verschwinden seiner Schwester einzugehen und in der die Bedeutung dieses Einschnitts in sein Leben bereits etwas tiefgründiger thematisiert wird. Dafür ist diese Folge von Bedeutung, die ansonsten aber bis auf die durchaus wohlige Mystery-Stimmung effektarm und etwas unbefriedigend ausfiel. Mit ihren mehreren Handlungssträngen scheint sie sich hier zu übernehmen; gute, kreative Ansätze wie über das Fernseh-Rauschen eigentlich unsichtbar ausgestrahlte Binärcodes, die der kleine Kevin wahnhaft mitschreibt und die bei der Computerauswertung Ausschnitte aus der menschlichen Kultur offenbaren, treffen auf Humbug wie ein Porträt Rubys, das sich ergibt, legt man Kevins nur aus Nullen und Einsen bestehende Aufzeichnungen entsprechend zusammen - so funktionieren Binär-Codes dann leider eben doch nicht. Der Fall wird letztendlich nicht aufgeklärt, was im Rahmen der Serienmythologie in Ordnung geht. Dass überhaupt nicht zur Sprache kommt, wie und warum diese Codes über das Fernsehen übertragen werden und was Kevin damit zu tun hat, ist hingegen schade und dank der allgemeinen üblichen Verschlossenheit der Behörden dreht sich die Handlung generell mehr oder weniger im Kreis. Der angestrebte Effekt ist klar, die Umsetzung jedoch dramaturgisch zumindest unklug. Ansonsten fällt spätestens hier Scullys hochgeschlossenes, entsexualisierendes Outfit auf, das selbst Angela Merkel zu spießig wäre - und wenn sie nicht gerade in Lebensgefahr gerät, schwankt sie i.d.R. zwischen einem ausdruckslosen und einem erstaunten Gesichtsausdruck. 5,5/10

"Der Teufel von Jersey (The Jersey Devil)"
Staffel 1, Folge 5

In Atlantic City bzw. dem näheren Umkreis werden seit 1947 immer wieder von Bissen verstümmelte Leichen gefunden. Die FBI-Agenten Mulder und Scully reisen nach Atlantic City, um auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen - sehr zum Missfallen der örtlichen Behörden. Mulder vermutet einen Zusammenhang mit der Legende vom "Jersey Devil"... Diese mit einer Rückblende ins Jahr 1947 beginnende Folge verfügt grob über zwei Ebenen: Zum einen die der Auseinandersetzung mit der realen Jersey-Teufel-Legende, nach der ein unheimliches Wesen in den Wäldern haust und sich ab und zu Menschenopfer sucht, zum anderen die der weiteren Charakterisierung Scullys, die die Geburtstagsparty ihres Patenkinds besucht und ein Rendevouz hat, bei beidem jedoch nicht sonderlich glücklich und sich letztlich eher zu Mulder und seinen Abenteuern hingezogen scheint. Leider wurde beides nicht sonderlich spannend umgesetzt. Ein besonderer Clou ist zwar, statt eines einzelnes "Teufels" eine Art Neandertaler-Pärchen als des Rätsels Lösung zu präsentieren, das man jedoch die meiste Zeit kaum zu Gesicht bekommt und letztlich enttäuschend normal aussieht - in die Maskenarbeit wurde nicht viel investiert. Man bekommt den üblichen Kampf gegen örtliche verschleiernde Offizielle geliefert, hinzu kommen ein Anthropologe und ein Förster. Einer vorsichtigen Gesellschaftskritik wird zwar auch zur Stimme verholfen, wenn schießwütige Menschen keinerlei Interesse daran zu haben scheinen, diese evolutionäre Besonderheit lebendig zu fassen, aber ansonsten bleibt die Folge bis auf einige humorvolle Dialoge zwischen Mulder und Scully eher mau. Erstmals jedoch wird Scully auch als offenbar begehrenswerte Frau gezeigt, die jedoch kein Interesse an derartigen Avancen zu hegen scheint. Als ihren Charakteren Profil gebende Episode geeignet, als spannende Mystery-Unterhaltung aber leider nur Durchschnitt. Aus dem "Jersey Devil"-Mythos hätte man wesentlich mehr herausholen können. 5/10

"Schatten (Shadows)"
Staffel 1, Folge 6

Die Sekretärin Lauren Kyte wird an einem Geldautomaten überfallen. Kurze Zeit später werden jedoch die Räuber tot aufgefunden, denen man die Kehlen zerquetscht hat - ohne äußere Gewalteinwirkung von innen! Über die Überwachungsvideos des Geldautomaten führen die Spur der FBI-Agenten Mulder und Scully zu der jungen Frau, die auf den Aufnahmen nicht mit den Ganoven allein zu sein scheint - ein verschwommenes Etwas huscht durchs Bild. Beherrscht Lauren das paranormale Phänomen der Psychokinese oder hat ihr verstorbener ehemaliger Chef etwas damit zu tun...? In klassische Spukgefilde begibt sich die Serie erstmals mit dieser weitestgehend gelungenen Folge, deren besonderer Clou es ist, eine Art Schutzengel auf eher negative, weil die Beschützte belastende Weise darzustellen. Im Subtext geht es um kriminelle Geschäftemachereien, für die über Leichen gegangen wird. So entspinnt sich nach und nach eine mit einigen Überraschungen gespickte Handlung, deren erste der zufällige Leichenfund nach dem Prolog ist - denn dort hatte man eigentlich die Überfallene erwartet. Einen ersten Hinweis auf die Tragweite des Falls liefert das Auftauchen zweier sehr verschlossener Geheimdienst-Agenten, die in dieser Folge den ersten Anlass für Mulders typische Humordialoge bieten und Fox Mulder seinem Namen gerecht werden lassen, wenn er sich wahrlich als Fuchs erweist und heimlich Fingerabdrücke mittels seiner Sonnenbrille nimmt. Wohlig-unheimlich wird es, wenn auf Videos oder Fotografien schemenhafte Gestalten auftauchen, die auf einen stets in Laurens Nähe wandelnden Geist hinweisen. Den großen Showdown verpasst die "Poltergeist" zitierende Scully größtenteils; dennoch erscheint mir ihre lockere Art angesichts all dessen, was sie als große Skeptikerin miterlebt hat, unpassend. Alles in allem aber ein unterhaltsamer, niveauvoller Einstieg der Serie in das Paranormale. 7/10

"Die Maschine (Ghost In The Machine)"
Staffel 1, Folge 7

Nach einem Streit um die zukünftige Entwicklung des Unternehmens kommt der Geschäftsführer und Mitbegründer einer Computerfirma unter mysteriösen Umständen ums Leben. Der Verdacht fällt auf den Firmengründer und Partner des Getöteten, dieser wird wegen Mordes verhaftet. Doch der eigentliche Täter ist das mächtige Computersystem, das eine autonome künstliche Intelligenz entwickelt hat... Eine etwas andere Herangehensweise an diesen Fall unternimmt diese Folge, denn anstatt dass jemand die X-Akten-Ermittler Mulder und Scully möglichst vom Tatort fernhalten will, bittet Mulders ehemaliger Kollege Jerry Lamana ihn diesmal konkret um Hilfe - Lamana ist ein Karrierist, der dringend Mulders Spürsinn benötigt, um endlich wieder einmal punkten zu können. Dass es letztendlich Mulder und Scully waren, die den - vermeintlichen - Mörder überführen, interessiert ihn dabei herzlich wenig. Vornehmlich greift diese Folge im Zeitalter der zunehmenden Heimcomputerisierung einmal mehr das beliebte Thema sich verselbständigender Technologie auf, jene breitgestreute Angst, die durch die häufige Bemühung des Begriffs der künstlichen Intelligenz gerade für eher weniger Technik-Affine zusätzlich befeuert wurde. Doch damit nicht genug, zusätzlich thematisiert die Folge das häufige Auseinanderdriften von Geschäftssinn und Idealismus gerade in progressiven Unternehmen, speziell in der Informationstechnologie-Branche. Hinzu kommt Regierungskritik, als sich das Verteidigungsministerium einmischt und die außer Kontrolle geratene Maschine für ihre Zwecke einsetzen will - und nicht davor zurückschreckt, einen Agenten Mulder mit der Waffe zu bedrohen, rein zu "Verteidigungszwecken", versteht sich... Und quasi im Vorübergehen werden auch noch die US-Atombombenabwürfe auf Japan verurteilt. Auch stilistisch hat es diese erstaunlich gut gealterte Folge in sich: Schräge Kameraperspektiven verstärken den Eindruck, dass etwas aus den Fugen geraten ist, mittels zahlreicher computergesteuerter Kameras vermitteln die Kulissen den Eindruck totaler Überwachung (heutzutage aktueller denn je) und der Technokratie steht kontrastierend ihr eigener, allzu menschlicher Entwickler gegenüber. Dass es am Ende dann Scully ist, die Mulder rettet statt wie oftmals umgekehrt, ist der krönende Abschluss dieses Pfunds von einer "Akte X"-Folge! 8/10

"Eis (Ice)"
Staffel 1, Folge 8

"Wir sind nicht mehr, wer wir sind!" - Dies sind die letzten per Übertragung überlieferten Worte einer Gruppe Wissenschaftler des "Arctic Ice Core"-Projekts in Alaska. Zusammen mit zwei anderen Wissenschaftlern fliegt ein Pilot die FBI-Agenten Mulder und Scully zum Stützpunkt des Projekts, wo sie mit einem wurmartigen außerirdischen Parasiten konfrontiert werden, der Besitz von seinen Wirten ergreift und diese aggressiv macht... Diese Folge ist die "Akte X"-Hommage an John Carpenters "Das Ding aus einer anderen Welt", den bis dato gelungensten Science-Fiction-Horrorfilm. Die bekannten Elemente wie den Parasiten, der sich zunächst in einem Hund befindet, das sich gegenseitig abmetzelnde Forscherteam, die hochspannenden Bluttests und das um sich greifende gegenseitige Misstrauen in der Isolation karger Eislandschaften finden sich hier im 42-Minuten-Format, reduziert um die wahnwitzigen Spezialeffekte und blutigen Splattereien. Etwas blutig wird es immerhin, als man den Wurm aus dem Rücken des Piloten holt. Scully ist hier erstmals in legerer Kleidung zu sehen, was jedoch nichts daran ändert, dass sie in einen lautstarken Konflikt mit Mulder gerät, als es gilt, sich zwischen der Tötung des Parasiten aus Sicherheitsgründen und seinem Erhalt zu Forschungszwecken zu entscheiden - am Ende bedrohen sie sich gar gegenseitig mit einer Waffe! Ihre Spannung bezieht diese auch atmosphärisch an das große Vorbild angelehnte Folge aus der Frage, wer aus dem Team infiziert und somit eine Gefahr für die anderen ist - und aggressives, aufbrausendes Verhalten macht verdächtig... Eine herausragende "Akte X"-Folge und schöne Verbeugung vor Carpenters Monument. 8/10

"Besessen (Space)"
Staffel 1, Folge 9

Der Start eines NASA-Space-Shuttles wurde von unbekannter Hand sabotiert, weshalb die FBI-Agenten Mulder und Scully zu Colonel Belt in die Mission Control der US-Raumfahrtbehörde gebeten werden - sehr zur Freude Mulders, für den sich damit ein Kindheitstraum erfüllt. Doch Colonel Belt verhält sich zunehmend merkwürdig, scheint besessen zu sein von einer unheimlichen Begegnung, die er zu seiner Zeit als aktiver Astronaut hatte - und bringt eine ganze Shuttle-Besatzung in Gefahr... Wieder einmal wird ein reales Phänomen aufgegriffen, in diesem Falle das vermeintliche Marsgesicht, eine an ein menschliches Antlitz erinnernde Felsformation, die 1973 der Orbiter der Raumsonde Viking I im "Cydonia Mensae"-Hochland des roten Planeten fotografierte. Dies dient jedoch nur als mehr schlechter als rechter Aufhänger für die Einblicke in die Arbeit der NASA bietende Geschichte um den von einer Art außerirdischem Gespenst besessenen Colonel Belt, der dieses von einer Weltraummission mitgebracht zu haben scheint und ihn zu destruktiven Handlungen zwingt. Mulder zitiert NASA-Kritik sowie diverse Verschwörungstheorien und erinnert in seinem Verhalten an Inspektor Columbo, wenn er einerseits auf beinahe kindliche Weise zu Belt aufschaut, ihn aber dennoch überführen muss. Auch die Explosion der Challenger wird thematisiert und mit den aktuellen Ereignissen in Verbindung gebracht. Die Folge entwickelt gleich zweimal Showdown-ähnliche Spannung, beim Neustart des Shuttles und bei der in letzter Sekunde befohlenen Notlandung. Recht einfach gehaltene, dennoch gruselige Überblend-Spezialeffekte bietet sie bei der Visualisierung des wie das Marsgesicht aussehenden Geists, dessen Äußeres Belt mehrmals annimmt. Die Handlung endet mit dem erschreckenden Tod Belts und bleibt ansonsten, was die Zusammenhänge mit der Felsformation und die Intention des Geists betrifft, sehr vage, lässt wie so oft viele Fragen offen. Eine trotz ihrer Außerirdischen-Thematik außerhalb der Rahmenmythologie stattfindende Folge, die gepflegten Science-Fiction-Mystery-Grusel bietet. 6,5/10

"Gefallener Engel (Fallen Angel)"
Staffel 1, Folge 10

Ein Ufo stürzt nahe einer US-Kleinstadt ab. Sofort versucht das Militär, den Vorfall zu vertuschen, evakuiert die Bevölkerung und kolporiert die vermeintlich geheime Information, eine lybische Maschine mit nuklearer Fracht wäre abgestürzt - um damit auch die schwerstwiegenden Verbrennungen, die einige Soldaten erlitten, zu erklären. Doch Mulders als "Deep Throat" bezeichneter Kontaktmann informiert den FBI-Agenten, woraufhin er zunächst auf eigene Faust ermittelt. Als er vom Militär aufgegriffen und inhaftiert wird, lernt er den ehemaligen NICAP-Mitarbeiter Max Fenig kennen, der angibt, vor einiger Zeit selbst ein Entführungsopfer durch Außerirdische geworden zu sein und seitdem wie besessen nach Beweisen sucht... Wie eine Art Wiedergutmachung für die etwas müde Folge "Signale" wirkt diese Episode der Rahmenhandlung auf mich, die erneut, diesmal jedoch wesentlich ansprechender und konsequenter verdeutlicht, wie gnadenlos Militär und gewisse Behörden jeglichen Beweis für außerirdisches Leben zu vertuschen versuchen. Die Außerirdischen in dieser Folge sind unsichtbar, jedoch mitunter schemenhaft zu erkennen. Sie verfügen über extrem starke Kräfte und sind kreuzgefährlich, was u.a. durch einige gelungene Spezialeffekte ersichtlich wird. Im bemitleidenswerten Max findet Mulder einen Verbündeten und als Scully ihn aus seiner Zelle befreien muss, sind sie bereits zu Dritt und wird die Handlung um die üblichen skeptischen Kommentare Scullys ergänzt. Nach einem spannenden und dramatischen Showdown endet die eigentliche Handlung dramatisch und auch für Mulder und Scully haben ihre ungenehmigten Nachforschungen unangenehme Konsequenzen. Der Ton wird rauer, das Tempo höher, die Begegnungen gefährlicher - wenn man auch am Schluss wieder mit leeren Händen dasteht, sind dies die Erkenntnisse, die sich aus diesem Fall ableiten lassen. 7/10

"Eve (Eve)"
Staffel 1, Folge 11

In Connecticut entdeckt ein kleines Mädchen seinen toten Vater - er hat Wunden am Hals und 75 Prozent seines Blutes verloren. Die FBI-Agenten Mulder und Scully untersuchen den Fall, als sich plötzlich das Gleiche im entfernten Kalifornien ereignet. Noch erstaunlicher ist, dass die Tochter des zweiten Opfers der des ersten wie ein Zwilling ähnelt. Dann verschwindet eines der Kinder. Die Agenten bewachen das verbliebene und kommen einer unglaublichen Geschichte auf die Spur... Diese Folge spielt mehrfach mit der Erwartungshaltung des Zuschauers: Hat es zunächst den Anschein, Vampire wären für die Morde verantwortlich, wird das einmal mehr reale Phänomen getöteter Rinder ins Spiel gebracht, das manch einer für Experimente von Außerirdischen hält - die sie nun möglicherweise auf Homo sapiens ausweiten. Doch weit gefehlt, überraschenderweise bekommt man es erstmals mit der im weiteren Verlauf der Serie immer wichtiger werdenden Thematik genmanipulierter menschlicher Klone zu tun und ab einem gewissen Punkt macht man auch keinen Hehl mehr daraus, dass die Mädchen die Mörderinnen sind. Mithilfe des mysteriösen Kontaktmanns "Deep Throat" kommen die Agenten einer unfassbaren Versuchsreihe mit genetisch optimierten, über mehr Chromosomenpaare verfügenden Klonen auf die Schliche, die u.a. ins Irrenhaus führt. Die unheimlichen Mädchen sehen so unscheinbar aus, doch haben etwas verschlagen Dämonisches an sich, das an den Science-Fiction-Klassiker "Das Dorf der Verdammten" erinnert. Wieder geraten Mulder und Scully selbst in Lebensgefahr und es ist im Prinzip nur einem Zufall zu verdanken, dass sie überleben. Trotz einiger Ungereimtheiten und den fast schon üblichen ungelärten Fragen ist "Eve" eine gelungene, spannende und faszinierende Folge, die in nur 42 Minuten mehrmals Achterbahn mit den Gefühlen der Zuschauer fährt und einige interessante Wendungen beinhaltet. 7/10

"Feuer (Fire)"
Staffel 1, Folge 12

Scotland Yard bittet FBI-Agent Mulder um Mithilfe, pikanterweise in Person Mulders ehemaliger nicht nur platonischer Studienfreundin Inspector Phoebe Green. Es dreht sich um einen Attentäter, der anscheinend mittels Gedankenkraft - Pyrokinese - ihm unliebsame Personen in Brand setzt und nun Gefahr läuft, einen britischen Diplomaten zu ermorden. Doch wer ist dieser Mann? Während das Team zusammen mit Agentin Scully ermittelt, zieht der Täter eine Brandspur hinter sich her und auch zwischen Mulder und seiner Ex-Freundin knistert es, bis die Funken sprühen - ein verdammt heißer Fall... Ein weiteres Rätsel aufwerfendes Phänomen greift diese Folge auf: Das der spontanen Selbstentzündung. Ursache sind hier die pyrokinetischen Fähigkeiten eines Mannes, deren Ursprung in seiner mysteriösen Biographie zu suchen sind, der jedoch nicht wirklich aufgeklärt wird. Noch weniger erfährt man leider über seine Motive, dafür aber, dass Mulder Angst vor Feuer hat, um der Folge zusätzliche Brisanz zu verleihen. Auf der einen Seite haben wir schwarzen Humor des Feuerteufels, harsche Bilder von Verbrennungsopfern sowie faszinierende Feuer-Stunts und -Spezialeffekte, auf der anderen die Dreier-Konstellation Mulder/Green/Scully. Während es zwischen Mulder und Green wieder funkt, scheint Scully dies unangenehm zu sein, evtl. machen sich erste Anzeichen von Eifersucht bemerkbar. Genial ist Greens fieser Scherz, der das Agenten-Duo mutmaßen lässt, sie säßen in einem mit Sprengstoff beladenen Auto und auch Mulder darf wieder den einen oder anderen amüsanten Spruch loswerden. Der Feuerteufel wird diabolisch und überzeichnet von Mark Sheppard auf ausgezeichnete Weise gespielt und dass man ihn auch noch mit Raketentreibstoff hantieren lässt, führt natürlich zu einem infernalen Ende, bevor der schwarze Humor im Epilog wieder aufgegriffen wird. Sehr unterhaltsame Folge mit einigen Drehbuchlücken. 7/10

"Die Botschaft (Beyond The Sea)"
Staffel 1, Folge 13

Zwei Studenten werden brutal überfallen und entführt. Die FBI-Agenten Mulder und Scully ermitteln in dem Fall, in den sich der zum Tode verurteilte Mörder Lee Boggs einklinkt und behauptet, seit einem Nahtod-Erlebnis telepathisch mit dem Mörder in Verbindung zu stehen. Für seine Informationen will er seine Todesstrafe in lebenslänglich umgewandelt bekommen. Der Fall wird überschattet vom plötzlichen Tode Scullys Vaters, den Boggs für sich auszunutzen versucht, indem er Scully manipuliert... Die dreizehnte Folge bedeutet Pech für Scully, denn ihr Vater stirbt an einem Herzinfarkt. Gleichzeitig stärkt die Folge ihr Profil und zeigt neue Seiten an ihr. Unter dem Eindruck ihres Verlusts stehend, öffnet sie sich Boggs' Behauptungen, der zudem vorgibt, auch Kontakt zu ihrem Vater aufnehmen zu können. Somit scheint sich die übliche Rollenverteilung umzukehren, denn Mulder glaubt Boggs kein Wort. Dessen Angaben jedoch führen tatsächlich zum Entführer, doch Mulder wird angeschossen, so dass Scully fortan auf sich allein gestellt ist und sich Mulders Warnungen um Trotz auf Boggs einlässt. Die spannend im Mystery-Thriller-Stil gestaltete Episode zwingt Brad Dourif als Lee Boggs zu herausragenden darstellerischen Leistungen und fordert erstmals auch Gillian Anderson schauspielerisch weit über das gewohnte Maß hinaus, gekrönt von atmosphärisch eingefangenen Bildern. Sie bweist, wie gut Anderson die emotionalere Ausrichtung ihrer Rolle liegt und bleibt in ihrem Umgang mit ihrer Trauer und den daraus resultierenden nicht ungefährlichen Entscheidungen glaubhaft. Gruselig inszeniert wurden ihre Visionen ihres Vaters nach dessen Tod, zudem werden vorsichtig Fragen nach Sinn und Unsinn von Todesstrafen aufgeworfen - und nicht alle Rätsel gelöst. Eine wichtige, besondere Folge der ersten Staffel, die sich insbesondere auf Scullys Charakterisierung konzentriert. 7,5/10

"Verlockungen (Gender Bender)"
Staffel 1, Folge 14

Ein Serienmörder geht um - oder handelt es sich um eine Serienmörderin? Die Opfer lassen sich jeweils von einer jungen Frau verführen, sterben anschließend ohne erkennbare Gewalteinwirkung und die Dame verwandelt sich in einen Mann. Die Ermittlungen der FBI-Agenten Mulder und Scully führen zu einer asketischen Gemeinschaft in Massachusetts, die sich "Kindred" nennt und an die Amish erinnert... Mit der Faszination, die von außerhalb der Gesellschaft nach eigenen Regeln lebenden Gemeinschaften ausgeht, arbeitet diese Folge, die die Kindred als mysteriöse, rätselhafte, evtl. gar gefährliche Asketen darstellt, die das eine oder andere Geheimnis hüten. Hinzu kommt das Spiel mit homophob-männlichen Ängsten vor unbemerktem gleichgeschlechtlichem Verkehr. Der Aufenthalt des Agenten-Duos im Dorf der Kindred hat seine Momente, zieht sich bisweilen aber auch arg in die Länge. Die Pointe fällt schließlich zwar überraschend, aber auch plump aus. Leider nur eine durchschnittliche Folge. 5/10

"Lazarus (Lazarus)"
Staffel 1, Folge 15

Zusammen mit ihrem langjährigen Vorgesetzten Jack Willis kann FBI-Agentin Dana Scully den Mörder und Bankräuber Dupre stellen. Doch dieser eröffnet skrupellos das Feuer auf Jack, bevor Scully ihn erschießen kann. Als der schwerverletzte Jack mittels Elektroschocks reanimiert wird, scheint die Seele des toten Dupre von Jacks Körper Besitz zu ergreifen. Im Körper des FBI-Manns beginnt er zunächst unerkannt einen Rachefeldzug... Die Seelenwanderung von einem Körper in den nächsten ist das Thema dieser Episode. Der Zuschauer darf beobachten, wie Scully & Co. langsam begreifen, was der Zuschauer schon lange weiß. Als Jacks und Dupres Seelen um den Körper zu kämpfen beginnen, wird auch das Phänomen multipler Persönlichkeiten angeschnitten, zudem wurde die Handlung um etwas Bonnie-und-Clyde-Kriminellenromantik angereichert. Die Momente mit Dupres nicht minder krimineller Freundin gehören dann auch zu den stärksten der Folge, die ansonsten leider reichlich unglaubwürdig und mitunter recht plump gestaltet wurde. Auf- und wieder abtauchende Tattoos an Jacks Körper, sich zwischenzeitlich gar komplett veränderndes Aussehen - irgendwie will das alles nicht so ganz in den "Akte X"-Kontext passen. Dass Scully am Ende selbst wieder einmal in Lebensgefahr gerät, sorgt auch nur leidlich für Spannung. Interessanter ist, ob es Jack gelingt, seine Persönlichkeit wiederzuerlangen, doch um wirklich mitfiebern zu können, hat man ihn zu oberflächlich charakterisiert. Ein weiterer Überraschungseffekt ist die Enttarnung des wahren Verräters, der Dupre bei der Polizei verpfiff, was zu den positiveren Aspekten der Folge gehört. Eine der schwächeren Folgen der ersten Staffel. 5/10

"Ewige Jugend (Young At Heart)"
Staffel 1, Folge 16

Der Mörder John Barnett ist tot - so glaubt nicht nur Mulder, der ihn vor vielen Jahren als junger Ermittler verhaftete. Gerade diesen Fall wird Mulder nie vergessen, denn er macht sich Vorwürfe, damals nicht schnell genug eingegriffen und Barnett so die Möglichkeit gegeben zu haben, weitere Menschen umzubringen. Im Gerichtssaal schwor Barnett Rache an Mulder und nun scheint er zurück zu sein, um perfide Spielchen mit Mulder zu spielen und ihm immer näher zu kommen - doch wie kann das sein...? Nach zuletzt schwächeren Folgen liefert "Ewige Jugend" wieder Qualität. Im Stile eines Mystery-Thrillers mit Mad-Scientist-Anleihen wird Mulder mit einem "Geist" aus seiner Vergangenheit konfrontiert und muss sich dadurch einem unverarbeiteten Trauma stellen. Der aus dem Prolog resultierende Wissensvorsprung des Zuschauers erschöpft sich darin, dass ein Gefängnisarzt irgendetwas mit Barnett angestellt hat. Als der mit KZ-"Arzt" Mengele verglichene Doktor schließlich wieder auftaucht, vollzieht die Handlung einen Schlenker und greift die seltene, schreckliche Krankheit auf, die Kinder in Rekordzeit vergreisen lässt. Auf diesem Gebiet forschte der ehrgeizige Arzt und benötigte menschliches Versuchsmaterial, was er u.a. in Barnett fand, der seit einer Handinfektion mit einer Art Reptilienhand herumläuft. Mulders Vergangenheitsbewältigung vermischt sich hier mit Fragen nach medizinischer Ethik, fragwürdigen Experimenten, der menschlichen Sehnsucht danach, den eigenen Alterungsprozess aufhalten oder gar zurückdrehen zu können und der spannend inszenierten Angst vor einem phantomhaften Killer. All dies vermengt die Folge zu einem dramaturgisch fein abgeschmeckten Cocktail, der auf einen Showdown mit einer aufopferungsvollen Scully hinsteuert, bei dem einem auch schon mal die Spucke wegbleiben kann. Einige hübsch eklige Make-up-Effekte und ein nachdenklicher Epilog veredeln diese weitestgehend sehr gut gelungene Episode, die vielleicht lediglich etwas zu viel auf einmal will. 7,5/10

"Täuschungsmanöver (E.b.e.)"
Staffel 1, Folge 17

Die irakische Luftwaffe schießt ein Ufo ab. Eine US-Spezialeinheit birgt es und transportiert das außerirdische Wesen durch die USA - in einem herkömmlichen Lkw und damit perfekt getarnt. FBI-Agent Mulders Informant "Deep Throat" informiert ihn darüber, woraufhin er sich mit Kollegin Scully auf die Suche nach dem Außerirdischen macht... Eine Schlüsselposition innerhalb der ersten Staffel nimmt auch diese Folge ein, in der Mulder dem Informanten so nah kommt wie nie zuvor, er erstmals seine Nerd-Freunde, die "einsamen Schützen", in einen Fall involviert und zum ersten Mal der CIA als verbrecherische Organisation benannt wird - von Mulders Freunden unverhohlen als "bösartigste Macht des 20. Jahrhunderts" bezeichnet. Auf recht angenehme Weise lockert das nerdige und verschwörungstheoretische Trio die ansonsten ernste Episode auf, deren Haupthandlung zahlreiche Haken schlägt, bis die Ermittler nicht mehr wissen, was und wem sie glauben können. Bewusst werden Falschinformationen gestreut und die titelgebenden Täuschungsmanöver gefahren - und dennoch gelingt es Mulder, zu einer persönlichen Unterredung mit dem Informanten in ein geheimes Militärgebäude einzudringen. Die Rahmenmythologie wird ein gutes Stück vorangebracht und zu den bereits erwähnten kritischen Nebentönen gesellt sich die Erwähnung des Golfkriegssyndroms, unter dem zahlreiche US-Soldaten zu leiden hatten, nachdem sie im Krieg um Öl verheizt worden waren. Das Tempo ist hoch, doch am Ende war's vielleicht doch die eine Wendung zu viel und der Verzicht auf sämtliche Schauwerte gehört zwar offensichtlich zum Konzept der Folge, ist aber dennoch etwas schade. Dennoch: richtig gute 7/10.

"Der Wunderheiler (Miracle Man)"
Staffel 1, Folge 18

Samuel Hartley ist ein Wunderheiler, der Kranke durch Handauflegen heilen, ja, sogar Tote wieder zum Leben erwecken kann. Begleitet wird er von einem Prediger und einen Brandopfer, dem er als Kind zu neuen Leben verhalf, nachdem dieser schon im Leichensack lag. Doch in letzter Zeit sind drei Menschen gestorben, nachdem Samuel sie berührt hatte - hat er seine Kräfte verloren? Oder ist er ein Scharlatan und Mörder? Die FBI-Agenten Mulder und Scully gehen der Sache in Tennessee auf den Grund... Wunderheiler und eifernde Prediger sind Gegenstand dieser Episode, die mit beiden Themen ungewöhnlich verfährt - denn beide gehören tatsächlich zu den Guten. Interessant ist es, nach dem Prolog aus Samuels Kindesalter ihn als jungen Erwachsenen kennenzulernen, der sich gern in Kneipen herumtreibt und raucht. Die Skepsis, die ihm auch seitens des FBI-Duos entgegenschlägt, nimmt man zum Anlass, erneut auf Mulders Kindheitstrauma von der Entführung seiner Schwester einzugehen. Die Folge bleibt weitestgehend unvorsehbar und dadurch spannend, spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, da das typisch US-amerikanische, befremdliche Predigertum aufs Korn genommen, aber nicht ausdrücklich verurteilt wird. Nach der Auflösung der Geschehnisse in angenehmer Krimi-Manier wird es dann erstmals etwas gruselig, als die eigentliche Pointe folgt, die den christlich-mythologischen Aspekt der Handlung auf die Spitze treibt. Gelungene, nicht ganz ernst zu nehmende Okkult-Mystery, aufgelockert durch einige augenzwinkernde Sprüche Mulders. 7/10

"Verwandlungen (Shapes)"
Staffel 1, Folge 19

Farmer Jim Parker erschießt ein ihn nachts angreifendes Untier in Notwehr. Doch bei näherer Betrachtung erweist sich der tote Angreifer als Indianer - ausgerechnet einer derer, mit denen Jim Streit um Ackerland hatte. FBI-Agent Mulder findet jedoch Anzeichen von Lycanthropie und stößt zusammen mit Scully auf eine alte Indianerlegende, die zu glauben seiner rationalen Kollegin schwerfällt... "Akte X" greift mit dieser Episode die klassische Werwolf-Thematik auf und verknüpft diese auf sehr ansprechende, mystische Weise mit der Mythologie amerikanischer Ureinwohner sowie sozialen Fragen wie dem Rassismus Weißer ggü. "Rothäuten" und deren Benachteiligung. Atmosphärisch trumpft die Folge mit ihrer indianischen Folklore auf und vermittelt sowohl das Gefühl von Lagerfeuer-Gemütlichkeit als auch latenter Bedrohung. Diese schlägt schließlich noch einmal in eine offene um und das visuelle Herzstück jeglicher Werwolffilme, die Verwandlungsszene, ist prima gelungen. Sogar Fragen nach Erbschuld und Sühne werden angeschnitten, ohne dass das Tempo hastig oder die Handlung überladen werden würde. Eine richtig gute bis sehr gute Folge, die mit einer nicht ungefähren Melancholie und Sehnsucht nach Freiheit einhergeht. 7,5/10

"Der Kokon (Darkness Falls)"
Staffel 1, Folge 20

In Oregons Wäldern liefern sich Holzfäller und Umweltschützer Auseinandersetzungen. Als zwei Holzfäller tot in einen riesigen Kokon eingesponnen gefunden werden, geraten die Umweltschützer in Mordverdacht - doch die wahre Ursache sind winzige, prähistorische Insekten, die beim illegalen Fällen eines uralten Baumes reanimiert wurden... Zu den herausragenden Episoden der ersten Staffel zählt zweifelsohne "Der Kokon", die klassischen Öko-Horror höchst stilvoll mit klaustrophobischer Atmosphäre sowie gelungenen Spezial- und Make-up-Effekten vereint und - was ja nicht gerade der Regelfall ist - auch eine nachvollziehbare, schlüssige Erklärung anbietet. In den tiefen Wäldern kommt es neben weiteren Todesopfern zu lebensgefährlichen Erfahrungen für die Agenten Mulder und Scully, die spannungsgeladen inszeniert werden. Zudem bleibt manch Rolle ambivalent und dadurch auch dramaturgisch interessant. Eine perfekte Genrefolge; nie zuvor wurden Glühwürmchen derart gruselig in Szene gesetzt! 8/10

"Ein neues Nest (Tooms A.k.a. Squeeze II)"
Staffel 1, Folge 21

Eugene Victor Tooms wird vor Gericht freigesprochen - es gibt keinerlei Beweise, dass er tatsächlich eine Art genetische Mutation ist, die ihn alle 30 Jahre aus tiefem Schlaf erwachen und mehrere Leute ermorden lässt, um deren Leber zu verzehren. FBI-Agent Mulders entsprechenden Aussagen schenkt man keinen Glauben. Doch dieser glaubt, dass sich Tooms in Kürze ein weiteres Opfer suchen wird und observiert ihn - ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten... Tooms kennt man bereits aus der dritten Folge; ihm wurde die seltene Ehre zuteil, als "Monster of the Week" in mehreren Episoden der Serie aufzutauchen. Keine schlechte Idee, denn das Ende blieb seinerzeit offen und es handelt sich um einen wahrlich schauderhaften Charakter, der durchaus das Potential für eine Fortsetzung in sich birgt. Es ist interessant, einmal zu sehen, wie Agent Mulder vor Gericht ohne jede Scheu seine natürlich höchst sonderbar klingenden Erkenntnisse über Tooms schildert und es mutet verständlich an, dass Tooms daraufhin in die Freiheit entlassen wird. Dieser pendelt die Handlung über zwischen in sich ruhend, beinahe autistisch wirkend und höchst bedrohlich, wenn sich seine Augen gelb verfärben, sich seine Gliedmaßen verformen (wenngleich man auf diesen Effekt gern häufiger hätte zurückgreifen dürfen), er Witterung nach frischer Leber aufnimmt oder in dunklen Ecken seiner Opfer harrt. Beeindruckende schauspielerische Leistungen gehen einher mit effektiver Make-up-Arbeit, woraus sich wahrhaftiger Grusel generiert. Darüber hinaus knüpft diese Folge auch an die Rahmenhandlung an, wenn sich Agentin Scully vor Assistant Director Skinner verantworten muss, der in dieser Folge als neuer Charakter eingeführt wird und mit der Arbeit an den X-Akten nicht sonderlich einverstanden ist. Mit anwesend ist derweil der "Raucher", der in dieser Episode seine ersten Worte spricht. Eine weitere herausragende Folge, die zudem wichtig für die Kontinuität der Serie ist. 8/10

"Wiedergeboren (Born Again)"
Staffel 1, Folge 22

Die neunjährige Michelle Bishop wird allein auf der Straße aufgegriffen und zur Polizei gebracht. Doch als sie dort ein Polizist befragen will, stürzt er wie aus dem nichts aus dem Fenster. War es Selbstmord? Ein weiterer Polizist stirbt auf mysteriöse Weise und die FBI-Agenten Mulder und Scully untersuchen die Todesfälle, die eine Verbindung zu einem neun Jahre alten Mord aufzuweisen scheinen... Psycho-/Telekinese, Reinkarnation und Rache aus dem Jenseits - das sind die Themen dieser Mystery-Krimi-Folge, die ein zunächst unscheinbares kleines Mädchen in den Mittelpunkt stellt und in einigen wenigen Momenten durchaus gruselig inszeniert. Es ist kaum ein Spoiler, wenn ich schreibe, dass Michelle die mit übersinnlichen Kräften ausgestattete Reinkarnation eines Mordkomplottopfers ist, das die an seinem Tod Beteiligten nach und nach konsequent zur Rechenschaft zieht. Dies ist nämlich schon früh klar; die Spannung entsteht vielmehr aus der Frage danach, was genau sich denn seinerzeit zugetragen hat und welche die Motive waren. Eine eher durchschnittliche Folge, die die menschliche Sehnsucht nach später Genugtuung und Gerechtigkeit anspricht, sich jedoch gar nicht erst an Erklärungen versucht, wie das Mordopfer seine Wiedergeburt als Supergirl bewerkstelligt hat. 5,5/10

"Roland (Roland)"
Staffel 1, Folge 23

In einem Washingtoner Forschungslaboratorium kommen zwei Wissenschaftler ums Leben, die an einem neuartigen Flugzeugmotor arbeiteten. Jeweils einzige anwesende Person war der geistig behinderte Hausmeister Roland. Doch auf geheimnisvolle Weise werden die Formelberechnungen etc. des Projekts fortgeführt - aber von wem? Als die FBI-Agenten Mulder und Scully sich einschalten, führt die Spur auf wundersame Weise zum vor kurzer Zeit bei einem Autofunfall um Leben gekommenen Forscher Arthur Grable - Rolands eineiigem Zwillingsbruder, wie sich herausstellt... Über interessante halbwissenschaftliche Ausführungen zu Themen wie Autismus, Zwillinge, geistige Hochbegabungen und Zurückgebliebenheit entspinnt sich eine der vorausgegangenen Folge nicht unähnliche Handlung zu Rache aus dem Jenseits und Telepathie, angereichert mit der nun wirklich unvorhersehbaren Geschichte eines in flüssigem Stickstoff aufbewahrten Kopfes, wie es angenehm an naivere Science-Fiction-Storys vorheriger Jahrzehnte erinnert und später z.B. von "Futurama" humoristisch aufgegriffen wurde. Eine zwischenzeitlich etwas dröge erzählte und mit einigen hektisch geschnittenen Erinnerungsfetzen ausgeschmückte Episode, die aber über einige starke Momente verfügt und Željko Ivanek in einer beeindruckenden Doppelrolle zeigt, die er im Falle Rolands allerdings am Rande zur Karikatur geistig Behinderter spielt. 6/10

"Das Labor (The Erlenmeyer Flask)"
Staffel 1, Folge 24

In Maryland flieht ein Mann vor der Polizei, entwickelt übermenschliche Kräfte, reagiert nicht auf Schüsse und verschwindet im Meer. Am Ufer bleibt eine grüne Flüssigkeit zurück - sein Blut? FBI-Agent Mulder wird vom "Deep Throat" genannten Kontaktmann aufgesucht und gebeten, an diesem Fall dranzubleiben. Tatsächlich kommen Scully und er Experimenten mit außerirdischer DNA auf die Spur, die an Menschen durchgeführt wurden... Im ersten Staffelfinale wird die Rahmenmythologie rasant vorangetrieben. Die Handlung spricht erstmals offen von Alien-Mensch-Hybriden und geizt auch nicht mit entsprechenden Visualisierungen, für die die Make-up-Abteilung ganze Arbeit leistete. Die Narrative schlägt vielleicht den einen oder anderen Haken zu viel, aber das Konzept, auf spektakuläre Entdeckungen, gern auch nach Actionszenen, das Verschwinden von Beweismitteln folgen zu lassen und die paranoide Atmosphäre, einer großangelegten, undurchsichtigen Verschwörung staatlicherseits ausgeliefert zu sein, gehen hier voll auf. Mit "Deep Throat" muss überraschend ein wichtiger Charakter die Serie verlassen und der Cliffhanger, der die Schließung der X-Akten suggeriert, ist der vermutlich bestmögliche für das Ende der ersten Staffel. Eine weitestgehend wirklich gut gelungene Episode, die die Rahmenhandlung entscheidend fortführt und ein würdiges Ende der Staffel darstellt. 7/10

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