„Der Kampf (1) (My Struggle)”
Staffel 10, Folge 1
Überraschung! Nachdem der unbeliebte zweite „Akte X“-Spielfilm, satte sechs Jahre nach dem eigentlichen Serienabschluss nachgereicht, auch schon wieder acht Jahre auf dem Buckel hat, setzte man die Serie doch tatsächlich noch mit sechs Folgen fort und knüpft mit den gealterten Originalschauspielern an die bewährte Verschwörungsthematik der serienumfassenden Rahmenhandlung an:
TV-Moderator Tad O’Malley ist begeisterter Verschwörungstheoretiker und stellt über FBI-Mann Walter Skinner den Kontakt zu den ehemaligen FBI-Agenten und Zuständigen für die X-Akten Dana Scully und Fox Mulder her. Er macht sie mit der jungen Sveta bekannt, die ungewöhnliche Male am Bauch aufweist und angibt, mehrmals von Außerirdischen entführt worden zu sein. Ferner trage sie außerirdische DNA in sich. An einem abgelegenen Ort beschäftigen sich die ehemaligen Ermittler mit O’Malleys Theorien und Sveta. Doch O’Malley hat noch weitere brisante Informationen und Kontakte parat…
Die erste Episode der neuen Mini-Staffel verwirrt zunächst mit Mulders neuerlichen Zweifeln, von der geheimen Regierungsverschwörung lediglich an der Nase herumgeführt worden zu sein, es also eigentlich gar keine Außerirdischen gäbe. Diese Handlungswendung wurde eigentlich zur Genüge innerhalb der alten Serie abgehandelt und wer diese kennt, muss sich fragen, wie all das, was innerhalb ihrer mit damals als tatsächlich existierend charakterisierten Außerirdischen geschehen ist, nun doch wieder für null und nichtig erklärt werden kann. Parallel zur aktuellen Entwicklung verläuft eine in den 1940ern angesiedelte Rückblenden-Handlung, die den Absturz eines außerirdischen Raumschiffs in Roswell zeigt und damit inkl. passablem CGI-Einsatz den Ursprung der Verschwörung nachzeichnet. Die in dieser Folge gelieferte mögliche Antwort erscheint nicht nur reichlich überhastet, sondern auch unbefriedigend und steht in Verbindung mit einer Art Best- respektive Worst-of-Verschwörungstheorien-Superverschwörungstheorie, die vom 9/11-Inside-Job über Chemtrails bis hin zu elitären Weltherrschaftsplänen einen Großteil dessen zusammenzuwürfeln scheint, was heutzutage von fragwürdigen Persönchen gern ohne Rücksicht auf Verluste kolportiert wird. In diese Kerbe schlägt auch O’Malley, dessen „konservative Gesinnung“ vermutlich deshalb explizit erwähnt wird, um es möglichst vielen recht zu machen und ein möglichst breites Publikum zu erreichen, statt sich dem Verdacht auszusetzen, autoritätskritisches Fernsehen für eine linksliberale o.ä. Minderheit zu machen. So ist O’Malley dann auch jemand von der Sorte, von der ein vernunftbegabter Mensch sich weder einen Gebrauchtwagen noch einen Handyvertrag andrehen lassen würde und man kann nur hoffen, dass seine Rolle damit nicht bereits voll ausgearbeitet wurde und er als eine Art Sympathieträger oder Identifikationsfigur dienen soll. Ich habe zudem ein Problem mit dieser Folge, weil sie im Gegensatz zu den damals als revolutionär und fortschrittlich aufgefassten, weil zu höherer Vorstellungskraft und Freidenkertum sowie einer kritischen Haltung gegenüber staatlichen Autoritäten aufrufenden, Originalserie, die Millionen von Menschen vermutlich erst dazu gebracht hat, sich gedanklich mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, nicht allein im All zu sein, zumindest den Anschein erweckt, als würde sie aktuellen Entwicklungen hinterherlaufen und irren, debilen Wirrköpfen nach dem Mund zu reden, die das Internet mit ihrem bedenklichen Blödsinn zukleistern und nichts mehr mit der nerdigen, leicht verschrobenen, aber irgendwie sympathischen Klientel zu haben, die damals sicherlich als Inspiration diente. Wie dem auch sei: Todesfälle gibt es bereits in dieser Folge unschöne, die düstere, unerquickliche, geheimnisvolle Stimmung entfaltet sie umgehend, als wäre es eine Fingerübung, selbst CGB Spender ist von den Toten auferstanden, raucht immer noch und bevor ich hier die noch junge Staffel mit Vorurteilen überschütte, warte ich lieber die weitere Entwicklung ab.
Nachtrag: 4/10
„Gründer-Mutation (Founder’s Mutation)”
Staffel 10, Folge 2
Hochfrequenztöne und unheimliche Stimmen, die nur er hört, treiben einen Wissenschaftler des Goldman-Instituts in den Selbstmord. Scully und Mulder versuchen, den Ursachen auf den Grund zu gehen und stoßen auf geheime Genexperimente an Kindern, die anscheinend beim einen oder anderen zu übermenschlichen Fähigkeiten geführt haben. Bis die Spur zu einem der Probanden und dessen Schwester führt, gibt es weitere Tote… Das beliebte „Akte X“-Motiv der Experimente an ungeborenem Leben greift diese zweite Episode der zehnten Staffel auf und fällt dabei trotz entschleunigtem Erzähltempo grafisch recht offensiv aus: Sie zeigt verstörende Bilder entstellter Kinder, blutige Selbstverstümmelungen etc., wenngleich Zuschauer von Pro7 und ORF nicht die ganze Palette dieser Spezialeffektkunst zu sehen bekommen: Beschämenderweise wurde die Folge gekürzt. In Gänze erhalten geblieben dürften hingegen die Rückblenden zu Ereignissen aus der Kindheit Williams, Scullys Sohn, geblieben sein, die angenehm unheimlich ausfallen. So richtig spannend ist diese Folge nicht, weiß jedoch doch schon besser zu gefallen als der Staffelauftakt und bietet gediegenen Science-Fiction-Grusel mit einigen deftigen Bildern. 6/10
„Mulder und Scully gegen das Wer-Monster (Mulder And Scully Meet The Were-Monster)”
Staffel 10, Folge 3
Nach einer Reihe unaufgeklärter Mordfälle wollen zunächst zwei Klebstoffschnüffler im Wald und schließlich eine Prostituierte eine echsenartige Kreatur gesehen haben. Nachdem auch die FBI-Agenten Mulder und Scully mit dem Echsenmenschen konfrontiert werden und eine Leiche mit aufgerissener Kehle finden, ermitteln sie mit Nachdruck in diesem Fall. Die Spur führt zu einem Smartphone-Verkäufer, der sich schlicht „Guy“ nennt und offenbar zwischen menschlichem Erscheinungsbild und Echsen-Humanoid wechselt... Das ist sie also, die Monsterfolge der neuen Staffel, auf die manch Fan am stärksten gespannt war. Sie zeigt zunächst einen mürrischen Mulder, der sich beim Wühlen in alten Akten die Sinnfrage stellt, da viele vermeintliche Monstersichtungen längst als harmlose Scherze o.ä. aufgeklärt wurden. Anders verhält es sich jedoch im neuen Fall, denn das Echsenmonster ist allen anfänglichen Zweifeln zum Trotz real. Die als Komödie konzipierte Episode lässt Mulder u.a. mit seinem Smartphone kämpfen und führt den Zuschauer gleich mehrmals aufs Glatteis, denn nach gruseliger Einführung des Monsters – wunderbar altmodisch ein Mensch im begnadet geschneiderten Kostüm – spielt die unvorhersehbare Handlung gewitzt mit der Erwartungshaltung des Publikums. So erscheint das vermeintliche Monster mit der Zeit immer harmloser und entpuppt sich nicht als Mensch, der sich in ein Echsenwesen verwandelt, sondern umgekehrt: Seit einem Menschenbiss ist der bedauernswerte Echserich dazu verdammt, sich immer wieder in einen Durchschnitts-US-Amerikaner zu verwandeln, inkl. den absurden Bedürfnissen, Krawatten zu tragen, einer geregelten Arbeit nachzugehen, Junkfood in sich hineinzustopfen, sich stumpfsinniger Unterhaltung hinzugeben und sich einen Hund für wenigstens ein bisschen Lebensfreude anzuschaffen – um über dessen Verlust umso inbrünstiger zu trauern. Dies gipfelt in wunderbar zivilisationskritischer bis geradezu philosophischer Satire, die großen Teilen der Gesellschaft aus „Monster“sicht den Spiegel vorhält und ihren Höhepunkt in ausführlichen Dialogen mit Mulder findet, der zuvor einen nicht minder köstlichen Monolog gegenüber Scully hielt, welcher wiederum ihre typische Rolle in der Serie parodiert. Aufs Korn genommen werden ferner die Smartphone-Branche (offensichtlich teilt man am „Akte X“-Set meine Verwunderung darüber, wie jemand freiwillig Handyverkäufer werden kann), allzu neugierige Pensionsportiers und psychopharmakaabhängige Psychologen. Eine für die Serie außergewöhnliche Episode, die alte Werwolf-Legenden auf den Kopf stellt und einen äußerst sympathischen Humor offenbart, den ich nach ein paar wenigen eher müden Gags zu Beginn nicht für möglich gehalten habe. In einer solchen Folge sind dann auch eine angedeutete Sexszene mit Scully im Handyshop, ein sich auf dem Friedhof betrinkender Mulder und ein nackter Mann, der dem Agenten im Wald die Hand schüttelt, möglich. Beste Unterhaltung, die wenn sie in einer Tradition steht, dann in der, den „Akte X“-Zuschauer gern mal mit vollkommen aus dem Rahmen fallenden Episoden zu überraschen und sich nicht vor Komik zu scheuen, sondern sich im Gegenteil mit viel Selbstironie auf die Schippe zu nehmen zu verstehen. Und endlich habe ich mich auch halbwegs an Mulders neue Synchronstimme gewöhnt. 8/10
„Heimat (Home Again)”
Staffel 10, Folge 4
Der geheimnisvolle „Nasenpflastermann“ reißt diverse Menschen in Stücke, die für die Gentrifizierung eines von vielen Obdachlosen bevölkerten Stadtviertels mitverantwortlich sind. Die Spur der FBI-Agenten Mulder und Scully führt zum Graffiti-Künstler Trashman... Die Vertreibung Alteingesessener durch fragwürdige Stadtteil„aufwertungen“ ist Thema dieser interessanten Folge, die zudem Umweltschutzaspekte aufgreift und damit scharfes soziales Bewusstsein beweist. Angereichert wurde die Folge jedoch mit reichlich Rührseligkeit, als Scullys Mutter stirbt und Rückblenden abermals die Thematik um Scullys Sohn berühren. Die Attacken des matschgesichtigen Rächers, der sich auf der Ladefläche eines Müllwagens durch die Stadt bewegt, sind dafür zumindest teilweise reichlich explizit ausgefallen und die visuellen Höhepunkte dieser spannenden und unheimlichen Episode, die zudem mit ihrem düsteren Ambiente punktet. Mit dem kopftätowierten Trashman führt man dann auch einen ungewöhnlichen Charakter ein, der von niemand Geringerem als Tim Armstrong, Mitglied der erfolgreichen US-Punkband „Rancid“, verkörpert wird – wenngleich die Geschichte um die Erschaffung des „Nasenpflastermanns“ eher abstrus erscheint. Der tolle Schnitt sorgt aber für eine schöne Dynamik und unterm Strich zählt auch „Heimat“ zu den gelungenen Beiträgen der zehnten Staffel. 7/10
„Babylon (Babylon)”
Staffel 10, Folge 5
Zwei Islamisten verüben ein Selbstmordattentat in einer texanischen Galerie. Doch einer von beiden muss noch etwas auf seine 72 alten Jungfern warten, denn er hat schwerverletzt überlebt, ist aber quasi hirntot. Dennoch versuchen die FBI-Agenten Mulder und Scully zusammen mit ihren jüngeren Kollegen Agent Miller und Agentin Einstein, Informationen aus ihm herauszukitzeln, um weitere Anschläge zu verhindern: Scully probiert einen Gehirnscan, während Mulder psychoaktive Pilze, sog. Magic Mushrooms, schluckt, um eine verborgene Kommunikationsebene zu aktivieren... „Babylon“ widmet sich terroristischem Islamismus, ohne wirklich auf Ursachenforschung zu gehen. Direkt zu Beginn erschreckt man den Zuschauer mit den deftigen Spezialeffekten bei der Bombenexplosion inkl. brennender Menschen, bevor man mit Miller und Einstein zwei Agenten einführt, die wie eine junge Variante Mulders und Scullys wirken. Die verschiedenen Methoden, mit dem Attentäter, auf dessen reichlich zerstörten Körper die Kamera immer wieder draufhält, in Kontakt zu treten, werden zunächst von Kompetenzgerangel behindert und warum man ausgerechnet ihn weiter am Leben halten will, stößt auf einiges Unverständnis. Herzstück der Folge ist Mulders skurriler, minutenlang visualisierter Pilzrausch, der auch einigen Anlass zum Schmunzeln bietet. Nicht wirklich klar wurde mir jedoch, was es mit dem angeblichen Placebo-Effekt auf sich gehabt haben soll – das erscheint mir doch reichlich weit hergeholt. Die Dialoge sind zum Ende hin zunehmend beeinflusst von religiöser Mythologie und zeigen ein nachdenkliches Entwickler-Duo, ohne es zu übertreiben. Insgesamt eine schöne Folge, die m.E. lediglich an ihrer einmal mehr reichlich abstrusen Lösung des Falls krankt. Die Einführung des neuen Duos Miller/Einstein wiederum bietet Anlass zu Spekulationen über eine mögliche Fortführung der Serie mit eben diesen beiden in den Hauptrollen – evtl. abhängig vom Publikumserfolg dieser zehnten Staffel, die mit ihren lediglich sechs Folgen ohnehin wie eine Art Appetitanreger bzw. Testballon wirkt…? 7/10
„Der Kampf (2) (My Struggle II)”
Staffel 10, Folge 6
Mit der sechsten Episode endet die zehnte Staffel dann auch schon wieder, und zwar, indem man an ihren Beginn anknüpft: Journalist Tad O’Malley verbreitet nunmehr per YouTube seine Verschwörungstheorien – und soll mit ihnen Recht behalten: Das Immunsystem der Menschen wurde systematisch und vorsätzlich zerstört, lediglich diejenigen, denen außerirdische DNA injiziert wurde, zählen zu den Auserwählten, die überleben können. FBI-Agentin Scully zählt dazu, ihr Kollege Agent Mulder jedoch nicht… Nach einer Zusammenfassung der Staffelauftaktereignisse ruft eine Rückblende in Scullys Arbeit seit ihrem schicksalhaften Zusammentreffen mit Mulder in Erinnerung, dass seinerzeit mit außerirdischer DNA an ihr experimentiert wurde und sie einen Sohn hat. In der Folge bekommt man es noch einmal mit CGB Spender zu tun, der seine Verbrennungen schwerverletzt überlebt hat und seither ein künstliches Gesicht trägt, was zu einigen wenig appetitlichen Bildern führt, und direkt durch den Kehlkopf raucht. Ein richtiges Motiv für die Auslöschung der Menschheit mit wenigen Ausnahmen kann er jedoch nicht liefern, gut, kann ja auch nicht einfach sagen: „Hey, es ist das (erneute) ‚Akte X‘-Finale!“ FBI-Agentin Monica Reyes gibt sich ebenfalls ein überraschendes Stelldichein und darf ggü. Scully ihren Verrat erklären, und der Vorgesetzte Skinner fehlt ebenso wenig wie die in der vorherigen Episode eingeführten neuen Charaktere der Agenten Einstein und Miller. Fieberhaft versucht man nun also, das Massensterben aufzuhalten, während sich Mulder eine mittels einiger technischer Hilfsmittel aufgepeppten, deftigen Schlägerei-Choreographie liefert. O’Malley hustet sich derweil durch seinen von immer mehr Störungen gebeutelten Web-Videokanal. Leider ist die mit dem Staffelauftakt begonnene und in den weiteren Folgen glücklicherweise nicht mehr aufgegriffene Rahmenhandlung noch immer Humbug, der nichts mehr mit den guten alten Hypothesen zu von Regierungskreisen verschleierten Besuchern aus dem All und paranormalen Phänomenen zu tun hat, sondern mit Pockenimpfung und Chemtrails die Verschwörungstheorien aufgreift, die sich besonders in Zeiten sozialer Internet-Netzwerke durch zahlreiche Aluhutträger rasend verbreitet haben – es fehlt eigentlich nur noch Fluor im Trinkwasser. Das ist „Akte X“ light für Doofies und nervt bereits so omnipräsent, dass ich nicht auch noch in einer (ehemals) so intelligenten Serie damit konfrontiert werden möchte. Die Ende der Welt wird auch reichlich holterdipolter abgespult, ohne wirklich viel zu zeigen oder das Gefühl zu vermitteln, es sei nun wirklich soweit – und endet noch vor der großen Apokalypse abrupt mit, ja, tatsächlich einem Cliffhanger. Das hätt’s nun wirklich nicht gebraucht. Man hätte besser daran getan, aus diesen sechs Folgen eine Art Best of verschiedener „Akte X“-Charakteristika zu machen und die zuvor ja bereits ausladende Rahmenhandlung weitestgehend ruhen zu lassen, statt ihr ein Worst of anzufügen. Bleibt abzuwarten, ob man es dabei belassen oder die Agenten Einstein und Miller in einer neuen Staffel, einem Spielfilm oder einem Spin-Off doch noch die Welt retten lassen wird... 4/10