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Staffel 10

Staffel 10

Ist das nun Austesten der Marktlage oder ein hübsch kompakt geschnürtes Fanpaket zum endgültigen Abschied? Das schreiend offene Cliffhanger-Finale der Miniserie, auch Staffel 10 genannt, spricht klar für erstere Möglichkeit, denn hätte man nur noch ein letztes Mal in nostalgischen Gefühlen schwelgen wollen im Wissen, nie wieder zurückzukehren, wäre man mit dem Sechsteiler wohl anders umgegangen.

Andererseits ist der Best-Of-Faktor recht hoch anzusiedeln. Nicht nur werden allerhand beliebte Nebenfiguren reaktiviert, auch die charakteristischen Episodentypen werden allesamt reflektiert; so steht "Mulder and Scully Meet The Were-Monster" klar in Tradition der Ulk-Horrorstories mit Groschenroman-Charakter, vollgestopft mit Selbstironie und Easter Eggs; "Founder's Mutation" zielt auf die Unsichtbarkeit dessen ab, wonach insbesondere Mulder sein Leben lang gejagt hat, derweil "Home Again" mit seinen "Terminator"-Anleihen (ein von Blitzen begleiteter Müllwagen bei Nacht) das Monströse betont, die Manifestation des Fleisches aus dem Nichts und sein ebenso schnelles Verschwinden. Dann tauchen noch Lauren Ambrose und Robbie Amell in der Episode "Babylon" als Agents Einstein und Miller auf, um Mulder und Scully einen Zerrspiegel vorzuhalten, so wie auf deutlich subtilere Weise bereits einst in Staffel 8 und 9 geschehen, als Annabeth Gish und Robert Patrick das Verschwinden von David Duchovny aus dem Cast kompensieren sollten. Zur Einrahmung der Monster-Of-The-Week-lastigen Mittelepisoden dient dann die Zange aus "My Struggle" Teil 1 und 2; hier frönt Carter der Hauptmythologie der Serie und knüpft gewissermaßen die Fäden.

Gleichwohl erweisen sich ausgerechnet diese als Schwachpunkte des Comebacks. Dass hier eine mehr als 20 Jahre alte Serie wiederbelebt wird, spürt man an der längst nicht mehr zeitgemäßen Inszenierung einer Regierungsverschwörung. Die Serie scheint auf nicht ausschließlich positive Art und Weise in ihrer Zeit stehen geblieben zu sein und zollt dem technischen wie gesellschaftlichen Fortschritt der letzten beiden Dekaden allenfalls durch selbstironische Kommentare Mulders ein wenig Tribut, was die wilden Thesen des Mannes, der schon in den 90ern als Dinosaurier galt, noch absurder als ohnehin erscheinen lässt.

Was zwischen Episode 1 und 6 geschieht, lässt jedoch für eine potenzielle Zukunft hoffen, denn hier retten die Originalautoren ein Relikt des alten Fernsehens aus der Zeit vor der Goldenen TV-Ära vor dem Zerfall und liefern es wenigstens noch zur Begutachtung in ein historisches Museum, wobei es ihnen gelingt, den alten Glanz wieder zum Leben zu erwecken. Einzig die an "24" und "Homeland", somit also an den Zeitgeist anknüpfende Folge "Babylon" ist aufgrund ihrer islamophoben Tendenzen und der halbseidenen Aufarbeitung der Thematik qualitativ anzuzweifeln; die restlichen Folgen gefallen mit einer Denkweise, die es so nur von den Autoren der ersten neun Staffeln geben kann.

Duchovny und Anderson werden von der Regie ein wenig resettet und wirken bei weitem nicht mehr so vertraut mit einander wie in den letzten Zügen der Originalserie, doch dieser Schritt ist angesichts der verstrichenen Zeit nachvollziehbar, zumal man auf diese Weise wieder nahtlos an die Zankapfelei von Glauben versus Skeptizismus anknüpfen kann. Beide wachsen nun in Sachen Spielfreude nicht gerade über sich hinaus, sind aber wesentlich besser aufgelegt als in den letzten zwei, drei Staffeln und finden auch recht mühelos wieder in ihre Rollen, wenngleich dem deutschen Zuschauer die Einfindung aufgrund der nun schon dritten Mulder-Synchronstimme wesentlich schwieriger gelingt.

Etwas mehr Mühe hätte Chris Carter in die Ausarbeitung der Rahmenfolgen legen können. Hier wäre es ratsam gewesen, noch stärker auf die Veränderungen einzugehen, die sich in den letzten Jahrzehnten ergeben haben. Davon abgesehen haben die X-Akten jedoch einen Teil ihres Charmes konservieren können.
(6/10)

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