Review

Staffel 11

„Der Kampf (3) (My Struggle 3)“
Staffel 11, Folge 1

„Ich kann nur sagen, dass ihr Gehirn extrem abnorme Aktivitäten aufweist.“

Nachdem der nur sechs Episoden umfassende, zur zehnten Staffel erkorene Nachklapp aus dem Jahre 2016 mit der Fortführung der unübersichtlichen Rahmenhandlung nervte und mit einem fiesen Cliffhanger endete, folgte im Jahre 2018 die bis dato letzte Staffel der US-Mystery-/Science-Fiction-/Horrorserie unter Leitung des bewährten Teams – und weiterhin mit Gillian Anderson als Agentin Dana Scully und David Duchovny als Agent Fox Mulder in den Hauptrollen. Denn: Alien-Invasion und Mulders Tod hatte Scully nur geträumt.

„Die Zivilisation ist ein Witz!“

Ja, für den Staffelauftakt wird tatsächlich auf diesen abgedroschenen narrativen Kniff zurückgegriffen. Zunächst aber wird die Rahmenhandlung in einem hektisch geschnittenen Rückblick auf die bisherigen Ereignisse noch einmal grob ins Gedächtnis gerufen. Anschließend stellt sich Raucher CGB Spender aus dem Off vor, unterlegt von Bildern der Schattenseiten jüngerer US-Geschichte. Dieser Prolog endet mit Aufnahmen von der Fälschung der ersten Mondlandung, womit man eine Verschwörungserzählung aufgreift und füttert, die eine ganze Weile irgendwie witzig und relativ harmlos erschien, einem mittlerweile aber nur noch auf den Senkel geht. Scully findet sich nach einem Zusammenbruch im Krankenhaus wieder, ihr Hirn sendet Morsezeichen: „Findet ihn!“ Mulder, quicklebendig, bewacht ihr Krankenbett. Als sie erwacht, berichtet sie von ihren Visionen von einer Pandemie (!), ausgelöst durch CGB, der angeblich noch lebt – was wir Zuschauerinnen und Zuschauer ja bereits wissen.

Sie bittet Mulder, ihn zu finden und aufzuhalten. Andere sind hinter ihrem Sohn William her. Uhrzeiten werden eingeblendet, um sich innerhalb der Handlung besser orientieren zu können. Diese wird multiperspektivisch aus der jeweiligen Perspektive Scullys, Mulders und CGBs erzählt, Mulders Gedanken dabei häufig auf dem Off formuliert. Dieser wird schließlich verfolgt, eine Kfz-Hatz sorgt für etwas Action. Scullys Visionen werden ebenso zwischengeschnitten wie viele Erklärungen zu Vergangenem und den Plänen CGBs inklusive Rückblenden. Letzterer will die Menschheit auslöschen, während eine Gruppe Weltraumbesiedlungsplaner Mulder bitten, ihn zu töten. Mulder traut ihnen jedoch nicht, denn auch sie wollen offenbar lediglich einer kleinen Elite die Zukunft sichern. CGB wiederum versucht, Skinner für sich zu gewinnen, und irgendjemand will Scully umzubringen.

Mehrere Parteien sind also wieder versammelt, alle misstrauen sich gegenseitig und versuchen, andere für ihre Zwecke zu manipulieren. Da die wahren Intentionen nicht immer offensichtlich sind bzw. bewusst zurückgehalten werden, entwickelt sich rasch wieder das paranoide „Akte X“-Gefühl, ungewollt Teil eines großangelegten Plans zu sein, sowie die Sorge, eben diesen aufgrund seiner Komplexität nicht zu durchschauen. Die einzelnen Bestandteile dieser pickepackevollgepackten Episode erscheinen mitunter aus in vorausgegangenen Staffeln längst auserzählten Handlungssträngen aufgewärmt, wissen dank ihrer Elitenkritik, dem recht hohen Tempo und der düsteren präapokalyptischen Stimmung aber gut zu unterhalten – deutlich besser zumindest als die missglückte Rahmenhandlung der zehnten Staffel. Die meist dunklen Bilder münden in einer (Achtung, Spoiler!) Pointe, nach der CGB nicht nur Mulders, sondern auch Williams Vater ist. Potzblitz! 7/10

„Dieses Leben, jenes Leben (This)“
Staffel 11, Folge 2

„Alles, was wir befürchtet haben, ist eingetreten...“

Die Ramones-Version des „California Sun”-Evergreens läuft im Auto jener Unholde, die kurze Zeit später Mulder und Scully bei Mulder zu Hause überfallen. Diese wehren sich jedoch erfolgreich. Mulder empfängt plötzlich Signale vom „einsamen Schützen“ Langly, der eigentlich seit 16 Jahren tot ist. Da steht schon der nächste Überfall an: Typen mit russischem Akzent haben es auf Mulders Mobiltelefon abgesehen. Scully und Mulder können fliehen und treffen auf Skinner, der sie heimlich von den Fesseln bereift und ihnen hilft. Die Russen hacken Mulders Handy, während er zusammen mit Scully nach Langlys Grab sucht. Dort erwartete man sie offenbar bereits und versucht erneut, sie umzubringen.

Die X-Akten wurden erneut geöffnet, die Russen kennen sie; jedoch wurden die Dokumente um einige Informationen bereinigt. Mit Skinner arbeiten Scully und Mulder allem Misstrauen zum Trotz zusammen. Ein Attentäter erschießt eine Kollegin Langlys, als sie Scully und Mulder über Experimente zum ewigen Leben berichtet. In einer Kneipe läuft wieder „California Sun“. Langly meldet sich, berichtet von seiner Welt und erweckt den Anschein, dort sei alles prima und es laufe permanent „California Sun“, gesteht später ab, sich in einer Art Sklavenlager für tote Genies zu befinden. Die Chefin der Russen lässt Mulder entführen und empfängt ihn. Klischeeschurkenhaft inszeniert, berichtet sie von der bevorstehender Auslöschung und dem digitalen Sklavenlager…

Zu abstrus und beliebig erscheint mir diese Episode konstruiert. Mir steht der Sinn nach Monstern und Außerirdischen, nicht nach Cyberschmarrn. Anknüpfpunkte zum wahren Leben zu finden, fällt hier schwer, letztlich muss das Smartphone mit seiner steten Datenübertragung als Erklärung und Sündenbock herhalten – obwohl es wahrlich bessere Anlässe für Kritik an dieser Technologie gäbe als die Sorge vor Seelenfang und digitaler Versklavung nach dem Tode. Die Bilder sind noch dunkler ausgefallen als in der vorausgegangenen Episode, vieles ist kaum zu erkennen. Dafür ist die Schlusspointe gelungen, die erneut „California Sun“ aufgreift und mich gnädig stimmt. 6/10 (inkl. Punkt für „California Sun“)

„Galgenmännchen (Plus One)“
Staffel 11, Folge 3

„Das ist nur ein Zufall!“

Arkie, der gerade ein Punkkonzert besucht, entdeckt dort einen Doppelgänger seiner selbst, flieht panisch vor ihm und baut einen Autounfall. Scully und Mulder sind viele ähnliche Fälle bekannt, meist mit suizidalem Ausgang. Fälle von Schizophrenie? Arkie lebt glücklicherweise noch, also befragen sie ihn. Es entwickelt sich die klassische Rollenverteilung: Mulder glaubt Arkies Ausführungen, Scully zweifelt. Die weiteren Ermittlungen führen in die Psychiatrie, Texteinblendungen mit den jeweiligen Ortsbezeichnungen helfen – wie bereits in vorherigen Episoden – bei der Orientierung. Unheimliche und skurrile Gestalten, Zwillingsmythologie, Telepathie, unklare Verbindungen und nicht zuletzt ein unheilvolles Galgenraten-Spiel sind die Zutaten dieser gute Unterhaltung im alten Stil bietenden Episode, die zudem mit etwas schwarzem Humor und Liebeleien zwischen Mulder und Scully angereichert wurde. Letztere offenbaren einige sehr intime Momente, für die man sich Zeit nimmt.

Letztlich wird nicht alles ge- oder erklärt, die besonderen Fähigkeiten der unheimlichen Zwillinge bleiben ein Mythos. Alle Hände voll zu tun hatte Schauspielerin Karin Konoval, die sowohl ein weibliches als auch ein männliches Zwillingspaar und somit gleich vier Rollen auf einmal spielte. Trivium: Die Punkband vom Beginn covert den Song „Unsaid, Undone“ aus einem Album, das Mulder-Darsteller David Duchovny einst aufnahm… 7/10

„Der Mandela-Effekt (The Lost Art Of Forehead Sweat)“
Staffel 11, Folge 4

„Aber vielleicht könnte das auf ein Paralleluniversum hinweisen...“

Film im Film kennt man, hier gibt’s „Serie in Serie“: Die Schwarzweiß-Sequenz um einen Mann in einer Bar, der sich von Marsmenschen verfolgt wähnt und sich im Spiegel selbst als einen erkennt, stammt angeblich aus der ersten „Twilight Zone“-Episode „Der verirrte Marsmensch“. Jedoch passt jemand Mulder im Parkhaus ab und redet scheinbar dummes Zeug, u.a., dass diese Episode gar nicht existiere – und er scheint Recht zu haben. Mulder durchwühlt seine Archive und meint, sich genau an diese Folge zu erinnern, visualisiert durch eine humorige Rückblende, in der der 8-jährige Mulder sich eben diese ansieht. Seine netten Worte sind eine schöne Ehrerbietung an diese Mutter aller Mystery-Serien, doch geht es wirklich darum in dieser „Akte X“-Folge? Nein.

Vielmehr geht es um trügerische, verschobene oder falsche Erinnerungen, ein Phänomen, das wahlweise als Mengele- oder Mandela-Effekt bezeichnet wird – worüber ein Streitgespräch zwischen Mulder und dem Typen entbrennt. Dieser vermutet Verschwörungen und Taktiken zwecks gezielter Erinnerungsmanipulation. Der Tonfall der Handlung ist humoristisch, was ein satirisches Erklärvideo zum Erinnerungsmanipulator Dr. Sie noch steigert. Im weiteren Verlauf wird der US-Krieg gegen Grenada mit einem dortigen Außerirdischenfund verknüpft und in Rückblenden visualisiert, was jedoch nur weitere Vorbereitungen auf dem Weg zum eigentlich Kniff dieser Episode sind: Der Parkhausschwurbler Special Agent Reggie Purdue soll plötzlich der eigentliche Gründer der X-Akten sein, woraufhin alte „Akte X“-Folgen mit ihm anstelle Skinners in Auszügen gezeigt werden, man als Zuschauerin oder Zuschauer also selbst „gemandelat“ wird.

Kann man seinen Erinnerungen trauen? Mulder wird verunsichert. Er trifft Dr. Sie, der gefälschte Fake-News im Internet verbreitet… Scully dröselt derweil Reggies Lebenslauf auf, visualisiert durch weitere Rückblenden, die zahlreiche US-Staatsterrororganisationen wie CIA und NSA oder auch das Kapitalismusfeigenblatt Börsenaufsicht bitterböse schwarzhumorig aufs Korn nehmen. Weitere Rückblenden in Reggies angeblich letzten Fall mit Scully und Mulder geraten zu einer Verballhornung einer Außerirdischenlandung mit Bezug auf die Voyager-Platte und misanthropischer Aussage.

„Der Mandela-Effekt“ thematisiert mangelhafte Medienkompetenz der westlichen Zivilisation, unzureichendes Interesse an objektiven Fakten und das postfaktische Zeitalter („So legt man die Saat der Ungewissheit“), womit diese Episode (im Gegensatz zu vorausgegangenen dieser Staffel) voll am Puls der Zeit ist, spätestens seit Donald Trumps US-Präsidentschaft manifestierte informationspolitische Degenerierungen satirisch verarbeitet – und unterm Strich eine der abgefahrensten und gelungensten „Akte X“-Folgen überhaupt wurde. 9/10

„Ghouli (Ghouli)“
Staffel 11, Folge 5

„Klingt nach Schlafparalyse.“

Die Jugendlichen Brianna und Sarah werden im Prolog von einem Tentakelmonster angegriffen und anschließend schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Scully berichtet Mulder über ihren Grenzzustand zwischen Traumwelt und Wachsein, ihre Erfahrungen darin werden visualisiert. Auf der Fahrt zum Tatort werden die beiden verfolgt. Zunächst glaubt man, die Mädchen seien aufeinander losgegangen, doch sie kannten sich nicht einmal. Sie erzählen Scully und Mulder von einem Ghouli, einem Monsterphänomen aus Internet-Fan-Fiction-Kreisen, von dessen Existenz sie überzeugt sind. Mysteriöserweise führte Scullys Schlafparalyse die Special Agents zu diesem Fall. Eine Gemeinsamkeit zwischen den Opfern ist bald ermittelt: Beide waren mit Jackson van de Kamp befreundet. Als Scully und Mulder ihn aufsuchen wollen, erschießt er sich – und hat anscheinend zuvor seine Eltern erschossen. Oder wurde er erschossen? Er befand sich in Psychotherapie und interessierte sich für Pick-up-Artists. Bei den Toten könnte es sich um Williams Adoptivfamilie gehandelt haben, Scully mutmaßt gar, dass Jackson eigentlich William gewesen sein könnte, trauert um ihn und macht sich Vorwürfe. Doch der vermeintlich Tote steht wieder auf…

Hier wird also die episoden- und staffelübergreifende Rahmenhandlung mit einem Creature Feature verknüpft. Das Creature Design ist gut gelungen und macht Lust auf die Folge. Um diese beurteilen zu können, muss ich spoilern, weiterlesen daher auf eigene Gefahr.

Ja, bei Jackson handelt es sich eigentlich um Scullys Sohn William. Mulder und Scully finden geheime Akten auf dessen Notebook, Justiz- und Verteidigungsministerium mischen sich zu Vertuschungszwecken ein und die Spur führt zu einem Projekt „Crossroads“. William hatte die gleichen apokalyptischen Visionen wie Scully, seine Pflegeeltern wurden von Fremden erschossen. Ok, William hat übernatürliche Fähigkeiten, das ist bekannt. Dass etwaige Pflegefamilien in Gefahr leben, weil Fieslinge hinter ihm her sind, ist ebenfalls nachvollziehbar. Dass sich William plötzlich in ein schleimiges Tentakelmonster verwandeln und die Wahrnehmung anderer manipulieren kann, ist dann aber doch etwas sehr an den Haaren herbeigezogen. Aus dem Umstand, dass Scullys Sohn auch ein sexuelles Wesen ist, das sich gerade ausprobiert und mit seinem Interesse für Pick-up-Artists eventuell nicht besonders gut beraten ist, er sich moralisch fragwürdig gar zwei Freundinnen gönnt, die er vor der jeweils anderen verheimlicht, ja, aus alldem hätte man nicht nur mehr machen können, sondern müssen. Hier drängt sich ein Coming-of-Age-Topos geradezu auf, in das die Monsterwerdung als Bildnis für Persönlichkeitsveränderungen während der Pubertät vielleicht sogar gepasst hätte. Schade, dass man all dies ungenutzt ließ und die Verquickung einer Monstergeschichte mit der Rahmenhandlung auf diese Weise verunglückt wirkt. 6/10

„Kätzchen (Kitten)“
Staffel 11, Folge 6

„Die Monster sind hier!“

Vietnam im Jahre 1969: Die US-Aggressoren liefern unter schwerem Beschuss durch die vietnamesischen Verteidiger eine Kiste ab. Einer von ihnen ist Agent Skinner. Die Kiste wird von einer Kugel getroffen, Gas strömt aus und ein Monster erscheint. In der Gegenwart ist Skinner verschwunden, sein Vorgesetzter bittet Scully und Mulder zum Rapport und beauftragt sie, ihn zu finden und zurückzubringen. Die beiden verschaffen sich daraufhin Zutritt zu Skinners auffallend unpersönlicher und steriler Wohnung. Dabei vergegenwärtigen sie sich, gar nichts Privates über den Mann zu wissen, mit dem sie schon so lange zusammenarbeiten. Immerhin finden sie einen an ihn adressierten Brief, der ein abgeschnittenes Ohr und die eingangs zitierte Nachricht enthält. Das Ohr gehört zur Leiche eines ehemaligen Kameraden Skinners, der bei einem Jagdunfall gestorben sein soll. In Mud Lick, von wo die Zeitung stammt, in die das Ohr eingewickelt war, fallen gerade mehreren Menschen die Zähne aus. Manche behaupten, im Wald treibe sich ein Monster herum. Ein weiterer Mann stirbt in einer Falle im Wald. Die Wildkamera zeigt, dass Skinner sich am Tatort herumtrieb. Doch auch das vermeintliche Monster ist zu erkennen. Treibt ein maskierter Mörder sein Unwesen?

Auch diese Episode birgt politischen Sprengstoff, der hier verraten werden muss, weshalb erneut gilt: Weiterlesen auf eigene Spoilergefahr!

Weitere Rückblenden zeigen: Mindestens einer der US-Invasoren aus Skinners Platoon, John, war ein Sadist. Auch diesem fielen Zähne aus. Skinner rettete ihm das Leben, indem er einen Vietnamesen erschoss. Nun besucht Skinner Davey, den Sohn des Sadisten, der gar nicht gut auf Skinner zu sprechen ist: Sein Vater sei im Knast gelandet, weil Skinner nach dem Krieg gegen ihn ausgesagt habe…? An dieser Stelle betreibt die Handlung Geschichtsfälschung, denn in der Realität wurde so gut wie kein US-Soldat für seine Kriegsverbrechen vor US-Gerichten verurteilt – und die wenigen, die es traf, waren Bauernopfer auf den öffentlichen Druck hin. Wir erfahren: In der Kiste befand sich Nervengas, dem John ausgesetzt war, was Skinner vor Gericht verschwieg: Er hatte den Befehl, nicht darüber zu reden. Als Mörder entpuppt sich John, der sich auf einem Rachefeldzug befindet und auch Skinner in eine Falle lockt. Zusammen mit anderen Soldaten musste er als Versuchskaninchen für das aggressiv machende Gift herhalten, nur deshalb ist er zum Sadist geworden. Hintern Gittern wurde munter weiterexperimentiert.

So gibt es diesmal also eine rationale Erklärung für alles. Neben ihrer Geschichtsfälschung verfolgt diese Episode auch hehre Ziele: Die Kritik an menschenverachtenden Experimenten des US-Militärs an seinen Soldaten wird zugunsten einer Antikriegsattitüde plakativ aufgezeigt und verurteilt, Vertrauensverlust in die Regierung begründet und zugleich blinder Gehorsam kritisiert. Dessen gute Schwester, die Loyalität, wird hingegen in höchsten Tönen am Beispiel Skinners gelobt, ist er doch der derjenige, der eine eigene höherrangige Karriere zugunsten der X-Akten aufgab und sich immer wieder schützend vor Scully und Mulder stellte. Davey kolportiert derweil Verschwörungserzählungen über Chemtrails und vergiftetes Wasser, womit man leider reale Ereignisse mit Fantastik vermengt. Zwar ist Davey kein Sympathieträger und das Erlebte begünstigt sicherlich eine Anfälligkeit für derartige Überlegungen, dennoch sehe ich das innerhalb einer solchen Serie überaus kritisch. Im Epilog beteuert er noch einmal, es gäbe Chemtrails. Oh je… Der eigentlich gelungenen und spannenden Inszenierung zum Trotz gibt’s aufgrund genannter Kritikpunkte lediglich 5/10 Punkten von mir.

„Rm9sbG93ZXJz (Rm9sbG93ZXJz)“
Staffel 11, Folge 7

„Wirf alles weg, womit sie dich verfolgen können!“

„Rm9sbG93ZXJz“ sei Base64-codiert und bedeute „Follower“, liest man. Der Prolog stellt eine künstliche Twitter-Chatbot-Intelligenz vor, die Heranwachsende imitieren und immer weiter dazulernen sollte, dadurch letztlich jedoch zum manipulativen Hatebot mutierte – offenbar eine wahre Geschichte, die den Kurs dieser KI-kritischen Cyber-Folge vorgibt. Scully (ab dieser Episode wieder mit kürzeren, schulterlangen Haaren) und Mulder besuchen ein rein maschinell betriebenes Sushi-Restaurant, eine sterile, seelenlose Bude – kein Wunder, dass sie die einzigen Gäste sind. Normale Bilder wechseln sich mit Überwachungskameraaufnahmen ab. Mit ihrer Bestellung trainieren die Special Agents wie im Vorbeigehen zahlreiche künstliche Intelligenzen, die trotzdem dumm genug ist, Mulder einen ungenießbaren Blobfisch zu „servieren“. Als auch noch der Bezahlvorgang streikt, haut Mulder aufs Gerät und löst damit einen Einsperrmechanismus aus. Doch sie können entkommen; Scully steigt in ein führerloses Taxi, während Mulder sein eigenes, voll durchtechnisiertes Auto nimmt. Beide Fahrzeuge entwickeln unschöne Eigenleben. Zu Hause bekommt Scully Probleme mit ihrer Alarmanlage, Mulder mit einem Telefonanrufermenü und einer ihn fotografierenden Drohne. Eine andere Drohne stellt Scully ein Paket zu, das einen unverlangt gelieferten Saugroboter enthält. Diesen will sie zurückgeben, wodurch sie ebenfalls im dysfunktionalen Anrufermenü landet.

Bis hierhin sind es durchweg tatsächliche technische Entwicklungen, die den beiden in Alltagssituationen das Leben schwermachen. Ähnlich dürfte es manch Zuschauerin und Zuschauer bereits ergangen sein. Bald jedoch spielen alle Geräte verrückt und sieht sich Mulder gar einer ganzen Drohneninvasion ausgesetzt. Analog zu den Überwachungskamerabildern bekommt man nun ein paar Drohnen-Point-of-View-Perspektiven zu Gesicht. Scullys Smarthome dreht am Rad und sie entkommt nur knapp einer Katastrophe. Ganze Roboterattacken werden plötzlich geritten – und keine einzige weitere Menschenseele ist weit und breit zu sehen.

Diese satirisch überzeichnete Paranoia-Episode kritisiert, wie zunehmend Entscheidungen an KI abgegeben werden, und spielt mit Technikphobien. Als besonderer stilistischer Kniff ist sie bis kurz vor Schluss komplett dialogfrei; ihre Spannung bezieht sie aus einer Art Who- und Whydunit? sowie der Verunsicherung, ob die Maschinen darauf überhaupt eine für den menschlichen Geist nachvollziehbare Antwort geben würden. Wobei die witzige Pointe zugegebenermaßen auch etwas vorhersehbar ist. Man tat gut daran, das seit Kubricks „Space Odyssey“ schon so oft durchgekaute Topos sich verselbständiger KI auf derart überspitzte Weise aufzubereiten und in einen Kontext mit Entmenschlichung und Verlust sozialer Interaktion zu setzen, was die Dialogarmut und die Abwesenheit weiterer Figuren erklärt. Seine Schlüsse indes muss man schon selbst daraus ziehen, und wie so oft gilt: Paranoiker und Technikfeinde werden sich bestätigt sehen, Zyniker sich über die ergebenden Möglichkeiten freuen (vgl. reale Drohnenangriffe, Cyber-Spionage etc.) und vernunftbetonte Menschen idealerweise dafür sensibilisiert werden, noch sorgfältiger zwischen Komfortgewinn, Risiken und möglichen Verlusten abzuwägen. 7,5/10

„Das Tor zur Hölle (Familiar)“
Staffel 11, Folge 8

„Was ist aus der Unschuldsvermutung geworden...?“

Im Prolog wird der kleine Andrew in einer Kleinstadt in Connecticut von einem Mann in Mr.-Chuckleteeth-Maske vom Spielplatz in den Wald gelockt und brutal ermordet. Andrew war der Sohn eines Polizisten. Die örtliche Polizei vermutet eine Tierattacke, Scully und Mulder hingegen Mord – und schauen sich den Leichnam an. Das wirbelt die nervöse Dorfgemeinschaft ein wenig durcheinander. Ist der Täter einer von ihnen? Andrews Vater findet heraus, dass ein verurteilter Sexualstraftäter in der Nachbarschaft wohnt. Dieser hat sogar ein Mr.-Chuckleteeth-Kostüm zu Hause und ist somit hauptverdächtig. Mulder jedoch zweifelt an dessen Schuld. Das nächste Opfer lässt nicht lange auf sich warten: Die kleine Emily schaut gern Teletubbies – und wird von einem aus dem Haus gelockt und im Wald umgebracht… Mulder findet Salz am Tatort, gestreut zu einem magischen Kreis. Einer der Polizisten gesteht, mit schwarzer Magie zu tun gehabt zu haben, während die Dorfgemeinschaft den Sexualstraftäter lyncht. War er der Täter oder ist Übersinnliches im Spiel?

In dieser klassisch gehaltenen Episode wird die alte Rollenverteilung der kühl und sachlich analysierenden Scully und des schnell ein Näschen für übersinnliche Phänomene entwickelnden Mulders aufgegriffen. Die Kleinstadt, in der sich die Gräueltaten ereignen, ist gewissermaßen vorbelastet; im 17. Jahrhundert wurde eine Hebamme der Hexerei bezichtigt, woraufhin sie von selbst Feuer fing. Der gruselige Prolog hat ein bisschen was von „Es“, im weiteren Verlauf werden jedoch eher Parallelen zur Hexenhysterie gezogen – statt einer Hexe geht es diesmal dem Sexualstraftäter an den Kragen. Dabei wahrt die Handlung eine Ambivalenz, sich daraus ergebend, dass es bei der Hebamme seinerzeit offenbar tatsächlich nicht mit rein weltlichen Dingen zuging und ein Sexualstraftäter kaum als klassischer Sympathieträger taugt. Als Schlüssel zu den Grausamkeiten stellen sich persönliche Verwicklungen und Beziehungskisten heraus, bevor Mr. Chuckleteeth einen weiteren hübsch gruseligen Auftritt hinlegen darf. Eine gelungene Episode im alten Stil, die meinetwegen gern noch etwas deftiger hätte ausfallen dürfen. 7,5/10

Nichts währt ewig (Nothing Lasts Forever)“
Staffel 11, Folge 9

„Sie sind anscheinend auf dem neuesten Stand!“

In New York City findet eine Not-OP statt. Einer der Chirurgen verspeist das Pankreas des erfolglos operierten Patienten. Eine Jugendliche überfällt die Klinik und sucht Vergeltung. Und Scully und Mulder ermitteln…

Es stellt sich heraus, dass dem Toten Organe entwendet wurden, denn eine Kannibalengruppe hält sich mit Menschenfleisch jung. Und diese hält sich zudem eine Saat: Kinder. Damit greift diese bis dato vorletzte „Akte X“-Episode die aberwitzige Adrenochrom-Verschwörungserzählung auf, um davon inspiriert eine ungemütliche, mit Ekel- und blutigen Szenen angereicherte Unterhaltungsgeschichte für Horrorfreunde zu formen. Die Kannibalin, zu der die Spur führt, ist eine ehemals populäre Schauspielerin und Entertainerin, die auch mal eine Gesangseinlage schmettert – und dummerweise eine rachsüchtige Schwester hat. Über weite Strecke guckt sich „Nichts währt ewig“ kurzweilig und aufgrund seiner düsteren, morbiden Stimmung auch stilistisch ansprechend, wenngleich die in einer Wohnung spielenden Szenen leider wieder etwas arg dunkel ausgeleuchtet wurden. Das Religionsgequatsche Scullys und Mulders hätte man sich auch sparen können. 7/10

„Der Kampf (4) (My Struggle IV)“
Staffel 11, Folge 10

„Komm bitte lebend zurück.“

Den Prolog der bisher letzten „Akte X“-Episode bildet eine Rückblende in die Rahmenhandlung, ferner spricht William aus dem Off über seine Kindheit und aktuelle Situation, ebenfalls mit Rückblenden versehen. Eben diesen William sucht Mulder, während Skinner einen Einlauf von seinem Vorgesetzten Alvin Kersh bekommt, weil Mulder im Internet von der antihumanen Verschwörung berichtet hat. Kersh will die Special Agents entlassen und die X-Akten schließen. Doch Skinner hat auch CGB Spender an den Hacken, der ihn auffordert, William zu finden. Monica Reyes mischt ebenfalls irgendwie mit und Scully behauptet gegenüber Skinner, nicht Mulder habe die brisanten Informationen im Netz verbreitet, sondern sie. Die andere elitäre Gruppe wiederum, die sich rechtzeitig von der Erde absetzen wollte, will Mulder an den Kragen, doch dieser wehrt sich und tötet sie in Notwehr.

Ein actionreicher Beginn also, der eine ganze Reihe Figuren wieder zusammenführt und mit einigen direkt tabula rasa macht – vermutlich auch, um das Geflecht etwas übersichtlicher zu gestalten, denn immerhin gilt es, nicht nur die Staffeln, sondern womöglich auch die ganze Serie zu einem zufriedenstellenden Abschluss zu bringen, falls keine Fortsetzung mehr folgen sollte. So wird die Öffentlichkeit noch stärker involviert, als Scully das Fernsehen über die bevorstehende Virus-Pandemie informiert. Mulder findet William, als dieser seine Ex-Freundinnen aufsucht, was zum Anlass für ansehnliche Splatter-Phantastik genommen wird: Als die Halbbrüder, die Mulder und William ja strenggenommen sind, angegriffen werden, bringt William seine Gegner zum Platzen und verwandelt sie in blutige Pfützen.

Verfolgungsjagden und Schießereien treiben den Actionanteil weiter in die Höhe und das Finale kostet einige wichtige Figuren das Leben. Das mag den einen oder anderen Fan der Serie überraschen, zumal diese Episode die über elf Staffeln ausgedehnte Rahmenhandlung relativ rasant zu ihrem (vorläufigen?) Ende bringt, ist letztlich aber eine Art Kompromiss: Das Ende ist trotz allem ein offenes, an das sich mit einer an Schlüsselpositionen neu besetzten Staffel mühelos anknüpfen ließe. Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus, denn die Einschaltquoten der elften Staffel blieben hinter den Erwartungen zurück und Gillian Anderson hat unlängst klargestellt, dass sie nicht mehr für die Rolle der Dana Scully zur Verfügung stehe. Damit könnte ich aufgrund der qualitativen Schwankungen der letzten beiden Staffeln ehrlich gesagt leben, mit 7/10 Punkten für diese finale Episode endet die Rahmenhandlung versöhnlich und den weiteren Verlauf kann man gut und gerne der Fantasie und Fan-Fiction überlassen.

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