Eine denkbar günstige Konstellation fand sich a Set zu „Mercenario – Der Gefürchtete“ an, um einen zwar witzigen und spektakulären, aber auch sehr politischen Italowestern zu drehen. Zu der erneuten Zusammenkunft von Regisseur Sergio Corbucci („Navajo Joe“, „Django“) und Franco Nero („Django“, „Keoma“) lieferten die beiden Maestros Enni Morricone und Bruno Nicolai den erstklassigen Soundtrack und Alberto Grimaldi („Von Angesicht zu Angesicht“, „Sabata“) produzierte. Dementsprechend fiel das Endergebnis auch aus.
Im klassischen Western befindet man sich hier bereits nicht mehr, eher in der Spätphase – 1910 und zwar in Mexiko. Dort herrscht eine Zweiklassengesellschaft von größtmöglicher Diskrepanz: Arm und Reich. Paco Roman (Tony Musante, „The Last Run, „Toma“), ein Minenarbeiter, lässt sich die Versklavung und den vorgesetzten Drecksfraß eines Tages nicht länger gefallen und setzt es seinem Chef, dem reichen Besitzer, vor. Kurz bevor ihn seine Strafe ereilt, kann er flüchten und beschließt von nun an Revolution zu „machen“, ohne davon Ahnung zu haben, wie das genau geht. Ein zufälliges Treffen mit dem ausgekochten polnischen Söldner Sergei Kowalski (Nero) soll das ändern. Bald lässt sich dieser nämlich in beratender Tätigkeit fürstlich dafür entlohnen, dass er Paco zeigt, wie man als Revoluzzer agiert...
Franco Nero ist auch hier wieder eine Klasse für sich. Wortgewandt, enorm cool und mit lustigen Attitüden (Er pflegt seine Streichhölzer stets an irgendwelchen Leuten zu entzünden) enttarnt und bestraft er lässig Falschspieler und manövriert sich hier mit bäriger Ruhe durch den Film, um stets den größtmöglichen Nutzen aus Pacos Überfällen zu ziehen, die Kowalski selbst plant und auch startet, aber nicht selbst durchführt. Köstlich ist unter anderem seine Definition einer Revolution anhand eines Frauenkörpers.
Mit einer Revolution hat Pacos Mission allerdings lange nichts zu tun, denn im Grunde sind sie, das sagt ihm auch seine Gefährtin Columba in aller Deutlichkeit, auch nur einfache Banditen, doch davon will der Geblendete nichts hören.
Angewandt auf die weltpolitische Lage war der Film seinerzeit hochaktuell, sofern man, einmal mehr, die Strategien der amerikanischen Außenpolitik betrachtet – vorzugsweise Vietnam.
Für einen Corbucci-Film ist „Mercenario – Der Gefürchtete“ auch ungewohnt witzig und prächtig ausgestattet. Die amüsanten Dialoge zwischen dem nach Kräften manipulierenden, belehrenden Sergei und Paco, der lange nicht kapiert, was das Wort Revolution überhaupt bedeutet, sind urig, zumal der Pole sich, selbst in den gefährlichsten Situationen, ganz ruhig und bestimmt für jede Aktion im voraus bezahlen lässt. Die Unterkünfte und Locations sehen, gemessen am durchschnittlichen Produktionsaufwand verwandter Filme, wesentlich teuer aus.
Der Actionanteil fällt dabei sehr spektakulär aus. Erste Autos halten in den Western Einzug und final gibt es sogar ein Flugzeug zu begutachten, das dann aber nicht ganz so lange am Himmel schwebt. Kräftige Explosionen, Artillerieeinschläge und das von Nero bekanntlich innig geliebte Maschinengewehr sind hier ebenso im Einsatz. Dass hinter „Mercenario – Der Gefürchtete“ ein recht großes Budget steckte, sieht man dem Film in jeder Sekunde an, was natürlich auch ein Verdienst Corbuccis ist, der vor allem das Finale in einer Stierkampfarena enorm spannend zelebriert.
Während Sergei seine Anteile häuft und Paco in einen Vertrag, der einem Blankoscheck gleicht, zwingt, muss er sich nicht nur der hübschen Columba (Giovanna Ralli) erwehren, die sein falsches Spiel längst durchschaut hat, sondern auch aufpassen nicht zwischen die Fronten zu geraten, denn der hinterlistige und mörderische Curly (Jack Palance, „Tango & Cash“, „City Slickers“) geht über Leichen, hat noch eine Rechnung mit ihm zu begleichen, riecht großes Geld und tut sich deshalb mit dem Minenbesitzer zusammen, um Paco und seinen Mannen den Marsch zu blasen.
„Mercenario – Der Gefürchtete“ ist kein klassischer Italowestern rund um das Thema Rache, wohl aber um Habgier, denn nichts anderes treibt hier alle Beteiligten an. Paco entdeckt seine Ideale erst spät, weil der schnöde Mammon sie vernebelte. Vertrauen und Loyalität kann man sich nicht erkämpfen, sondern muss man sich erkaufen. Diesem Prinzip folgt jedenfalls der Film, denn, wie sich am Ende herausstellen soll, muss schließlich sogar Sergei, der nun wirklich jede Lage stets kühl durchkalkuliert und jedes zu große Risiko meidet, das seine Position, die Made im Speck, gefährden könnte, Lehrgeld bezahlen.
Für Geld wird über Leichen gegangen und auch vor Folter nicht zurück geschreckt.
Die sechs beteiligten Drehbuchautoren krönen den Film mit ein paar irren Einfällen, die zumindest innerhalb des Genres wohl ins Kuriositätenkabinett gehören. Beispielsweise sei da nur die Szene erwähnt, in der Nero es mitten in der Wüste nach einem Bad verlangt und man ihm einen Badezuber hinstellt, den alle mit ihren Trinkflaschen füllen müssen oder sich die beiden Protagonisten beim Karneval in ein doch sehr amüsantes Kostüm quetschen. Was den langsam aber sicher in den Italowestern einsickernden Humor angeht, gehört „Mercenario – Der Gefürchtete“ szenenweise zur Creme de la Creme.
Neben seinem spektakulären Showdown, der mithilfe militärischer Großkaliber eine mexikanische Siedlung in Schutt und Asche legt, finden sich, wie bei Corbucci auch üblich, die für ihn typischen kritischen Aussagen an. Nur das es ihm hier nicht nur rein um die Gesellschaft geht, sondern er politische Ambitionen hegt. Das Militär wird für private Unternehmungen der Reichen zweckentfremdet und der Gedanke der Revolution so verdreht, dass die armen Bewohner nur noch mehr leiden müssen. Als lachender Dritter hält Sergei beide Parteien möglichst auf Distanz, um sein Maximum zu erzielen. Spätestens, wenn Tony Musante, der, wie ich finde, hier enorm Tomas Milian imitiert, als Paco auch noch glaubt das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen und auf Zuruf jeden Besserbetuchten gnadenlos zu richten, scheinen die ursprünglichen Intentionen den Bach runterzugehen.
Für Italowestern-Fans gibt es hier dran nicht viel auszusetzen. Ganz im Gegenteil, „Mercenario – Der Gefürchtete“ stellt sich als sehr unterhaltsamer, humoriger Genrebeitrag heraus, dem zwar der essentielle Zynismus, nur selten durch Nero vertreten, zwar meist fehlt, dafür sich jedoch problemlos auf damals aktuelle weltpolitische Situationen und Verhaltensweisen anwenden lässt. Und na ja... Wo Corbucci drauf steht ist auch meist (!) Corbucci drin.
Fazit:
Kurzweiliger, witziger Italowestern mit einem Franco Nero, der schon so cool und gelassen ist, dass bei seiner Anwesenheit wohl selbst die Hölle zufrieren würde. Corbuccis souveräne Inszenierung, der brillante Score und sichtlich teure Ausstattung des Films, die dann auch den ausführlichen Einsatz von Sprengstoff sicherstellen, erledigen den Rest. Die Intelligenz des Skripts lässt sich nicht gleich blicken und wenn es nach mir ginge, könnte das Thema auch noch etwas bissiger angegangen werden, anderseits hat die Crew hier eine rundum gute Sache abgeliefert, auf die jeder stolz sein kann. Spaßig, mit Hirn, viel Abwechslung und toller Action.