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Nicht nur der deutschen Seele liebster Ort ist bekanntlich die Schule. Die Trutzburg von Melancholie, Sentimentalität und Eskapismus. Die sehnsüchtige Obhut vor den Wirren und Schwierigkeiten des Alltags, der damals, vor wievielerlei Jahren noch gar nicht so trüb grau wie heutzutage ausgesehen hat. Ob man nun Einzelgänger war oder Klassenclown, Schulschönheit, Sportskanone oder einfach nur Mitläufer; spätestens 13h war eh Freizeit angesagt und der Ranzen in die Ecke des Zimmers geworfen. Der beste Teil der Jugend, die gute alte Zeit, mittlerweile eh verklärte Zuflucht, die das "hach, damals" geradezu hervor beschwört und meist nur Vorrede für die ach so lustigen Anekdoten in Episodenform darstellt. Eine Sammlung nostalgisch angehauchter und umso persönlicher Kuriositäten, die im emotionalen Rückzugsmanöver noch einmal und immer wieder die vermeintlich zwanglos unbedarfte Aura des Schülerdaseins wiederaufleben lassen und die friedliche Einigkeit unter den Pennälern im Kampf gegen Schularbeit, Hausarbeit und vor allem den Lehrern revisionistisch beschwört.

Die antiquarische Phase der sehnsüchtig gerührten Wiederbegegnung nach seinem individuellen Mommsen-Gymnasium, mitsamt dem Drang nach dem harmlosen Allerlei der Früh- und Spätpubertät haben die Chinesen primär in der zweiten Hälfte der Achtziger und noch einmal explizit in den frühen Neunzigern gehabt. Während bei Uns die Penne wackelte oder gar, wenn natürlich auch nur metaphorisch zur Belustigung in Brand aufging, weil man den veralteten Ansichten eins auswischen wollte, vom Generationenkonflikt und auch den Revolutionen der 68er angestachelt war und so schlichtweg erfolgreich das Klamaukmilieu bedienen konnte, entsprangen die asiatischen Vertreter neben offensichtlichen Box Office Garantien auch der leibhaftigen fröhlichen Hilflosigkeit. Die Übergabe an China stand vor der Tür, das dementierende Entweichen in die Lausbubenstreiche basierte auf dem direkten Kontrast von "Lernen mit Musik" gegenüber dem drohenden "Zurück in Zucht und Ordnung". Getreu dem selbst verordneten Anspruch bzw. dem Fehlen dessen funktioniert auch To Miss with Love als einer der zahlreichen Vertreter gleicher Produktionsschmieden von A bis Z als gut geölte, bereits in Grundzügen vorhersehbare, nichtsdestotrotz mit äußerst bescheidenem Einsatz gespeiste Unterhaltungsmaschine.
Die Probleme sind entsprechend gravierend:

Das Abschlussexamen steht zwar kurz bevor – in den gleichzeitigen Militärkomödien No Sir und Forever Friends ist es die finale Übung, die dem gleichen Auswahlkader das Leben schwer macht – aber die Besucher einer lokalen High School haben ganz andere Dinge im Kopf. Der örtliche Rabauke Chang Yi-chien [ Dicky Cheung ] möchte vom Direktor Ching Monita [ Ng Man Tat ] zwei Wochen Auszeit spendiert haben, um sein Taschengeld mit parking service aufzubessern und erpresst den sexuell Notgeilen mit einer indiskreten Tonbandaufnahme. Während sich die neue Lehrerin Ms Chang [ Sharla Cheung Man ] noch voller Idealismus auch an die spätabendliche Unterrichtung der schwierigen Fälle macht, plagen Lin Chi-ying [ Jimmy Lin ] ganz andere Probleme. Er ist heimlich in seine Sandkastenfreundin Lee Wen-xi [ Athena Chu ] verliebt, die aber nur Augen für den egoistischen Rebellen Wu [ Nicky Wu ] hat, und übersieht dabei, dass das hässliche Entlein Chung Mone [ Lam Siu Lau ] währenddessen kräftig für Ihn schwärmt. Als mehrere Geburtstagsfeiern wegen dem Hin und Her schief gehen, der Schatten der kommenden Prüfung immer kürzer wird und das Basketballspiel der Schule durch Schiebung des Kleinkriminellen Brother Lu [ Chin Ho ] in Gefahr gerät, spitzt sich die Situation zu einem Kung Fu Dunk für Arme zu.

Entspannte Dekorationsmalerei. Mentales Chaos. Obskur nichtige Darbietungen, die wie in sturer Geisterbeschwörung allerlei stetig wiederholenden Dummfug auf die Leinwand pinseln. Das in beiläufiger Achtlosigkeit hingeschluderte Werk, in liederlich verkrampfter Dramaturgie und zwanghaftem Humorverständnis, ist von allen Seiten sowohl mit den nötigen Klientel-Anreizen als auch den weithin leuchtenden Warnsignalen bestückt. Im besten Fall bekommt man von Regisseur Kevin Chu Yen-ping sowie Produzent Wong Jing gut gemachte Konventionalität im Ansinnen von Verdichtung geliefert. Im Schlimmsten fast zu Schmerzensschreien auffordernden Haudrauftumult, der sich ohne Sinn für Geschmack und anderweitig sittliche Grenzen durch die einst noch blühende Filmlandschaft raubwirtschaftet. Frappierend und faszinierend erstaunlich ist dabei gerade die ordinäre Vereinbarkeit beider Macher, die eigentlich aus konkret gegensätzlicher Herkunft entstammen, bis dahin nicht nur jeder sein innerfamiliäres Süppchen gekocht haben, sondern auch so etwas wie konkrete Tunichtgut-Konkurrenz zueinander darstellten; hier jedoch als absolute Ergänzung, ja Vervollkommnung, wenn auch fern intellektueller Energetik herhalten vermögen.

Beiden gemeinsam ist das vorzugsweise Arbeiten mit gerade aktuell gefragten Jungstars, am Besten in rauer Menge und schnell wiederkehrender Dominanz, eine Vivisektion der multimedial populären Kräfte, die sich in wiederholter Beschäftigung von Dicky Cheung, Jimmy Lin und Nicky Wu niederschlug. Alles untaugliche, aber umso schmucke Herren der Schöpfung, die durch dieses einseitig oberflächliche Betätigungsfeld voller Imitationen und der damit verbundenen anrüchigen Hemdsärmligkeit heutzutage nahezu von der Kinofläche verschwunden sind. [Der Einzige aus dieser zotigen "Popstar mit Haartolle" – Riege, der es trotz ziemlichen Verschleißes auch darüber hinaus geschafft hat, ist bezeichnenderweise Takeshi Kaneshiro.] Dass die linkisch flegelhaften Typen zwar viel zu alt für die Schulbank und der diesbezüglichen Uniform schon lange entwachsen sind, entspricht dabei dem Traum nach ewiger Jugend ebenso wie der präferierten Rückkehr in eine unzeitgemäße Phantasie, der Verleugnung der Wirklichkeit, der organisierten Massenbegeisterung und der Ausflucht in die magisch unschuldige Kindheit.

Ein Pendeln zwischen der Herrentoilette, wo verbotenerweise geraucht wird und folgerichtig Witze um das Verhindern dessen und die unflätigen Auswirkungen eingespeist werden. Dem Klassenzimmer, wo in den Pausen gewettet oder Glücksspiele betrieben werden und während des Unterrichts die Blicke entweder in den Spickzettel oder unter den Rock der Nachbarin wandern. Und dem raren privaten Bereich, wo meist das liebeskranke Herz im Mittelpunkt steht, weniger als Anlass für Romantik und Empfindung als vielmehr weiteren Schabernack, erneut in Richtung grobem Unfug und folgerichtiger Schadenfreude tangierend. Typische School Days der Truant Heroes also. Die Rezeptur für diese allgemein bizarre Verächtlichmachung, für die groteske Simplizität, die in gequältem Drangsal nach immerwährendem Applaus fragt, entstand schon viel früher, wurde aber mit den brachialen Stephen Chow Erfolgen Fight Back to School abermalig gezündet und ab da an schnell in diversen Aufgüssen verwendet.

So spielen mit dem Direx, der Lehrerin und dem flachbrüstigen Paukerschreck [ Gabriel Wong ] auch einige markante Figuren aus dem Original mit, ist das Setting der Schule eh wie im DIN-Maß identisch und bedient sich auch die Inspiration für die Schelmenstreiche aus durchaus derselben Quelle, nur im Kleinkaliber. Hätte man jetzt noch dergleichen Talent, Kreativität, Charme und Sympathie an Bord und würde für ein weiterreichend narratives Eingedenken in die Materie sorgen, hätte man vielleicht auch mehr als nur ein cremefarbenes 1:1 Konstrukt niederer guilty pleasure Machart, dass Alles schön dem Vorbild nach, nur Klassen tiefer herunter kurbelt.

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