Michael Mann – die Großstadt – zwei Personen – ein Duell!
Das klingt durchaus nach „Heat“, gilt aber genauso für „Collateral“, dem bisher größten Erfolg des Regisseurs. Man kann jetzt mutmaßen, ob das verstärkt an der Teilnahme von Superstar Tom Cruise liegt, auf jeden Fall aber ist es ein weiterer verflucht starker Eintrag im Oeuvre des Mannes, der uns einstmals „Miami Vice“ brachte.
Umkreisten sich in „Heat“ die Protagonisten noch wie zwei kampfbereite Tiger, so führt bei „Collateral“ die schicksalhafte Fügung zwei Figuren in eine Extremsituation. Der Profikiller, dessen fünf Hits in einer Nacht durch ein sich wehrendes Ziel in Gefahr gebracht werden und der ihn fahrende Taxifahrer, der sich zunehmend mit den moralischen Implikationen (er trägt dazu bei, daß Menschen umgebracht werden) und dem drohenden eigenen Ableben nach Beendigung des Auftrags auseinandersetzen muß.
Ungewöhnlicherweise gehört so der Film nicht dem Superstar, also Tom Cruise, sondern Jamie Foxx, dem wohl kommenden Talent auf der „farbigen“ Star-Seite, dem Mann reichlich Platz und Zeit einräumt, um seiner Figur die nötige Tiefe zu vermitteln. Offenbar alleinstehend und von der Selbständigkeit träumend, wird nie ganz klar, ob seine vor sich hergetragene Geschäftsidee nun eine wirkliche Absicht oder nur ein Alibi-Traum ist. Auf jeden Fall stellt er sich nicht den Realitäten, riskiert nicht wirklich etwas, weswegen er sein Taxi auch pedantisch pflegt. Es wird Cruise Aufgabe sein, diesen Panzer wie beiläufig aufzuweichen; die innere Rüstung, die keine ist geht gleichzeitig mit der äußeren (dem Taxi) langsam aber sicher zu Bruch.
Damit gebärt die Not das Risikobewußtsein: als Foxx zwischendurch in der Killerrolle vorgeschickt wird, reißt er sich gerade noch so im letzten Moment zusammen und spielt sich in die Situation hinein, später wird er auch noch das Improvisieren lernen, als ihm die Verhaftung droht und schließlich selbst zur Waffe greifen, als es ihm und seiner Begleiterin ans Leben geht.
Mann erweckt diesen Everyman in Foxx richtiggehend zum Leben, wunderschön deutlich in der Szene, als er eine Scheibe einschießen will und erst rausfinden muß, wie die Waffe entsichert wird.
Cruise dagegen bleibt ein rätselhaftes Chiffre, erst unnahbare, wenn auch nicht uncharmante Killermaschine, steht er die meiste Zeit mit lakonischem Tonfall zu seinen Taten und konstruiert sogar eine Wegwerfphilosophie, um moralische Bedenken abzuschwächen.
Trotzdem kommen sich die beiden Figuren auf einer abstrakten Ebene näher, auch wenn die Abhängigkeiten voneinander etwas diffus bleiben. Erst zum Schluß, als ihm entschieden Widerstand geleistet wird, dringt etwas Emotion an die Oberfläche, eine Art enervierter Entschlossenheit, weil dem Killer selbst Improvisation abgefordert wird.
Wahrer Hauptdarsteller bleibt allerdings Los Angeles bei Nacht, eine Stadt, die nur aus Straßen zu bestehen scheint und aus sich selbst zu leuchten scheint. Im Gewirr der Motorways und Drives geht jede Identifikationsmöglichkeit verloren, ein einziger großer in der Nacht glimmender Organismus ohne Überschaubarkeit. Die Stationen, die das Taxi anfährt, schälen sich dann auch wie kleine Offenbarungen aus dem Chaos, Bojen im Nichts.
Die Charaktere arbeiten gegen die Zeit (Polizei und FBI sind aufmerksam geworden) und damit bleibt ihnen nichts als die Bewegung, das Fortkommen, sei es nun gemütlich oder schnell.
So ist es kein Wunder, wenn auch die Konfrontationen in der Bewegung entstehen: Foxx läßt am Ende das Auto entgleisen und selbst der finale Konflikt findet in einer fahrenden U-Bahn statt, die scheinbar in die Unendlichkeit fährt.
Selbst Cruises letzte Worte, die eine Kuriosität schildern, zu der er selbst gerade geworden ist, deuten auf nichts anderes, als die gigantische Unpersönlichkeit der Stadt, in der der Einzelne nichts zählt und in der Kojoten über nächtliche Straßen huschen.
Das langsame, nie verlöschende Pulsieren der Großstadt, gibt dann auch den Ton beim Tempo an, mal anziehend, mal abschwächend, doch niemals stillstehend. Wenn es nicht mehr weitergeht, ist man tot.
So gesehen sind die Actionszenen gut gesetzt, eine Schießerei in einem vollbesetzten Club bietet vielleicht nicht gerade nie Gesehenes, doch die Koordination der durcheinanderlaufenden Massen, während sich minimum vier Parteien beschießen, ist ein kompliziert konstruierter Höhepunkt. Die Zügel läßt Mann jedoch nie aus der Hand.
Ganz ohne Schwächen kann man den Film jedoch auch nicht entlassen. Mark Ruffalo etwa wird als Police Detective langwierig als Verfolger aufgebaut und bietet Hintergrundinfos an, die die Protagonisten nicht bieten können. In dem Moment, in dem er aber endlich zu einer weitreichenden Bedeutung kommen kann, wird er simpelst erschossen und scheidet aus.
Das gilt auch für die Killer der Auftraggeber und das FBI, als gelte es am Ende, lediglich eine persönliche Sache auszutragen. Die Konstruktion ächzt auch so ein wenig, da das Sympathieband zwischen Jada Pinkett Smiths Anwältin und Foxx’s Max zwar fein gesponnen, aber mit ihr als (natürlich) letztem Opfer gleich wieder überdehnt wird.
Auch scheint der präzise planende Killer ein wenig zu sehr aus der Fassung zu geraten, denn seine letzte Attacke auf Smith hat wenig von der überlegten Selbstsicherheit, sondern mehr von einem Amoklauf. Zwar ergibt sich dadurch ein spannendes Duell in einer komplett verdunkelten und ebenso verglasten Hochhausetage, die in den Scheibe wieder die Lichter der unbarmherzigen Stadt wiederspiegelt, doch als sicheres Vorgehen kann man das kaum bezeichnen. Genauso wie der Filmgott eingreifen muß, um Foxx‘ frisch geklautem Handy plötzlich Akkuschwierigkeiten zu bereiten.
Dafür aber hängt sich Mann an keinen Trend, findet nirgendwo in der Filmgeschichte so viel Entsprechung wie im eigenen Werk und bleibt sich damit treu, was wiederum einen Film entstehen läßt, der so neu und eigenständig, wie selten einer ist.
Täter und Opfer – Jäger und Beute, an diesen Elementen hängt sich der komplette Film auf und bietet all das, was das moderne Blockbusterkino sich heute meistens nicht mehr traut, weil es nicht ultimativ anwendbar ist. Und genau das macht „Collateral“ so persönlich. (8/10)