Jetzt aber mal ran an die extradicke Käsestulle: vor Jahren mal mit halbem Auge Ovido G. Asonitis' (ja, klingt wie ein Verhütungsmittel für Durchfallerkrankungen) fabulösen "Tentacoli" verfolgt, jetzt führt ein freundlicher Regionalsender den räudigen Hund nächtens mal wieder spazieren. Sowas will studiert sein.
"Der Polyp - Die Bestie mit den Todesarmen", wie er gern im deutschen Sprachgebrach aufgeplustert wird, ist schon angesichts seines Produktionsjahres (anno 77) klar unter die "Jaws"-Rip-Offs einzuordnen, ein flotter Cash-In aus "bella italia", während Jeannot Szwarc noch am zweiten Hai-Teil rumschnetzelte. Nun haben die Italo-Kracher ja ihren eigenen Charme, man war da groß im Casten mit schnellem Cash für unterbeschäftigte Hollywood-Akteure und klein mit der Logik im Drehbuch.
Für Letzteres beschäftigte man dann auch gleich monumentale vier Autoren, was angesichts des kreativen Outputs einem schönen Schwinger in die Fresse gleich kommt. Ersteren Standard erreichte man durch das Engagement von gleich fünf Arbeitslosen, die offenbar ihre Szenen an zwei schönen Wochenenden im heimischen Kalifornien abdrehten, um daraus dann irgendwie eine Art von Plot zu schnitzen. Daß der letztendlich nur etwa 50 Prozent des Films ausmacht, wurde durch einige visuell und akustisch sehr kreative Einfälle (die die übrigen 50 Prozent zusammen strecken) wettgemacht.
Für Filmfreunde ist es dabei ganz spannend, mal die Anleihen bei Spielbergs Original mitzuschneiden, von den chaotischen Wasserszenen, über den Pathologenauftritt bis zur gensplittenden Kreuzung der Figuren aus dem Hai-Film, wobei der Polizist zum Stichwortgeber verkommt, der Mahner jetzt Reporter ist und der Meereswissenschaftler mit dem großen Jäger in einer Person verschmolzen wird, während man die Bratzen vor dem Meeresungeheuer retten muß.
Aber was geht denn nun eigentlich vor? Erst snackt sich das viese Fiech, pardon, fiese Viech mal einen Säugling von der Strandpromenade, dann einen Fischer aus dem Trockendock. Das macht natürlich übel Stimmung, vor allem weil deswegen ein Reporter der ansässigen Tunnelbau-Firma nachsteigt. Der selige John Huston faselt sich in bester BILD-Manier dabei ein paar haltlose Verschwörungstheorien zusammen, während daheim seine voluminös-mannstolle Schwester sinnloses Zeug beifügt (Bombenrolle für Shelley "Hippo" Winters!). Das Ziel seiner Anschuldigen ist das Technikprojekt der Firma "Trojan" (die ja für ungebetene Besucher wie einen Riesenkraken schon namentlich prädestiniert ist), die von einem leicht angeranzten Henry Fonda geleitet wird, der in seinen drei Szenen doch glatt einmal telefoniert und zweimal seinen Untergebenen zusammenfaltet. Mehr hat er leider nicht zu tun und deswegen wird die Verbindung zu unserem achtarmigen Spezi auch baldigst fallengelassen, ohne daß das noch größeren Bezug hätte.
Während in der Folge Frau Winters mit einem Dreizimmer-Küche-Bad-Sombrero ihr eigenes und das Nachbarsblag durch die Gegend schwenkt und Huston ständig ungefragt bei den verantwortlichen Stellen rumhängt, nachdenkt, auf die Lösung kommt, sie wieder vergißt, bis es zu spät ist und dann ziemlich durstig aussieht, spielt Claude Akins, der irgendwann mal in der B-Garnitur der glorreichen Sieben mitgeritten ist, den armen Sheriff, der mit allen reden muß, ohne daß ihn oder seine Rolle das weiterbringt.
Derweil haben wir aber schon den "Ocean Master" kennengelernt, in Gestalt von Bo "ich kann ganz dolle schweigen" Hopkins, der sich mit seinen Orcas aus dem Oceansidepark aufs Intimste unterhält und ansonsten bedeutungsvoll drei Worte pro Filmminute fallen läßt.
Bemerkenswert ist das deswegen, weil er das auch so fortsetzt, nachdem ihm der Riesenkalamari auch noch die Verlobte samt Family beim Bootsausflug weggesnackt hat. Betroffener und rachedurstiger hat noch keiner dreingeschauen, er fängt nicht mal das Saufen an.
Tja, inzwischen ist viel Filmzeit vergangen. Die Stars faseln sich wirkungslos eine dritte Garnitur von "Jaws" aus den Rippen und Stelvio Cipriani, der ungefähr zwei Millionen Italo-Filme mit seinen Scores bestrichen hat, setzt atmosphärisch auf Walgejaule und einen beunruhigenden Spaghetti-Western-Sound, der auch beim Showdown auf der Main Street gut Wetter gemacht hätte.
Wer jetzt fragt, wie man da 90 Minuten voll kriegt, der muß erstmal die Vorbereitungen auf die Familientragödie gesehen haben, bei der erst die Verlobtensippe schwimmen geht (inclusive Fettsack), der zweimal übel erschreckt wird, ehe beim Dritten man endlich nach seinen Fettpolstern angelt, dann das Boot samt Frau flöten geht und im Anschluß die Verklebte samt Rettungsteam bei Nacht auch noch dran glauben muß, wobei man gleich zwei spielbergsche Sequenzen kombiniert und recycelt. Danach kann man dem Einlaufen der Suchboote samt trauriger Musik gefühlte sechs Minuten beiwohnen, prösterle.
Damit ist aber noch nicht genug, denn es folgt ja noch die Kinderregatta, bei der man mangels technischer Fertigkeiten, einfach Strandszenen (mit dem schlechtesten Witzeerzähler seit dem toten Bob Hope) und Segeltörnaufnahmen mittels Einfrieren und Stoptricks zu dramatischer Wirkungslosigkeit mit musikalischem Panikfaktor 10 hochpusht. Gleichzeitig schiebt man einen Plastikkrakenschädel wie Kapitän Nemos Nautilus durchs Wasser, auf das jeder glaubt, daß sich Oktopoden so fortbewegen. Unterbrochen wird das durch eine in ein Walkie-Talkie heulende Winters, während auf der Tonspur jedoch die Comedyperformance des Witzbolds läuft, das ist mal eine ganz geschickte Atmo-Steigerung.
Nachdem man dann reichlich Jollen im Meer hat umkippen lassen und ein Kind verschnabuliert wurde, ist endlich Schluß mit lustig und Beauty Bo läßt seine Orcas (die er respektlos "Mörderwale" tauft) auf die unfrittierten Tintenfischringe los und die Jungs sind so dankbar für ihre enge Zeit im Freizeitpark, daß sie unaufgefordert zur Tat schreiten, anstatt das Weite zu suchen.
"Tentacoli" ist wirklich bemerkenswert: ein einziger Streckungs- und Täuschungsversuch, der uns bemüht vorgaukeln will, einen Film zu sehen, für den die Macher leider nie die Bilder hatten. Da wird wild getaucht und Hopkins versucht sich an seiner Version der "USS Indianapolis"-Geschichte (ja, auch sowas muß dran glauben), allerdings dauert sie viermal so lang und ist nur ein Fünftausendstel so interessant. Bild und Ton passen meistens nicht zusammen, Figuren werden aufgenommen und fallengelassen oder sulen sich geradezu in ihrer Funktionslosigkeit, aber mit viel Screentime. Dazu wird endlos dummes Zeug geredet (als ob sich ein Riesenkrake in den Flachgewässern halten könnte oder sich von Funkwellen angezogen fühlen würde), was aber nötig ist, um die Lauflänge zu strecken.
Was die Tricks angeht, so sind die noch das Beste an dem Film. Neben einer netten Schocksequenz und den passablen Unterwasserszenen, taucht der Krake in mannigfaltigen Variationen auf. Ein paarmal riechts deutlich nach Miniatorbootsmodell und Aquarium, aber meistens hat man die echte Krake (natürlich eine normal große) ganz gut eingefangen. Der Schlußkampf ist halbgar hinbekommen und bei Nacht kann man sich auf ordentliche Modelle verlassen, nur das Regatta-U-Boot sieht echt kacke aus. Ansonsten ist der Film aber keimfrei, schön schreien und aus.
Die Herkulesaufgabe, alle Fehler dieses Films, technisch und inhaltlich aufzuzählen, überlasse ich gern weiterhin den Profis von "badmovies.de", es ist aber geradezu euphorisch befreiend, mitzuerleben, wie raffiniert damals auf Kohärenz geschissen wurde, einfach immer mehr Schlagsahne und Soße draufkippen, dann merkts schon keiner.
Ein knackiges Trashfilmchen, daß gerade wegen seiner offensichtlichen Inkompetenz in der Koordinierung eventuell vorhandener Talente fast schon wieder Spaß machen könnte, wenn es sich nicht ständig wie Kaugummi ziehen würde. (2/10)