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In Scharen kehrten sie heim aus ihren Gefängnissen, gebaut wahlweise aus staatlichen Mauern oder aus den Mauern der eigenen Psyche. Das neue, physische Einmann-Actionkino, insbesondere von Sylvester Stallone mit „Rambo“ (1982) kultiviert, liegt auf einem Feld ausgesät, das sich über Jahre hinweg aus dem kollektiven Vietnam-Trauma genährt hatte. Auf dem großzügig geschnittenen amerikanischen Boden hatten etliche gebrochene Veteranen reichlich Platz, um an den Rändern staubiger Landstraßen endlose Fußmärsche Richtung Heimat einzulegen, ohne die Wege je mit einer Menschenseele zu kreuzen; erst recht nicht mit ihresgleichen.

John Rambo, der die Hoffnung auf inneren Frieden schon an der Grenze der Kleinstadt Hope aufgeben musste, ist nur der Populärste unter ihnen. Antihelden seines Schlags tauchten im US-Kino der 80er anschließend etliche weitere auf. Die meisten von ihnen hatten mehr oder weniger dieselben Lebensläufe vorzuweisen. Ihre Versuche, sich in die Zivilisation zu reintegrieren, führten am Ende fast immer zur gleichen berechenbaren Abfolge von Ursache und Wirkung. Man weiß also gar nicht so recht, ob man von Klischees oder einfach von vorbestimmtem Schicksal sprechen soll.

Im speziellen Fall von „Der Tiger“, im Original „Eye of the Tiger“, ist allerdings schon der Filmtitel ein Hinweis darauf, dass man es auf die Klischees abgesehen hatte, ging es doch offensichtlich um Profit durch den Faktor Wiedererkennbarkeit. Den gleichnamigen Titelsong schrieben Survivor ursprünglich für „Rocky III“ (1982). Nicht genug für die produzierenden Scotti Brothers, die den oscarnominierten Hardrock-Kracher aus ihrem Portfolio vier Jahre später nicht nur wiederverwerten wollten, sondern gleich einen neuen Actionstreifen nach ihm benannten. Naiverweise könnte man jetzt glatt meinen, Gary Busey sei der ursprüngliche Tiger, zu dessen Ehren die Gitarrensaiten galoppieren.

Busey wiederum hätte man sich eigentlich eher für den den Villain-Part ausgemalt, für den er in späteren Action-Klassikern wie „Lethal Weapon“ oder „Alarmstufe: Rot“ bekannt geworden war. Den Anführer einer Motorradgang hätte er wahrscheinlich locker aus dem Ärmel geschüttelt. Diesen Job übernimmt stattdessen nun William Smith, der grimmig-humorlos wie ein Antagonist aus einem apokalyptischen SciFi-Actioner der 70er agiert. Seine Dominanz baut er durch die einschüchternde Lederkluft und die schräge Frisur auf, weniger durch das minimierte bis inaktive Schauspiel. Wahrscheinlich hätte Busey die Rolle mit seinem blonden Strubbelhaar, seinen irren Augen und seinen gigantischen Zahnreihen zeitgemäßer angelegt, vielleicht sogar den Boden für spätere Comic-Villains wie Jack Nicholsons Joker aus „Batman“ (1989) aufbereitet. In der Rolle des verzweifelten Einzelgängers fährt er allerdings einen unerwartet introvertierten Kurs. Auch hier ist es letztlich Stallones Rambo und dessen Verletzbarkeit, die als Blaupause dient, obgleich Buck Matthews mehr zu verlieren hat als Rambo, nicht weniger als seine Familie nämlich.

Gary Busey also als sensibler Ehemann und Vater? Was auf dem Papier nach einer riskanten Casting-Entscheidung klingt, funktioniert in der Praxis erstaunlich gut. Während man den Plot bereits nach wenigen Minuten durchschaut hat und jeden Schritt der Hauptfigur vorhersagen kann, bewahrt Busey mit einer nuancierten Leistung trotzdem das Interesse an ihr. Zwar lässt sich der Grad der emotionalen Veränderungen durch die Geschehnisse an seinem Gesicht nur schwer ablesen, aber er kämpft auf seine Weise gegen die schablonenhafte Ausformung seines Charakters an… um zur richtigen Zeit die fetten Ausrufezeichen aus dem Sack zu lassen.

Denn obwohl Pro- und Antagonist insgesamt eher die leisen Töne spielen, ist „Der Tiger“ deswegen noch lange kein kleinlauter Film. Wenn es an der Zeit ist, die Kleinstadtruhe zu stören, werden die Schalter auch mal ganz schnell umgelegt. Auf einmal fliegt ein Pick-Up durch die Luft und reißt mehrere behelmte Schurken mit sich, von denen manch einer im Laufe der eineinhalb Stunden durchaus mehr als nur seinen Helm verliert. Richard Sarafian lässt sich nicht lumpen und schickt einen vermummten Schergen nach dem anderen vor die Kamera, als würde er Holzscheite ins verglühende Feuer nachwerfen. Gerade bei der Stürmung von Bucks Zuhause hat es den Anschein, die anonymen Kerle in Lederkluft kämen aus jedem Zimmer gesprungen, aus jeder Schublade, hinter jedem Gartenzwerg hervor, um dem bärigen Hünen mit der Flinte endlich das Handwerk zu legen.

Das Publikum war terrorisierende Biker-Gangs aus dem Fernsehen längst gewöhnt, etwa aus der „A-Team“-Episode „Black Day at Bad Rock“ (Staffel 1, Episode 5) oder dem entsprechenden „Knight Rider“-Pendant „Good Day at White Rock“ (Staffel 1, Episode 4). Man läge auch gar nicht so falsch, würde man den Dodge Pick-Up, den Buck als Hilfsmittel für seine Rachegelüste nutzt, als eine Kreuzung zwischen dem GMC Vandura aus der einen Serie und dem Pontiac Trans Am aus der anderen Serie bezeichnen. Und doch weiß sich auch eine kleine Filmproduktion wie „Der Tiger“ noch von kleinformatiger TV-Unterhaltung durch mehr als nur das Bildformat abzuheben. Man bekommt zwar diverse typische TV-Momente geboten (wenn etwa der korrupte Sheriff mit einem schiefen Grinsen sein Schmiergeldbündel zählt oder die Rocker-Parade ein knatterndes Auspuffkonzert während einer Beerdigung veranstaltet). Wenn es jedoch zur Sache geht, dann auch durchaus sättigend für die große Leinwand, immer mit dem nötigen Druck, einigen Härten und grundsolider Stuntarbeit.

Von den Produktionswerten abgesehen, muss man zwischen den Actionszenen auch keine albernen Comic Reliefs der Marke „Verfechter von Recht und Verfassung“ über sich ergehen lassen. Die Motive der Handelnden mögen einfach gestrickt sein, entsprechen dabei aber immerhin auf ehrliche Weise ihrem emotionalen Kern. Die Hauptfigur wird durch ihr Umfeld plausibel charakterisiert, was ihr Handeln nachvollziehbar macht, auch wenn sie manchmal doch recht kurzsichtig agiert und die Sicherheit der eigenen Familie auch mal aus dem Affekt heraus aufs Spiel setzt. Gary Busey ist im Übrigen keineswegs der einzige Darsteller am Set, der überzeugend gegen die Eindimensionalität seiner Rolle ankämpft: Seymour Cassel schafft es, seinen Schmierlappen von Gesetzeshüter immer noch ambivalent erscheinen zu lassen und Yaphet Kotto trägt als Busey-Buddy viele bereichernde Elemente aus seinen Dramen, Krimis und Blaxploitationstreifen der 70er in die Handlung, was ihr zumindest gefühlt etwas mehr Substanz verleiht, zumal im Hintergrund rassistische Spannungen brodeln, wie sie nur allzu klassisch sind für Kleinstadtfilme. Außerdem wird er gerne von James Browns Funk begleitet, so dass der Soundtrack endgültig zu einem der auffälligsten Bestandteile der Produktion wird.

Ein wenig aufdringlich wirkt der Titelsong am Ende trotzdem, assoziiert man ihn doch viel zu eindeutig mit „Rocky III“, als dass man ihn in einem anderen Kontext akzeptieren würde. Sieht man darüber hinweg, werden die bekannten Versatzstücke aus Dutzenden von Heimkehrer-Melodramen in „Der Tiger“ zu einem stabilen Gerüst verarbeitet, das auch wegen des kernigen Hauptdarstellers seine Form bewahrt, den man ja ohnehin viel zu selten in Hauptrollen gesehen hat. Das alleine ist eigentlich schon Argument genug, um zumindest Genre-Anhänger einen Blick riskieren zu lassen.

(5.5/10)

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